22.10.2002 · Ökonomen streiten, ob Deutschland vor einer Deflation steht. Eine saubere Diagnose ist schwierig und die Gefahr groß, dass "Deflation" behauptet wird, um einen Kurs geldpolitischer Striktheit und finanzpolitischer Disziplin aufzuweichen.
Von Benedikt FehrSeit dem Zweiten Weltkrieg hat die Wirtschaftspolitik die Inflation als einen ihrer Hauptfeinde betrachtet. Doch mehren sich die Stimmen, die warnen, dass derzeit Deflation die größere Gefahr sei. Zwar hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, unlängst betont, die Bank sehe dafür im Euro-Raum momentan keine Anzeichen. Doch zeigt dieser Hinweis, dass das Thema inzwischen nicht nur Bankenvolkswirte, sondern auch die Notenbanken beschäftigt.
Von Deflation wird gesprochen, wenn das Preisniveau dauerhaft sinkt und Konsumenten wie Unternehmer weitere Preisrückgänge erwarten. Die Folgen sind fatal, wie sich in Japan zeigt. Dort hat die Deflation die Wirtschaft seit einigen Jahren im Griff. Weil sich Japans Verbraucher in Erwartung sinkender Preise mit Anschaffungen zurückhalten, ist die Wirtschaft in eine Abwärtsspirale aus sinkender Nachfrage, steigender Arbeitslosigkeit und abnehmenden Einkommen geraten. Zudem erhöht Deflation die Last von Schulden. Das hemmt die Investitionsbereitschaft und hat Japans Banken durch Forderungsausfälle in die Krise gestürzt.
Geldmenge nimmt weiter zu
Auf den ersten Blick spricht wenig dafür, dass Amerika oder der Euro-Raum in einen ähnlichen Strudel geraten könnten. Zwar ist Anfang 2000 die Super-Aktienhausse geplatzt. Doch hat vor allem die amerikanische Geldpolitik rasch mit einer starken Senkung der Leitzinsen reagiert. Die dem Börsenkrach folgende Rezession fiel deshalb milde aus, bald begann die Wirtschaft wieder zu wachsen.
Gegen eine deflationäre Entwicklung spricht zudem, dass die Geldmenge sowohl in Amerika als auch im Euro-Raum kräftig zunimmt. Manche Fachleute befürchten deshalb, dass die reichliche und billige Liquidität einem inflationären Preisauftrieb Vorschub leisten könnte. Eine Bestätigung findet diese Sichtweise darin, dass sich die Euro-Inflationsrate hartnäckig oberhalb der von der EZB gesetzten Obergrenze von zwei Prozent hält.
Abbau von Überkapazitäten
Die Warner vor einer Deflation argumentieren demgegenüber so: Weil viele Unternehmen in der Aktienhausse Überkapazitäten aufgebaut haben, halten sie sich jetzt mit Investitionen zurück und reduzieren ihre Kosten durch Abbau von Arbeitsplätzen. Zudem liefern sie sich einen deflationären Preiswettbewerb, den billige Importe aus den Schwellenländern noch verschärfen.
Folge dieses Existenzkampfes ist eine Pleitewelle, die die Banken in Bedrängnis bringt und ihre Bereitschaft zur Kreditvergabe beeinträchtigt. Den privaten Verbrauch schließlich dämpfen die Vermögenseinbußen aufgrund der Aktienbaisse, vor allem aber die steigende Arbeitslosigkeit.
Inflation der Häuserpreise
Diesen dämpfenden Effekten steht freilich gegenüber, dass die reichliche und billige Liquidität in Amerika und Großbritannien - aber auch in einigen südeuropäischen Ländern - eine Immobilienhausse ausgelöst hat. Diese "Inflation der Häuserpreise" stützt den Konsum; denn sie läßt viele Eigenheimbesitzer sich reicher fühlen. Doch ist es für Pessimisten nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Blase platzt. Dann wären ungezählte Haushalte überschuldet, drohte auch von daher Deflation.
Um dem Abgleiten in eine Abwärtsspirale vorzubeugen, empfehlen diejenigen, die Deflation befürchten, die Konjunktur durch niedrigere Leitzinsen und zusätzliche Staatsausgaben zu stimulieren. Ihrer Meinung nach könnte auch die erlahmende deutsche Konjunktur etwas Stimulanz gut gebrauchen. Sie verweisen zudem darauf, dass die Inflation in Deutschland nur noch ein Prozent beträgt. Der Realzins ist deshalb vergleichsweise hoch.
Fesseln der Geld- und Fiskalpolitik
Den "Deflationisten" zufolge haben sich allerdings Geld- und Fiskalpolitik des Euro-Raums in den Fesseln überzogener Vorgaben verfangen: die Geldpolitik durch das Ziel, die Inflationsrate unter zwei Prozent zu drücken; die Fiskalpolitik durch die Defizitregeln des Stabilitätspaktes. Darüber kann man streiten. Eine Gefahr liegt aber darin, dass sich Geld- und Fiskalpolitik über wechselseitige Vorwürfe blockieren.
So sieht die EZB die Wachstumsschwäche vor allem darin begründet, dass die Politik Strukturreformen verschleppt und die großen Wirtschaftsnationen Deutschland und Frankreich mit der Sanierung ihrer Staatshaushalte säumig sind. Demgegenüber werfen Politiker der EZB vor, ihre Wachstumsprognosen seien zu optimistisch gewesen. Deshalb solle sie schleunigst, bevor die Abwärtsspirale an Fahrt gewinne, durch niedrigere Leitzinsen günstigere Rahmenbedingungen für Wirtschaftswachstum schaffen.
Saubere Diagnose schwierig
Wägt man die volkswirtschaftlichen Schäden ab, die von einer Deflation im Vergleich zu einer etwas stärkeren Inflation ausgehen können, stellt die Deflation das größere Risiko dar. Eine saubere Diagnose allerdings, ob im Euro-Raum tatsächlich eine Deflation bevorsteht, bleibt - wie die Auseinandersetzung der Ökonomen zeigt - schwierig. Der Interpretationsspielraum ist groß und die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass "Deflation" behauptet wird, um einen Kurs geldpolitischer Striktheit und finanzpolitischer Disziplin aufzuweichen und andere Gründe der Wachstumsschwäche, wie Angst vor strukturellen Reformen, zu verdecken.
Solange die Datenlage nicht eindeutig ist, sind daher Empfehlungen an die Geld- und Fiskalpolitik mit Vorsicht zu betrachten. Stellt sich heraus, dass die Anzeichen für eine Deflation deutlicher werden, müsste die EZB die Zügel eher lockern. Wunderdinge sind aber auch dann nicht von der Geldpolitik zu erwarten. Ihre Wirkung ist begrenzt, wenn das Zinsniveau niedrig ist. Auch das lehrt ein Blick nach Japan, wo sich die Deflation weder durch Geld- noch durch Fiskalpolitik stoppen lässt. Dort liegt der Leitzins bei null Prozent, Konjunkturprogramme haben die Staatsverschuldung auf desaströse 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aufgebläht.
Überfällige Reformen
Der Schlüssel zum Wachstum liegt - nicht nur in Japan - darin, die strukturellen Schwächen der Volkswirtschaft anzugehen. Auch in Deutschland sind entsprechende Reformen überfällig. Sie nur schaffen das Vertrauen, das nötig ist, damit Unternehmer und Verbraucher der Zukunft mit Zuversicht entgegenblicken. Das Programm der neuen Bundesregierung gibt diesbezüglich keinen Anlaß zur Hoffnung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |