22.03.2007 · Europas Bankenlandschaft steht möglicherweise vor einschneidenden Veränderungen. Die Fusionsgespräche von zwei bisher so auf ihre Unabhängigkeit bedachten Häusern wie Barclays und ABN Amro, sind ein Weckruf für alle Großbanken. Ein Kommentar von Folker Dries.
Von Folker DriesEuropas Bankenlandschaft steht möglicherweise vor einschneidenden Veränderungen. Denn unabhängig davon, ob die Verhandlungen zwischen der britischen Barclays Bank und der niederländischen ABN Amro zu einem Zusammenschluss führen werden oder nicht: Der Geist ist aus der Flasche und will wohl nicht mehr zurück.
In den Führungsetagen fast aller großen Banken werden jetzt Blaupausen aus den Schubladen geholt und Rechenschieber bewegt. Denn wenn zwei bisher so auf ihre Unabhängigkeit bedachte Häuser wie Barclays und ABN Amro ihre Bereitschaft zu einer Fusion signalisieren, die die Hackordnung im europäischen Bankgewerbe durcheinanderwirbeln würde, muss jeder Marktteilnehmer seine Strategie hinterfragen. Das gilt für die Deutsche Bank und die Commerzbank genauso wie für alle anderen europäischen Großbanken.
Der Fall Hypo-Vereinsbank war ein besonderer
Über grenzüberschreitende Zusammenschlüsse von nationalen Bankchampions wird in Europa mindestens schon so lange spekuliert, wie es die Gemeinschaftswährung gibt. Der große Wurf blieb aber bisher aus. Das lag teilweise daran, dass in vielen europäischen Ländern ein unsichtbarer Schutzzaun um die nationalen Marktführer gezogen wurde, dessen Fundament mit der jüngsten Globalisierungswelle freilich langsam zerbröckelt. Hinzu kommt, dass die Synergien solcher Fusionen begrenzt sind. Einer der größten Kostenblöcke in Banken, das Filialnetz, birgt bei grenzüberschreitenden Transaktionen kein Einsparpotential.
Deshalb sind Bankenfusionen bis heute - rund um den Globus - in erster Linie nationale Übungen geblieben. Die größte ausländische Übernahme einer amerikanischen Bank war 2001 der gerade einmal gut 12 Milliarden Dollar teure Kauf der mexikanischen Banamex durch die Citigroup. In Europa wiederum setzte 2005 die italienische Unicredit die Rekordmarke, als sie für umgerechnet gut 15 Milliarden Euro die Hypo-Vereinsbank (HVB) übernahm.
Auch damals wurde spekuliert, das könnte der Auftakt für eine Welle grenzüberschreitender Bankenfusionen sein. Ein Trugschluss: Der Fall HVB war ein besonderer. Hier willigte eine Bank in eine Übernahme ein, die aufgrund ihres stark immobilienlastigen Kreditbuchs zum unsicheren Kantonisten geworden war. Selbst die bayerische Regierung war froh, sich eines Problems zu entledigen. Erst später wurde klar, dass die Bank zu einem Zeitpunkt verkauft worden war, zu dem sie ihr Tief schon hinter sich hatte.
Kapitäne der Banken wollen den Ton angeben
Für die Unicredit erwies sich die HVB als regelrechter Glücksgriff. Die Neuerwerbung war eine Bank mit erheblichem Aufwärtspotential, und obendrein war ihr Top-Management willig und willfährig genug, sich in dem italienischen Konzern unterzuordnen. Insofern war und ist die HVB eine Ausnahme. Nach mehreren Jahren konjunkturellen Rückenwinds geht es den meisten europäischen Großbanken inzwischen so gut wie nie zuvor.
Da die Institute in dieser Phase hoher Profitabilität viel Überschusskapital angehäuft haben, ist grundsätzlich die Bereitschaft zu Übernahmen gegeben. Aber die Kapitäne der Banken wollen bei Zusammenschlüssen den Ton angeben, niemand will sich als Juniorpartner andienen. Auch deshalb sind bisher die großen Fusionen ausgeblieben.
Handeln die Briten aus der Furcht heraus?
Es bedurfte eines britischen Hedge-Fonds, um diese Periode der Selbstzufriedenheit in den Vorstandsetagen zu beenden. Das Management von ABN Amro, das sich mit der Forderung einer Zerschlagung konfrontiert sieht, tritt jetzt mit den Fusionsgesprächen die Flucht nach vorne an. Dass sich die britische Universalbank Barclays, im Kapitalmarktgeschäft eine der ganz großen Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre, auf dieses Ansinnen einlässt, ist die eigentliche Überraschung.
Handeln die Briten aus der Furcht heraus, andernfalls selbst zu einem Übernahmeopfer zu werden, etwa der Bank of America? Oder sind sie beseelt von dem Gedanken, sich zu einer der größten Banken der Welt aufzuschwingen und damit vor allem im Großkundengeschäft mehr Marktmacht zu gewinnen? Immerhin würde der fusionierte Konzern einen Börsenwert von gut 160 Milliarden Dollar haben und wäre damit eine der sechs größten Banken der Welt.
Kompromisse sind der Geburtsfehler vieler Fusionen
Wahrscheinlich spielen beide Überlegungen, die Vorwärtsverteidigung und die schiere Lust auf Größe, eine Rolle. Aber aus Sicht der Barclays-Aktionäre ist Skepsis angebracht. Nicht nur, dass die Synergien zwischen beiden Häusern begrenzt sind. Die ersten Verhandlungsergebnisse schmecken auch zu sehr nach Kompromiss: Der Chefkontrolleur (Chairman) soll von ABN Amro gestellt werden, der Vorstandsvorsitzende (Chief Executive) von Barclays, das Hauptquartier soll in Amsterdam angesiedelt sein, gesellschaftsrechtlich wird der Konzern aber eine britische Aktiengesellschaft sein, in London gelistet. Die zuständige Finanzaufsicht soll die niederländische sein.
Kompromisse sind der Geburtsfehler vieler Fusionen. Es ist in der Regel besser, wenn bei einem Zusammenschluss ein Partner klar den Ton angibt. Vielleicht erkennen das die Aktionäre von Barclays noch rechtzeitig und senken den Daumen. Aber auch dann bliebe die britische Bank, ebenso wie ABN Amro, im Spiel. Beide Häuser haben ihre Bereitschaft signalisiert, in einer größeren Einheit aufzugehen. Es überraschte nicht, kämen in den nächsten Wochen noch andere Namen ins Spiel.
Ob sich das auch für die Eigentümer dieser Banken auszahlen wird, hängt letztlich von den realisierbaren Synergien ab. Für Größe allein wird am Aktienmarkt keine Prämie verteilt. Es sollte vielmehr zu denken geben, dass Citigroup und HSBC, zwei der größten und internationalsten Bankenkonzerne der Welt, an der Börse mit einem kleinen Bewertungsabschlag gegenüber ihrer Branche gehandelt werden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.395,58 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.558,10 | +0,83% |
| EUR/USD | 1,2541 | 0,00% |
| Rohöl Brent Crude | 107,48 $ | +0,21% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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