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Kommentar Ungeliebter Glücksbringer

Das Schornsteinfegermonopol muß fallen / Von Lukas Weber

Schlägt man altes Gestein vorsichtig entzwei, kommt oft ein hübsches Fossil dabei heraus. Bei der Erforschung all dessen, was man vielleicht noch ein wenig entrümpeln könnte, ist Ankündigungsminister Wolfgang Clement auf den staatlich verordneten Gebietsschutz der Schornsteinfeger gestoßen. Jetzt könnte es sein, daß es dem Bezirksmonopolisten an den schwarzen Kragen geht.

Dazu hat es freilich mehr gebraucht als Clements Geologenhämmerchen. Der harte Schlag kommt aus Brüssel in Form eines Vertragsverletzungsverfahrens. Dort hält man die aus der Nazizeit stammende Aufteilung Deutschlands in Tausende kleiner Bezirke, in denen jeweils ein linientreuer Handwerker die Lufthoheit über sämtliche Schlote und ein uneingeschränktes Begehungsrecht in die Wohnungen hatte, für nicht mehr zeitgemäß. Denn das Regelwerk verträgt sich nicht mit der Niederlassungsfreiheit. Tatsächlich gibt es endlose Wartelisten für angestellte Schornsteinfeger, die einen eigenen lukrativen Bezirk mit garantierten Einnahmen aus Gebühren haben möchten. Für Konkurrenz aus dem Ausland ist da kein Platz.

Für Konkurrenz aus dem Inland auch nicht. Weder kann sich der Hausbesitzer seinen Feger aussuchen noch der Feger die Schornsteine, in denen er fegen will. Das ist das Gegenteil von Markt. Statt dessen setzt der Staat auf eine ungute Mischung aus Handwerker und Hoheitsträger. Der Bezirksschornsteinfeger und sein Angestellter teilen sich die Haushalte auf. Als vor Jahren in Hessen die Gesellen streiken wollten, wäre fast das System zusammengebrochen, weil der Meister nicht alleine sämtliche Wohnungen versorgen kann.

Schade, daß es nicht dazu gekommen ist. Dann wäre es vielleicht nicht nötig gewesen, daß sich immer mehr verärgerte Bürger in Initiativen zusammenschließen, weil sie nicht mehr hinnehmen wollen, daß sie jährlich mehr als 1,2 Milliarden Euro Gebühren für etwas zahlen müssen, was sie weder bestellt haben noch brauchen. Jeder Hausbesitzer kennt den Unfug mit der Doppelzuständigkeit der Gewerke für die häusliche Heizung: Regelmäßig kommt der Schornsteinfeger, ein Handwerker, und mißt die Abgase mit einem Gerät, das er in den Auspuff des Kessels hält. Stimmen die Werte nicht, muß der Heizungsinstallateur kommen, ein Handwerker, und mißt die Abgase mit dem gleichen Gerät. Dann dreht er an Schräubchen, bis die Werte stimmen. Jetzt muß der Schornsteinfeger wieder kommen, um mit seinem Gerät - es ist noch immer dasselbe - abermals die Werte zu messen und dem Kessel seinen Segen zu geben. Der Schornsteinfeger darf die Schräubchen nicht drehen, obwohl er das könnte; der Installateur darf die Absolution nicht erteilen, obwohl er das könnte. Der Hausbesitzer bleibt auf seinen staatlich verordneten Rechnungen sitzen. Die sind, im Fall des Installateurs, vielleicht hoch, aber Marktpreise. Was der Schornsteinfeger am Ende des Jahres aufschreibt, ist auch üppig für wenige Minuten Arbeit, aber undurchsichtig. Es richtet sich nach einer Gebührenordnung, von der selbst die Schornsteinfeger zugeben, daß sie kaum jemand versteht. Beim Auto macht die Werkstatt die Wartung und klebt anschließend die Abgasplakette. Warum geht das nicht beim Öl- oder Gasbrenner?

Bei jedem zweiten Besuch spuckt der Schornsteinfeger in den Kamin. Das macht er, weil es nichts mehr zu fegen gibt. Im Mittelalter, als die Dächer noch aus Stroh und die Feueranlagen noch Eigenbau waren, hatte das Kehren und Putzen seinen Sinn. Daher der Brauch, im Schornsteinfeger einen Glücksbringer zu sehen. Heute sind elektronisch gesteuerte Gas- und Ölfeueranlagen rein. Deshalb ist der Feger nicht mehr schwarz, sondern sauber, und die Zulage für die Schornsteinfeger-Spezialseife ist den Gesellen gestrichen worden. Der schwarze Anzug ist nur mehr Verkleidung. Sie dient der Folklore wie das rituelle Auf und Ab des Besens im Schlot.

Besitzer eines offenen Kamins oder Ofens für Holz und Kohle müssen den Ruß natürlich entfernen. Aber braucht man dafür flächendeckend einen Monopol-Putzmeister? Wer gerne die Bremsen seines Autos selbst repariert, darf das machen; nur funktionieren müssen sie. Warum ist es dem Hausbesitzer gesetzlich verboten, seinen Schornstein selbst zu reinigen?

Gerne wird für das Gebietsmonopol das Argument bemüht, die Versorgung einer Straßenkette sei kostengünstiger möglich, wenn sie über nur einen Handwerker ablaufe. Weil der dann sämtliche Häuser auf einmal abklappern könne. Mag sein. Mit der gleichen Logik ließe sich aber auch ein Zwang zur Sammelbestellung von Heizöl begründen. Und die ist nicht nötig, weil sich Haushaltsvorstände, die rechnen können, von selbst und freiwillig zusammenschließen und damit mehr Kosten sparen, als ihnen eine staatliche Zuteilungsverordnung einbringen könnte.

Ob Clement das Monopol wegfegen kann, ist längst nicht sicher. Dabei ist es selbst nach Ansicht der Schornsteinfeger und ihrer Interessenvertretungen überholt. Denen geht es darum, das künftige Aufgabengebiet eines ganzen Berufsstandes neu abzustecken. Der Anfang ist gemacht, denn der moderne Schornsteinfeger präsentiert sich als neutraler Fachmann und Berater für Heizanlagen aller Art. Wer ihn haben will, soll ihn bezahlen. Wo dann noch gefegt werden muß, kann der Schornsteinfeger das machen - gegen Kostenvoranschlag und im Wettbewerb mit seinen Kollegen. Konkurrenz muß es auch bei Überwachungs- und Abnahmeaufgaben geben, diesmal mit den Fachhandwerkern anderer Gewerke. Das spart den Haushalten Kosten. Wer seinen Wasserstand meldet, kann der Gemeinde dann auch gleich die Abgasbescheinigung seines Heizungsmonteurs mitliefern.

Dagegen spricht, daß dann in Zukunft weniger Schornsteinfeger gebraucht werden. Der Jugend kann man den Beruf nicht mehr recht empfehlen. Wer nichts mehr zu kehren hat, macht vielleicht eine Zweitkarriere als Glücksbringer für die Traumhochzeit. Das ist ja auch schon was.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2004, Nr. 112 / Seite 13

 
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Veröffentlicht: 13.05.2004, 17:52 Uhr

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