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Kommentar : Solarer Winter

Die Solar-Branche steckt also mitten im Umbruch Bild: dapd

Jetzt bröckeln selbst Solar-Bastionen, die bislang als stabil galten. Allen Sonnenuntergangsszenarien zum Trotz bietet aber gerade diese Krise, auch mit ihren jüngsten Zuspitzungen, noch Chancen.

          Die schlechten Nachrichten aus der Sonnenstrombranche haben zuletzt eine neue Qualität erhalten. Bislang gingen sie in erster Linie von Unternehmen aus, die mit ihrer Produktion von Zellen und Modulen in Deutschland der asiatischen Billigkonkurrenz wenig entgegenzusetzen hatten. Auf diese Art und Weise rutschten Firmen wie Q-Cells oder Solon in die Insolvenz. Jetzt aber bröckeln selbst Solar-Bastionen, die bislang als stabil galten.

          Fall eins: Der nordhessische Wechselrichterhersteller SMA Solar glaubt nicht mehr an einen Gewinn im kommenden Jahr und entlässt Mitarbeiter in großem Stil. Fall zwei: Der schwäbische Maschinenbauer Centrotherm hat Insolvenz angemeldet und hofft nun auf umfangreiche Zugeständnisse seiner Gläubiger. Fall drei: Beim Chemiekonzern Wacker minimiert die schwache Entwicklung der Solarsparte den Gewinn. Fall vier: Der Elektronikkonzern Siemens stößt seine vor erst drei Jahren übernommene Tochtergesellschaft Solel ab und beendet damit abrupt sein hoffnungsfroh gestartetes Solar-Engagement.

          Diese vier Entwicklungen gehen über das Übliche in der Branche hinaus. Sie zeigen, dass die Krise inzwischen nicht nur bei bislang erfolgreichen Unternehmen angekommen ist, sondern auch bei bislang erfolgreichen Geschäftsmodellen.

          Beispiel SMA: Das Unternehmen hat sich mit dem Wechselrichter auf ein komplexes Bauteil konzentriert, das zum Kern jeder Photovoltaikanlage gehört. Damit sind die Nordhessen Weltmarktführer. Bisher konnten sie die Konkurrenz auf Abstand halten, doch das ändert sich gerade. Beispiel Centrotherm: Der Maschinenbauer musste sich lange Zeit nicht vor den Chinesen fürchten. Im Gegenteil, die Asiaten waren dankbare Abnehmer deutscher Ingenieurskunst. Doch die großen Sonnenstromunternehmen im Reich der Mitte leiden selbst unter der Solarkrise, unter Preisverfall und Überkapazitäten. Entsprechend weniger Maschinen aus Deutschland benötigen sie. Beispiel Wacker: Der Chemiekonzern liefert den Rohstoff für die meisten Solaranlagen - Silizium. Auch hier verderben hohe Lagerbestände die Preise, lassen die Expansion in Amerika stocken und zwingen hierzulande zu Kurzarbeit.

          Allen Sonnenuntergangsszenarien zum Trotz

          Und Siemens? Auf den ersten Blick erscheint der Verkauf der Solarthermie- und Photovoltaik-Sparte wie eine Randnotiz im Universum eines Mischkonzerns. Ein niedriger dreistelliger Millionenumsatz, 680 Mitarbeiter - das sind bescheidene Zahlen in einem Konzern mit mehr als 400 000 Beschäftigten. Doch die Symbolik eines solchen Schritts wirkt verheerend: Wenn nicht einmal ein Großer wie Siemens diese Branche geschäftlich meistert, wer dann?

          Es klingt abgedroschen, doch allen Sonnenuntergangsszenarien zum Trotz bietet gerade diese Krise, auch mit ihren jüngsten Zuspitzungen, noch Chancen. Langfristig ohnehin, denn wer sich die Energiewende auf die Fahnen schreibt, kommt an erneuerbaren Energien nicht vorbei. Aber sogar kurzfristig hat sie ihr Gutes.

          FDP-Politiker sprechen von „Öko-Snobismus“

          Da ist zunächst die Chance auf mehr Marktwirtschaft. Wahr ist, dass die Solarunternehmen in Deutschland groß geworden sind durch das Gesetz für den Vorrang erneuerbarer Energien, besser bekannt als EEG. Wahr ist, dass ein Jahrzehnt lang üppige EEG-Fördermittel die Weltmarktführer hierzulande erst möglich gemacht haben. Wahr ist aber auch, dass das EEG sie träge gemacht hat. Die Überflieger sind der gleißenden Fördersonne einfach zu nahe gekommen. Dieses Gesetz hat letztlich nicht nur den Unternehmen geschadet, sondern der ganzen Öko-Idee.

          Die Deutschen lieben es zwar grundsätzlich eher „grün“, aber wer den Bogen überspannt, muss mit Gegenwind rechnen. Heute genügt ein Blick auf die Stromrechnung, um Aufregung darüber zu entfachen, wie teuer die Milliarden-Subventionierung wirklich kommt. Dazu braucht es nicht einmal FDP-Politiker, die von „Öko-Snobismus“ sprechen, obwohl die Liberalen für die Überförderung mitverantwortlich sind. Zumindest wird jetzt endlich über ein Förderregime diskutiert, dessen Details jahrelang offenbar kaum jemanden interessierten.

          Die Solar-Branche steckt mitten im Umbruch

          Auch auf Firmenebene bieten sich neue Chancen. In Umbruchphasen schlägt die Stunde der Unternehmer und der ungewöhnlichen Ideen. Während Konzerne wie Siemens der Solarenergie adieu sagen, steigen andere ein. Der koreanische Mischkonzern Hanwha beispielsweise hat den einstigen Dax- und späteren Pleitekandidaten Q-Cells gekauft und trotz Krise und Standort Deutschland einen Großteil der Arbeitsplätze garantiert. Angegriffene Weltmarktführer wie SMA Solar entdecken ungewöhnliche Geschäftsfelder wie dasjenige, stationäre Dieselaggregate mit Photovoltaik zu sogenannten „Solar-Diesel-Hybrid-Lösungen“ zu ergänzen.

          Die Solar-Branche steckt also mitten im Umbruch, in fünf Jahren wird sie nicht wiederzuerkennen sein. Viele Unternehmen dürften noch auf der Strecke bleiben. Wie gewonnen, so zerronnen? Nein, wer sich jetzt mutig positioniert, kann den solaren Winter überleben und die Sonne bald wieder genießen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

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          Quelle: F.A.Z.

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