Die deutsche Wirtschaft hat auch im dritten Quartal ordentlich zugelegt: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von Juli bis September um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Dienstag mitteilte. Gleichzeitig korrigierten die Statistiker das Wachstum im zweiten Quartal von 0,1 Prozent auf 0,3 Prozent nach oben. Im ersten Quartal war die deutsche Wirtschaft noch um kräftige 1,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen.
Verantwortlich für das Wachstum im dritten Quartal waren laut Statistik vor allem die privaten Konsumausgaben und Investitionen im Inland. Für Schwung sorgten im Sommer auch die Unternehmen, die wieder mehr in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen investierten. Die Bauausgaben gingen dagegen nach dem starken Jahresbeginn etwas zurück. Der Außenbeitrag hingegen trug demnach kaum zum Wachstum bei, weil Exporte und Importe von Juli bis September in etwa gleich stark angestiegen seien. Im Vergleich zum dritten Quartal 2010 stieg das BIP laut Statistik um 2,5 Prozent. Damit knüpft die deutsche Konjunktur allmählich an den fulminanten Jahresstart an.
„Kein Anlass zu Konjunkturoptimismus“
„Zu Konjunkturoptimismus besteht indes kein Anlass, denn die Industrie hat vor allem vom Auftragspolster der vorangegangenen Monate gezehrt“, sagte Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im vierten Quartal werde das Wachstum aber vor allem wegen der Krise im Euroraum mager ausfallen. Hierauf deuteten die in den letzten Monaten massiv eingebrochenen Umfragewerte unter Verbrauchern und Unternehmern hin. „Die Menschen sind verunsichert, sagte Fichtner. “Das ist Gift für die Konjunktur.“
Nach Einschätzung des DIW ist das kräftige Plus im dritten Quartal vor allem dem Quartalsauftakt im Juli zu verdanken, da aufgrund der späten Lage der Sommerferien in einigen Bundesländern ein großer Teil der Produktion vorgezogen wurde. Schon im August und September sei die Industrieproduktion dagegen deutlich zurückgegangen. Im Jahresdurchschnitt 2011 dürfte das Wirtschaftswachstum nach Einschätzung des DIW trotzdem rund drei Prozent betragen. Auch der Ökonom Carsten Brzeski von der ING Bank hält dieses Ziel nach wie vor für erreichbar. Allerdings ist auch seine Einschätzung für die kommenden Monate düster. Frankreich und Italien seien zuletzt in den Strudel der Schuldenkrise geraten, wodurch die deutsche Exportwirtschaft leiden werde. Deutschland habe dadurch seine Immunität eingebüßt.
In den kommenden Monaten droht Deutschland deshalb eine Flaute. Viele Experten befürchten am Jahresende und Anfang 2012 eine Stagnation, einige sogar eine milde Rezession. Die exportabhängige Industrie spürt die Schuldenkrise und die weltweite Konjunkturabkühlung bereits: Sie erhielt zuletzt deutlich weniger Aufträge aus dem Euroraum, in die etwa 40 Prozent ihrer Ausfuhren gehen. Auch in Übersee lässt das Wachstum nach.
Im Vergleich zu vielen anderen Euro-Ländern steht Deutschland sehr gut da. Spaniens Wirtschaft stagnierte im Sommer, während die portugiesische sogar um 0,4 Prozent schrumpfte. Frankreich schaffte ein Plus von 0,4 Prozent. Eurostat veröffentlicht noch am Vormittag seine Prognose für die gesamte Euroraum. Die 41 von Reuters befragten Analysten rechnen wie schon im Vorquartal mit einem eher mäßigen Wachstum von 0,2 Prozent. Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das Bruttoinlandsprodukt um kräftige 2,5 Prozent zu. Im Frühjahr waren es noch 3,0 Prozent. Bundesregierung, Forschungsinstitute und Wirtschaftsweise sagen für dieses Jahr ein Wachstum von rund drei Prozent voraus, erwarten 2012 aber nur noch rund ein Prozent.
GESCHÄFTSKLIMA:
Immer mehr Unternehmen bangen wegen der Schuldenkrise in Europa um ihre Geschäfte. Die Stimmung in den deutschen Chefetagen trübte sich im Oktober den vierten Monat in Folge ein und ist nun so schlecht wie seit Juni 2010 nicht mehr, ergab die monatliche Umfrage des Münchner Ifo-Instituts unter 7000 Firmen. Die Manager schätzten sowohl die Lage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate deutlich schlechter ein. Die Stimmung ließ in der Industrie ebenso nach wie in der Baubranche und im Handel, der sich um das wichtige Weihnachtsgeschäft sorgt.
INDUSTRIEAUFTRÄGE:
Sie brachen im September wegen der schwachen Nachfrage aus den Euro-Ländern so stark ein wie seit knapp drei Jahren nicht mehr. Die Bestellungen lagen um 4,3 Prozent unter dem Niveau des Vormonats und schrumpften damit den dritten Monat in Folge. Einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise im Januar 2009 mit rund 6,6 Prozent. Grund für den Einbruch war die Zurückhaltung der Kunden in den Euro-Ländern. Deren Bestellungen brachen um 12,1 Prozent ein.
EINKAUFSMANAGER:
Die deutschen Dienstleister befürchten magere Zeiten. Im Oktober schätzten sie ihre Aussichten für die kommenden zwölf Monate so schlecht ein wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr, ermittelte das Markit-Institut bei seiner Umfrage unter 500 Unternehmen. Mehr als jeder vierte Dienstleister befürchtet Geschäftseinbußen, während nur 15 Prozent von Zuwächsen ausgehen. Ein Grund für den Pessimismus sind die nachlassenden Aufträge: Das Bestellungen gingen bereits den dritten Monat in Folge zurück. In der Industrie sieht es ebenfalls mau aus: Ihre Geschäfte schrumpften im Oktober nach mehr als zwei Jahren stetigen Wachstums erstmals wieder.
KONSUMKLIMA:
Trotz Schuldenkrise und wachsender Rezessionsängste steigt die Stimmung der deutschen Verbraucher, wenn auch nur minimal. „Eine gute Arbeitsmarktlage sowie spürbare Einkommenszuwächse der Beschäftigten sorgen derzeit für ausgezeichnete Rahmenbedingungen“, ermittelten die GfK-Marktforscher bei ihrer Umfrage unter rund 2000 Deutschen. Ihr für November berechnetes GfK-Konsumklima steigt um 0,1 auf 5,3 Punkte und damit erstmals seit März wieder. Allerdings liegt das Barometer klar unter den im Frühjahr erreichten Werten.
Die Stimmungsmache ist Merkel geschuldet.
bernd ullrich (demokrat2)
- 16.11.2011, 09:10 Uhr
Endlich die Wahrheit in der FAZ: nur 40% der deutschen Exporte in den Euroraum.
Horst Müller (KonzeptionistzuVerlassen)
- 15.11.2011, 22:29 Uhr
Hurra
Berthold F. Sindermann (Sirventes)
- 15.11.2011, 11:18 Uhr
Die Realität ignoriert die Prognostiker. Das ist eine Unverschämtheit.
Herbert Sax (H.Sax)
- 15.11.2011, 10:30 Uhr
