17.12.2007 · Seit gut zwei Jahren erlebt Deutschland einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung. Die gute Konjunktur hat auch den Arbeitsmarkt erfasst, die Zahl der registrierten Arbeitslosen sank auf das niedrigste Niveau seit 14 Jahren. Doch die Stimmung im Lande hat sich kaum gebessert. Warum?
Von Philip PlickertSeit gut zwei Jahren erlebt Deutschland einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Bilanz ist beachtlich: Fast 3 Prozent Wachstum gab es im vergangenen Jahr , etwa 2,5 Prozent werden es dieses Jahr sein. Die gute Konjunktur hat auch den Arbeitsmarkt erfasst. Innerhalb eines Jahres ist die Zahl der registrierten Arbeitslosen um mehr als 600.000 auf 3,4 Millionen gesunken, das niedrigste Niveau seit 14 Jahren. Der Wohlstand nimmt real zu, das zeigen alle Statistiken. Dennoch ist eine Mehrheit der Deutschen weiter unzufrieden, wie eine große Allensbach-Umfrage jüngst bestätigt hat. Die Bürger beklagen, dass der Aufschwung nicht bei ihnen ankomme. Im Vergleich zu einer Umfrage vor fünf Jahren, als die Wirtschaft stark lahmte, hat sich die Stimmung sogar verschlechtert.
Die Statistiken zeigen eine klare Erfolgsgeschichte, die noch vor zwei Jahren, als die Wachstumsraten um ein Prozent dümpelten, kaum jemand für möglich gehalten hat. Deutschland war ein Jammertal. Im Rückblick zeigt sich, dass der anfängliche Schub vom Außenhandel kam. Die seit sechs Jahren sehr kräftig wachsende Weltwirtschaft hat zunächst von 2004 an den deutschen Export belebt; bald darauf begannen die Unternehmen mehr zu investieren. Sie hatten in den Jahren der Stagnation nach 2001 einen schmerzhaften Umbau durchgemacht, ihre Produktion verschlankt und Kosten gesenkt.
Die Gewinne fließen
Danach waren die deutschen Unternehmen gut gerüstet, die sich bietenden weltwirtschaftlichen Chancen zu nutzen – und sie haben sie genutzt. Die Gewinne der Unternehmen fließen so stark wie schon lange nicht mehr; die Einkommen der Arbeitnehmer hingegen steigen nur langsam. Nominell haben die Bruttoentgelte dieses Jahr um rund 3 Prozent zugelegt, während die Renten weiterhin stagnieren. Nach Abzug von Steuern und Sozialbeiträgen bleiben den Bürgern nur knapp 2 Prozent übrig. Das ist weniger als die Inflationsrate.
Da ist es für viele nur ein schwacher Trost, dass allgemein das Wirtschaftswachstum dieses Jahr robust war, trotz eines Dämpfers im Frühjahr nach dem Mehrwertsteuerschock und trotz der zunehmenden Risiken wegen der Hypothekenmarktkrise, des stark verteuerten Ölpreises und des hohen Euro-Kurses. Im Verlauf dieses Jahres hat sich immer deutlicher gezeigt, dass sich die Wachstumskräfte verlagern: Vom Außenhandel gehen nur noch wenig positive Impulse aus. Hauptstütze des Aufschwungs soll nun die Binnenkonjunktur werden, sagen die Forschungsinstitute. Alle Hoffnung auf eine Fortsetzung des Aufschwungs ruht damit auf den Verbrauchern. Sie konsumieren bislang aber nur zögerlich. Mit steigender Beschäftigung wächst zwar die Lohnsumme und die Kaufkraft der privaten Haushalte, doch halten sich diese zurück. Sie spüren die zusätzliche Mehrwertsteuerlast. Die Kauflust wird auch getrübt durch steigende Preise für Benzin und Heizöl sowie für Nahrungsmittel. Daher ist es nicht ausgemacht, dass die optimistischen Prognosen jener Ökonomen eintreffen, die auch im kommenden Jahr rund 2 Prozent Wachstum erwarten.
Der Einfluss Amerikas
Erhebliche Gefahr für den Aufschwung besteht, falls die Vereinigten Staaten wegen der Immobilien- und Hypothekenkrise in eine Rezession rutschen und in der Folge die Aktienkurse weltweit nachgeben. Davon könnte sich Deutschland nicht völlig abkoppeln. Nach gängigen Simulationsrechnungen würde das Wachstum hierzulande im nächsten Jahr um einen halben Prozentpunkt, im folgenden Jahr sogar um 1,2 Prozentpunkte gebremst werden. Der Aufschwung der restlichen Welt, besonders der Schwellenländer China und Indien, könnte einen Abschwung in Amerika nur teilweise ausgleichen.
Selbst wenn die Rezession jenseits des Atlantiks ausbleibt, wird sich die weltwirtschaftliche Dynamik abschwächen. Die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft kämpft zudem mit dem hohen Euro-Wechselkurs. Auch das verteuerte Rohöl wird das Wachstum wohl um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte dämpfen. Die pessimistischste Institutsprognose sagt daher nur noch eine Wachstumsrate von 1,6 Prozent voraus. Von einem Aufschwung könnte dann ernstlich nicht mehr die Rede sein, allenfalls von leidlich guter Konjunktur. Der Beschäftigungsaufbau setzte sich freilich, weil stets zeitverzögert, auch im nächsten Jahr noch fort, wenngleich mit geringerer Dynamik. Unter den Sockel von 3 Millionen Arbeitslosen wird Deutschland aber so nicht kommen.
Dass die Stimmung im Lande bisher kaum positiv reagiert hat auf den Aufschwung, hängt aber nicht nur damit zusammen, dass die Erholung noch nicht für jeden sichtbar Frucht trägt. Viele Bürger zeigen sich besorgt über die scharfe Konkurrenz auf den Weltmärkten. Vor allem die damit einhergehenden offeneren Arbeitsmärkte erleben sie weniger als Quell des Wohlstandes denn als Gefahr. Nach Umfragen setzt eine Mehrheit daher nun wieder stärker auf Abschottung gegen ausländische Investoren und Abriegelung des Arbeitsmarktes durch Mindestlöhne. Die Koalition gibt diesen Wünschen allzu willig nach – ein wirtschaftspolitischer Aufbruch sähe anders aus.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.396,14 | +1,41% |
| Dow Jones | 12.569,10 | +0,92% |
| EUR/USD | 1,2541 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 107,55 $ | +0,27% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?