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Konjunktur Asiens Aufschwung

26.01.2010 ·  Asien erlebe einen „V-förmigen Wiederaufschwung“, sagt der Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank, Haruhiko Kuroda. Für voreilige Kommentare ist er nicht bekannt. Doch ist in Asien tatsächlich mehr als nur ein Strohfeuer zu erkennen?

Von Christoph Hein, Singapur
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Asien erlebe einen „V-förmigen Wiederaufschwung“, sagt der Präsident der Asiatischen Entwicklungsbank, Haruhiko Kuroda. Für voreilige Kommentare ist er nicht bekannt. Sein Institut rechnet in diesem Jahr mit einer Wachstumsrate von verblüffenden 6,6 Prozent für Asiens Entwicklungs- und Schwellenländer. Der Eindruck der vergangenen Wochen scheint Kuroda zu bestätigen. In China und Indien spekulieren Politiker wieder über zweistellige Wachstumsraten. Im Stadtstaat Singapur spricht der Immobilienmilliardär Kwek Leng Beng davon, dass die Preise für Luxuswohnungen schon im Herbst ihre Rekordstände brechen würden. Der Export der Tropeninsel, mit dem weltgrößten Containerhafen Scharnier zwischen Ost und West, kletterte im Dezember 26 Prozent über den Vorjahreswert.

Das „Steuern auf Sichtweite“ war im vergangenen Jahr das geflügelte Wort der Manager. Nun scheint die Sicht klarer. Aber ist mehr als ein Strohfeuer zu erblicken? Ja. Asien wurde von der Finanzkrise weniger als der Westen betroffen, weil seine Finanzmärkte regulierter und nicht so offen sind. Die Banken waren nicht im gleichen Maße in Derivaten engagiert. Die Reserven sind hoch, damit war den Politikern Handlungsfreiheit gegeben. Auch weil viele Länder der Region - allen voran China - keine Demokratien sind, konnten die Staatslenker schnell riesige Ausgabenprogramme auflegen. Die junge Mittelschicht ließ sich den Konsum nicht verderben. Dass sich besonders China nach seinem Auftreten während der asiatischen Finanzkrise eine Dekade zuvor nun verantwortungsvoll verhielt, stärkte die Hoffnung auf Erholung, das sorgte dann für eine weiterhin hohe Nachfrage.

Der Optimismus könnte verfrüht sein

So ist es kein Wunder, dass sich Optimismus breitmacht. Er mag nur verfrüht sein. Denn war die Bewältigung der Krise auch für Asien eine große Aufgabe, so ist der Ausstieg aus den Konjunkturprogrammen nicht minder anspruchsvoll. Er aber drängt: In Indien steigt die Inflation auf zweistellige Raten. In China bilden sich immer deutlicher Spekulationsblasen bei den Preisen für Aktien und Immobilien. In Australien rechnen die Minenkonzerne mit Preissteigerungen von 50 Prozent für Eisenerz. Deshalb muss jetzt die Geldzufuhr schrittweise verknappt werden. Australien hat schon die Zinsen angehoben. Indien wird bald folgen.

Noch aber ist völlig offen, ob auch dieser zweite Schritt der Krisenbewältigung gelingt. Denn er führt in ein Dilemma: Weiterhin niedrige Zinsen treiben die Preise gerade für Immobilien. Höhere Zinsen zögen spekulatives Geld an. Noch gefährlicher ist es, darauf zu setzen, dass die Erholung der Exportmärkte Amerika und Europa so gleichmäßig vorangeht, wie die Asiaten dies erhoffen. Schonungslos hat die Krise die Abhängigkeit Asiens vom westlichen Konsum vor Augen geführt. Auch ein Jahr später ist die Abkoppelung Asiens nichts als ein Mythos. Es wird Jahre dauern, bis der Osten seinen heimischen Konsum so ausgebaut hat, dass er ein Gegengewicht zur Nachfrage des Westens bildet. Eine Voraussetzung dafür ist der Ausbau der Gesundheits-, Bildungs- und Versicherungslandschaft. Erst wenn sie dieser Versorgung vertrauen, werden die Asiaten ihre Sparquote verringern und mehr konsumieren.

Weil es bis dahin ein beschwerlicher Weg ist, wird Asiens Wiederaufschwung nicht glatt verlaufen. Die Weltwirtschaft hat ein Volumen von 61 Billionen Dollar, China steht nur für 4,4 Billionen davon. Kommt es in Amerika oder Europa zu neuen Erschütterungen, werden diese wieder Asiens Exporteure treffen. Sich von steigenden Börsenkursen, vorgezogenen Investitionen und höheren Häuserpreisen zum Feiern verleiten zu lassen, ist verfrüht.

Asien ist noch selbstbewusster geworden

Sicher aber ist auch, dass die Welt sich nach einer Stabilisierung auf ein anderes Asien wird einstellen müssen. Es gewinnt durch die jetzige Schwäche des Westens schneller an Gewicht. Und es ist noch selbstbewusster geworden. Die Krise lehrt Asien, auf die eigenen Stärken zu setzen. Das beschleunigte den Aufbau eines eigenen Währungsfonds und den Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen China und Südostasien.

Der Lebensraum der rund drei Milliarden Asiaten gewinnt weiter an wirtschaftlicher Bedeutung. Dafür sorgt die demographische Entwicklung im Süden der Region. Hier entstehen neue Wirtschaftszentren, die das Potential haben, an Chinas Wachstum anzuknüpfen. Das führt zu weiteren Veränderungen - in Asien, aber eben auch im Westen. Einst hieß das Motto für den Auftritt der deutschen Wirtschaft rund um die Erde „Made in Germany“. Bei der Vorstellung des neuen Polo in Indien trugen VW-Mitarbeiter Hemden mit dem Aufdruck: „Engineered in Germany, Built in India“. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, mit welchem Aufdruck VW die Hemden seiner Helfer in ein paar Jahren bedrucken wird. Die neue asiatische Mittel- und Oberschicht wird ein Wort mitreden bei der Entwicklung der Welt. Der nüchterne Tony Tan, der den Singapurer Staatsfonds GIC führt, sieht jetzt schon ein „Goldenes Zeitalter“ für Asien heraufziehen.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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