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Kommentar : Wachstum in der digitalisierten Welt

Die Digitalisierung geht alle an - auch wenn nicht jeder profitiert. Bild: dpa

Wie kann man Wachstum und Wohlstand in der digitalen Welt messen? Die Antwort geht alle an, denn die Vorteile des Fortschritts zahlen sich nicht für jeden aus.

          Angenommen, man hat dreimal im Jahr Pech im Straßenverkehr. Hier eine Kollision mit einer Straßenlaterne, ein kleiner Rempler beim Einparken, daheim fahren zwei Kinder mit ihrem Fahrrad ins Auto. Die Werkstatt freut sich: Jedes Mal dürfen teure Lack- und Karosseriearbeiten ausgeführt werden. Die Rechnungen erreichen eine Höhe von mehreren tausend Euro – und sie steigern das Bruttoinlandsprodukt. Denn darunter versteht man die in Werten ausgedrückte Summe der in einer Volkswirtschaft produzierten Waren und Dienstleistungen von einer Periode zur nächsten. Das Auto sieht am Ende des Jahres zwar genauso aus wie zuvor, „gewachsen“ ist die Wirtschaft dennoch.

          In der Zeit, in der das Auto in der Werkstatt ist, kann man im Internet viele produktive Dinge erledigen: mit dem Sohn für ein Englischreferat recherchieren, die Steuererklärung über das Internet abgeben, Anfahrtswege für die nächsten Dienstreisen vorbereiten. Dafür muss man kein Geld ausgeben, von den Kosten für den Computer und den reinen Internetzugang einmal abgesehen.

          Zur Steigerung des Bruttoinlandsprodukts hätten diese Tätigkeiten selbst nichts beigetragen. Früher hingegen wären hierfür im Zweifel Steuerberater, Nachhilfelehrer oder Sekretärinnen bezahlt worden. Tatsächlich lässt sich also argumentieren, dass der technische Fortschritt an dieser Stelle sogar negative Auswirkungen auf das Wachstum hat.

          Berechnung von Produktivität muss neu gedacht werden

          Hier passt etwas nicht mehr zusammen. Darüber waren sich jüngst auch führende Ökonomen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos einig. Die Methoden, Wachstum zu messen, die Art und Weise, wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) errechnet wird, bilden das reale Wirtschaftsgeschehen in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr korrekt ab. Das war Wortmeldungen von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ebenso zu entnehmen wie Einlassungen von IWF-Direktorin Christine Lagarde oder MIT-Professor Erik Brynjolfsson:

          So wie sich die Welt verändert, sollte auch die Art und Weise geändert werden, wie Fortschritt gemessen und bewertet wird. Schon als das Konzept zur Messung des BIP in den späten dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Simon Kuznets entwickelt worden sei, habe dieser darauf hingewiesen, dass man mit dem ermittelten Wert nicht beurteilen könne, wie gut es den Menschen gehe, sondern nur, wie hoch die Preise der gekauften und verkauften Dinge gewesen seien.

          Kuznets sei schon klar gewesen, dass sich Bruttoinlandsprodukt und Wohlfahrt in unterschiedliche Richtungen entwickeln könnten. Und in der nun beginnenden vierten industriellen Revolution, welche die Digitalisierung aller Wertschöpfungsketten mit sich bringt, sei das klassische BIP noch weniger ein Spiegelbild der Dinge, die wirklich wichtig seien, sagte Brynjolfsson. Lagarde hält es für notwendig, die Berechnung der Produktivität und des Werts der Dinge im BIP einer genauen Überprüfung zu unterziehen. Es falle sonst immer schwerer, mit der Zahl ein wahres Bild vom Zustand der Wirtschaft zu bekommen.

          Vorteile des Fortschritts kommen nicht bei allen an

          Denn ebenso wie viele andere Wirtschaftswissenschaftler wundert sich auch Stiglitz darüber, dass das BIP in den Vereinigten Staaten in jedem Jahr außer 2009 gestiegen ist – es den meisten Amerikanern wirtschaftlich aber schlechter geht als noch vor 25 Jahren. Die monetären Vorteile des technischen Fortschritts seien bei denen ganz oben angekommen, am anderen Ende der Einkommenspyramide seien die Reallöhne heute hingegen niedriger als vor 60 Jahren.

          Wozu die daraus resultierende Unzufriedenheit führt, zeigt sich im Vorwahlkampf in den Vereinigten Staaten. Um darauf aber die richtigen politischen Antworten zu finden, brauche die Politik die richtigen Zahlen. Deshalb geht die Debatte über die richtige oder falsche Erfassung des Wirtschaftswachstums in Zeiten der Digitalisierung jeden Bürger etwas an.

          Soll ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden, um die wachsenden Unterschiede zwischen Reich und Arm abzufedern? Welche Art von Wachstum wäre notwendig, um keine sozialen Unruhen entstehen zu lassen? Diese Fragen werden in Politik und Wirtschaftswissenschaft noch viele beschäftigen. Das bedingungslose Grundeinkommen aber, das in der Szene der Technologieunternehmen zahlreiche Anhänger hat, riecht in diesem Kontext aber sehr nach einer bequemen Beruhigungspille für diejenigen, die am Status quo eigentlich gar nichts ändern wollen.

          Entscheidend für die richtige Wirtschaftspolitik wird vielmehr sein, dass Wachstum korrekter als derzeit gemessen wird – und dass es überhaupt stattfindet, die Wirtschaft also tatsächlich weiter wächst. Denn nur dann lässt sich auch etwas umverteilen.

          Wer an dieser Stelle den Optimisten wie Brynjolfsson folgt, definiert Erfindungen als neue Kombinationen und Weiterentwicklungen des bisherigen Fortschrittes. In dieser Welt würden mit zunehmendem technologischem Fortschritt immer neue Kombinationsmöglichkeiten entstehen, die dann auch die Produktivität erhöhen, das Wachstum steigern und die Verteilung von Gewinnen ermöglichen. Auf eine solche Welt müssen die Menschen hoffen. Und die Wirtschaftswissenschaftler müssen sie besser messbar machen.

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