Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal überraschend auf einen kräftigen Wachstumskurs geschwenkt und hat damit Befürchtungen widerlegt, die größte Volkswirtschaft im Euroraum könnte in eine kleine Rezession abgleiten. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von Januar bis März um 0,5 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mitteilte.
Analysten hatten im Schnitt nur ein Plus von 0,1 Prozent erwartet, wobei die Schätzungen von minus 0,3 bis plus 0,2 Prozent reichten. Ende 2011 war die Wirtschaft noch um 0,2 Prozent geschrumpft - zum ersten Mal seit fast drei Jahren. Bei zwei Minus-Quartalen in Folge wird von Rezession gesprochen.
Der Euroraum ist durch das kräftige Wachstum seiner größten Volkswirtschaft haarscharf an einer Rezession vorbeigeschrammt. Das Bruttoinlandsprodukt in der Währungsunion stagnierte von Januar bis März im Vergleich zum Vorquartal, teilte das Statistikamt Eurostat ebenfalls am Dienstag mit. Ende 2011 war es noch um 0,3 Prozent zurückgegangen.
Schwellenländer sorgen für hohe Nachfrage
Ihr Comeback verdankt Europas größte Volkswirtschaft vor allem den gut laufenden Exporten. Ein Schub kam vor allem von den Schwellenländern, die damit die geringere Nachfrage aus dem mit Staatschulden kämpfenden Euroraum ausgleichen konnten. „Nach vorläufigen Berechnungen sind die Exporte - anders als die Importe - zum Jahresbeginn gestiegen“, schreiben die Statistiker. „Außerdem wurde im Inland mehr konsumiert als im Vorquartal.“ Das habe die sinkenden Investitionen teilweise kompensieren können. Details wollen die Statistiker am 24. Mai nennen.
Verglichen mit dem ersten Quartal 2011 zog das Bruttoinlandsprodukt um 1,7 Prozent an und damit mehr als doppelt so kräftig wie erwartet. Die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2012 wurde von 41,1 Millionen Erwerbstätigen erbracht, das waren 612.000 Personen oder 1,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Unsicherheit durch Schuldenkrise
Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr mit einem Wachstum von 0,7 Prozent, das sich 2013 auf 1,6 Prozent erhöhen soll. Die führenden deutschen Forschungsinstitute erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum von 0,9 Prozent, 2013 trauen sie der Wirtschaft sogar einen Zuwachs um 2,0 Prozent zu.
Die deutschen Unternehmen haben sich in der Eurokrise in andere Märkte umorientiert. So profitieren etwa die Automobilhersteller und ihre Zulieferer von der Nachfrage in schneller wachsenden Märkten wie China. Die Hoffnungen ruhen vor allem auf einem robusten Binnenmarkt. Gleichzeitig kurbeln sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Löhne im Inland den Konsum an. Das Geschäftsvertrauen hat sich im April den sechsten Monat in Folge verbessert. Die Unternehmen übertrafen im ersten Quartal mit ihren Geschäftszahlen die Erwartungen. „Deutschland wird nicht sein allerstärkstes Wachstum verzeichnen, aber es wird weiterhin die anderen Euro-Länder übertreffen”, sagte Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen.
Unter dem Eindruck der Schuldenkrise bewerten Börsenprofis die Aussichten für die deutsche Wirtschaft allerdings aktuell deutlich skeptischer als zuletzt. Das ZEW-Barometer sackte im Mai um 12,6 Zähler auf 10,8 Punkte ab, wie das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ebenfalls am Dienstag mitteilte. Es war der erste Rückgang nach fünf Anstiegen in Folge. Die Lage wurde hingegen überraschend positiver bewertet: Dieses Barometer stieg auf 44,1 Punkte von 40,7 Zählern. „Zu der Verschlechterung der Erwartungen dürfte beitragen, dass es vor dem Hintergrund der Wahlergebnisse in Griechenland und Frankreich unsicherer geworden ist, dass die europäischen Regierungen entschlossen gegen die Staatsschuldenkrise im Euroraum vorgehen“, sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz.
Deutschland wächst, die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum, Frankreich, stagnierte in den ersten drei Monaten des Jahres. Schlimmer sieht es in den Krisenländern aus: Die spanische Wirtschaft schrumpfte wie schon am Jahresende um 0,3 Prozent und steckt damit wieder in einer Rezession. Ebenso erging es Italien, wo das Bruttoinlandsprodukt sogar um 0,8 Prozent einbrach. Das war der dritte Rückgang in Folge. Auch Portugal findet nicht aus der Rezession: Hier gab es ein Minus von 0,1 Prozent.
Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Wirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr um 0,3 Prozent schrumpft. Für 2012 traut sie ihr wieder ein Wachstum von 1,0 Prozent zu.
(Reuters)
Schlecht als wenig gut bezeichnet
Sophia Orti (rum)
- 15.05.2012, 14:48 Uhr
Wachstum ohne Wert
Otto Meier (DerQuerulant)
- 15.05.2012, 12:38 Uhr
Deutschland braucht Negativwachstum, um zur Ruhe zu kommen
Peter Hoch (luxor)
- 15.05.2012, 11:12 Uhr
Ich hol mal meine Lupe raus um den Aufschwung zu erspähen.
Thomas Lagershausen (Medienbeobachter)
- 15.05.2012, 09:46 Uhr
Eine Nebensächlichkeit
Hansjörg Dohm (MCfive)
- 15.05.2012, 09:18 Uhr