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Kommentar : Die Wirtschaft im Wachstums-Rausch

Ein Containerschiff in Colombo Bild: AFP

Dreizehn Monate nach seiner Wahl ist vom großen Trump-Schock keine Rede mehr. Im Gegenteil: Aus ökonomischer Sicht hat das Jahr 2017 alle Erwartungen übertroffen.

          Donald Trumps Wahlsieg stand nur wenige Stunden fest, da war für Paul Krugman das Schicksal der Weltwirtschaft schon besiegelt. „Trump wird eine weltweite Rezession bringen“, verkündete der Wirtschaftsnobelpreisträger am Morgen nach der Wahl über den Kurznachrichtendienst Twitter, wenige Tage später legte er in seiner Kolumne in der „New York Times“ nach. Andere Ökonomen reagierten nicht ganz so extrem, doch im Großen und Ganzen war sich die Zunft erstaunlich einig: Ein Schock wie Trump wird wirtschaftliche Folgen für alle haben.

          Dreizehn Monate später ist vom großen Trump-Schock keine Rede mehr. Im Gegenteil: Aus ökonomischer Sicht hat das Jahr 2017 alle Erwartungen übertroffen. An den internationalen Börsen eilen die Aktienkurse von Rekord zu Rekord, allein der deutsche Leitindex Dax legte in den vergangenen zwölf Monaten um satte 13 Prozent zu. Der Welthandel zog unerwartet deutlich an, und auch das globale Wirtschaftswachstum hat positiv überrascht. Offizielle Zahlen gibt es zwar noch nicht, doch nach der jüngsten Einschätzung der Industriestaatenorganisation OECD dürfte die Weltwirtschaft 2017 um 3,6 Prozent gewachsen sein – so stark wie seit 2011 nicht mehr und mindestens 0,3 Prozentpunkte mehr als von den OECD-Ökonomen noch zu Jahresbeginn prognostiziert.

          Geld ist immer noch extrem billig

          Beachtlich war im vergangenen Jahr, dass sich zum ersten Mal seit langem fast alle Weltregionen zugleich im Aufschwung befanden. Die Schwellenländer Brasilien und Russland haben ihre jahrelange Wirtschaftsschwäche hinter sich gebracht, China wächst nach wie vor vergleichsweise stark um mehr als 7 Prozent. Vor allem aber ist die positive Überraschung den Industrieländern wie den Vereinigten Staaten, Japan und dem Euroraum zu verdanken, deren Wirtschaftsdaten besser ausfielen als erhofft.

          Wo liegen die Quellen dieses unerwartet kräftigen Aufschwungs? Zum einen blieb es politisch erstaunlich ruhig. Das von Trump ausgerufene Ziel des „America first“ war bislang kaum mehr als öffentlichkeitswirksames Getöse, der befürchtete Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China blieb glücklicherweise aus. In Europa verliefen die Brexit-Verhandlungen ohne größere Verwerfungen; und bei den Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland erzielten die globalisierungskritischen Parteien Achtungserfolge – aber mehr auch nicht. Zum anderen ist Öl seit dem drastischen Preisverfall im Jahr 2014 noch immer vergleichsweise billig, was für die Importländer nach wie vor wie ein kostenloses Konjunkturprogramm wirkt.

          Für Rückenwind sorgten aber vor allem die Währungshüter in Washington, Frankfurt und Tokio. Sie alle sind im Zuge der Finanz- und Staatsschuldenkrise seit 2008 auf eine extrem lockere Geldpolitik eingeschwenkt und versorgen die Märkte bis heute mit extrem billigem Geld. Und weil die Notenbanken die Finanzierungsbedingungen aller Voraussicht nach noch jahrelang günstig halten werden, dürfte die Weltwirtschaft auch 2018 wieder kräftig wachsen. Der Internationale Währungsfonds sagt für das neue Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent voraus, genauso wie die OECD.

          Ultralockere Geldpolitik plus hohe Bewertung von Wertpapieren und Immobilien

          Alles bestens also im neuen Jahr? Mitnichten, denn die Risiken, die schon 2017 den Horizont verdunkelten, bleiben 2018 bestehen, daran ändert der Jahreswechsel nichts. Erstens ist die geopolitische Lage weiter angespannt. Das Machtspiel zwischen dem Weißen Haus und Nordkorea könnte jederzeit eine unerfreuliche Wendung nehmen, zudem weiß niemand, wie es im Nahen Osten weitergehen wird.

          Zweitens steht die Welt nach wie vor im Zeichen der Abschottung. Erst im Dezember ist die Konferenz der Welthandelsorganisation WTO ohne Ergebnis zu Ende gegangen, während global betrachtet auch 2017 etliche neue Handelshemmnisse hinzugekommen sind. Großbritannien und die Europäische Union werden weiterhin viel Zeit und Energie in die zähen Brexit-Verhandlungen stecken, der Ausgang bleibt ungewiss. In Spanien zeigt sich, dass sezessionistische Bestrebungen in einer Region die wirtschaftliche Stimmung im gesamten Land zum Kippen bringen können. Schwer einzuschätzen sind die ökonomischen Folgen der von Trump kurz vor Weihnachten verabschiedeten großen Steuerreform. Diese zielt in erster Linie auf eine starke Entlastung heimischer Unternehmen, während europäische Banken über Belastungen klagen.

          Washington : Dezember 2017: Trump unterzeichnet Steuerreform

          Drittens herrscht die Sorge, dass das unkontrollierte Schuldenwachstum in China eine neue Finanzkrise auslösen könnte – weil etwa Investoren nach Jahren des Überschwangs plötzlich erkennen, dass ihre Anlagen faul werden könnten, und daher mit Panik reagieren. In Europa und Amerika dagegen birgt die Kombination aus ultralockerer Geldpolitik und der hohen Bewertung von Wertpapieren und Immobilien die Gefahr, dass das Finanzsystem unbemerkt in eine nicht mehr zu korrigierende Schieflage gerät.

          Das zurückliegende Jahr lehrt, dass die Weltwirtschaft robuster ist, als manch ein Nobelpreisträger es ihr zugetraut hat. Vor zu viel Zuversicht sei dennoch gewarnt: Spätestens wenn die Zinsen wieder steigen, wird sich zeigen, wie krisenfest sie wirklich ist.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

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