http://www.faz.net/-gqe-6vey2

Kommentar : Trippelschritte auf den Klimagipfel

Es hat wenig Sinn, weiter im Kreis von 195 Staaten die Klimaprobleme der Welt lösen zu wollen. Denn kurzfristige nationale Interessen schlagen langfristige internationale Notwendigkeiten.

          Die Weltklimakonferenz, die an diesem Montag in Durban beginnt, steht unter schlechten Voraussetzungen. Die menschengemachten Treibhausgasemissionen, die für die Erderwärmung verantwortlich gemacht werden, haben 2010 einen neuen Höchststand erreicht. Es ist nicht abzusehen, dass der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Klimagasen bald sinken wird. Zugleich mehren sich die Warnungen aus der Wissenschaft: Die Erde erwärmt sich, das Eis schmilzt, der Wasserspiegel des Meeres steigt, die Versicherungsbranche berichtet über hohe Zahlen wetterbedingter Großschadensfälle. Schon rechnen Klimawissenschaftler für das Jahr 2100 mit einem Temperaturanstieg von mehr als den zwei Grad Celsius über dem Niveau vor der Industrialisierung, die den Staaten als gerade noch akzeptabel gilt - zumindest haben sie das 2010 beschlossen.

          Die Staatenwelt ist aber offenkundig an grundlegenden Verhaltensänderungen nicht interessiert. 2009, in Kopenhagen, ist der Anlauf zu einem Weltklimaabkommen, das alle Staaten verpflichtet, so nachhaltig gescheitert, dass auf Jahre nicht mit einem neuen Anlauf zu rechnen ist. Zwei Jahre später ist die Weltgemeinschaft nicht fähig, bestehende Verträge zu verlängern. So wird das Kyoto-Abkommen, in dem sich die Industriestaten (ohne Amerika) Regeln zur CO2-Vermeidung gegeben haben, Ende 2012 auslaufen. Ein Anschlussvertrag ist nicht in Sicht. Selbst wenn es so wäre, würde die Zeit für die Umsetzung in nationales Recht nicht ausreichen. Bestenfalls gibt es eine Hängepartie, ein völliges Scheitern ist möglich.

          Kurzfristige nationale Interessen schlagen langfristige internationale Notwendigkeiten. Die Wirtschaft aus der Krise zu führen, ist den Industriestaaten wichtiger als Unternehmen und Haushalten zusätzliche Belastungen aufzubürden. Arabellion und Euro-Krise haben die politischen Eliten zudem so in Beschlag genommen, dass Zeit und Kraft für eine anspruchsvolle Klimadiplomatie fehlten. Es spricht nichts dafür, dass Amerika, der nach China zweitgrößte CO2-Emittent, internationalen Klimaabkommen zustimmen und sich beteiligen wird. Ebenso wenig ist abzusehen, dass China, Indien, Brasilien und andere Schwellenländer verpflichtende Reduktionsziele ihrer Kohlendioxidemissionen akzeptieren werden.

          Treibmittel der Weltwirtschaft

          Denn Kohlenstoff ist und bleibt die Basis und das Treibmittel der Weltwirtschaft. Die Energienachfrage ist weltweit im vergangen Jahr um 5 Prozent gestiegen. Die Internationale Energie Agentur erwartet eine Zunahme des weltweiten Energieverbrauchs bis zum Jahr 2035 um ein Drittel. Das liegt nicht nur am Wohlstandshunger in den Schwellenländern. Auch die wachsende Weltbevölkerung, von der heute immerhin 1,3 Milliarden Menschen ohne Strom auskommen müssen, trägt zu steigendem Verbrauch von Öl, Kohle und Gas bei.

          So sehr Kohlekraftwerke hierzulande als Klimakiller in Verruf geraten sind, aufstrebenden Staaten gelten sie als Wohlstandsbringer. Sie müssen keine Sorge haben, dass der Treibstoff bald ausgeht. Die Kohlevorräte reichen für Jahrhunderte, Öl und Gas gibt es noch für Jahrzehnte. Das sind schlechte Aussichten für das Klima. Erschwerend hinzu kommt das mit der Atomkatastrophe von Fukushima bewusster gewordene latente Sicherheitsproblem der Kernenergie. Sollten sich mehr Länder dauerhaft von der Stromerzeugung durch Kernenergie verabschieden, wird das zwangsläufig zu einer Steigerung der Nachfrage nach und größeren Ausbeutung von Kohlenstoffen führen.

          Rennauto ohne Räder

          Ungeachtet dieses niederschmetternden Befundes gibt es Lösungen jenseits eines umfassenden Weltklimaabkommens. Wegen der Finanzkrise könnten Staaten genötigt sein, die sich auf jährlich exorbitante 400 Milliarden Dollar summierenden Subventionen für Benzin, Gas und Kohle zurückzufahren. Auch gibt es kleine Fortschritte beim Emissionshandel. Dieses Marktinstrument sollte ausgebaut, Schritt für Schritt zu einem Welthandelssystem erweitert werden.

          Regenerative Energien, die im Weltmaßstab eine verschwindend geringe Rolle spielen, müssen ausgebaut werden. Aber ohne Stromspeicher bleiben sie ein Rennauto ohne Räder. Deshalb muss mehr für die Forschung getan werden. Gleiches gilt für Techniken CO2 abzuscheiden und sicher zu lagern. Wer wenn nicht hochindustrialisierte Staaten wie Deutschland sollten dies vormachen und erproben? Der Schutz der Wälder als Kohlenstoffspeicher kann ebenso ohne Weltklimavertrag vorangetrieben werden wie Anpassungshilfen für Länder, die am meisten unter dem Klimawandel leiden.

          Allerdings hat es offenkundig wenig Sinn, weiter im Kreis von 195 gleichberechtigten Staaten die Klimaprobleme der Welt lösen zu wollen. Wie stünde es um die Einhegung der Finanz- und Eurokrise, wenn noch mehr Staaten am Tisch gesessen hätten? Das schlechte Beispiel der Doha-Runde für die Liberalisierung des Welthandels zeigt, dass die Zeiten, in der alle mit allen Verträge schließen, vorbei sind. Statt vom Dreisprung auf den Weltklimagipfel zu träumen, empfehlen sich auch in Durban deshalb Trippelschritte.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Manuel Neuer : Ein Siegfried im Tor genügt nicht

          Hinter Manuel Neuer standen einige Fragzeichen vor dem WM-Auftakt: Der deutsche Nationaltorwart besteht aber den Torwart-TÜV im Schnelldurchgang. Er hätte aber wohl auch noch im Sturm Heldentaten vollbringen müssen.
          Menschen in Seoul verfolgen Berichte über das Treffen von Amerikas Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un

          Friedensforscher : Atommächte investieren in ihre Waffen

          Nordkorea ist nicht die einzige Atommacht, die Experten Sorgen bereitet. Zwar ist die Zahl der Nuklearsprengköpfe auf der Welt leicht gesunken. Doch das ist laut Friedensforschern noch lange kein Zeichen für Abrüstung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.