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Kommentar Sabans zweite Chance

 ·  Von Marcus Theurer

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Sag niemals nie. Zwei Monate ist es her, da schien der amerikanische Traum für die Münchner Privatfernsehkette Pro Sieben Sat.1 geplatzt. Das Kaufangebot des Medienmilliardärs Haim Saban hatte sich als Luftnummer entpuppt. Dem zuvor reichlich großspurig auftretenden Amerikaner war sein Geld zu schade, um einen großen Batzen davon ins deutsche Fernsehen zu stecken. Doch nun - acht Wochen später - bekommen er und die Gläubigerbanken der insolventen Muttergesellschaft Kirch Media offensichtlich doch noch, was sie wollen: Saban ist es gelungen, Finanzinvestoren mit ins Boot zu holen, die ihm einen Teil des finanziellen Risikos abnehmen. Die neue Offerte überzeugte am Dienstag die Gläubiger ungeachtet eines in letzter Minute eingereichten Gegenangebots des Finanzinvestors Apax. In den nächsten Tagen sollen die Verträge mit Sabans Investorengruppe unterschrieben werden.

Letzte Sicherheit, ob der Verkauf, der sich schon seit 15 Monaten hinzieht, wirklich perfekt ist, gibt es freilich erst, wenn das Geld auf dem Konto der Verkäufer liegt. Diese Erkenntnis hat sich inzwischen wohl bei allen Beteiligten durchgesetzt. Zu oft schon lösten sich beim Geschacher um Leo Kirchs Erbe vermeintliche Gewißheiten über Nacht in Luft auf. Und gerade Saban hat sich in der Vergangenheit nicht als verläßlicher Verhandlungspartner erwiesen.

Sollte es diesmal wirklich zum Abschluß kommen, dann hätten sich für den Investor die zwei Monate Wartezeit gelohnt. Nicht nur, daß er sich die hohen finanziellen Lasten jetzt mit seinen Partnern teilen kann - in Pro Sieben Sat.1 müssen die neuen Eigentümer einschließlich Kaufpreis, Abfindungsangebot für die freien Aktionäre und Kapitalerhöhung möglicherweise sogar deutlich mehr als eine Milliarde Euro pumpen. Ein weiterer großer Vorteil für Saban ist, daß er die Kirch-Sender nun bekommt, ohne zugleich auch Kirchs gewaltige Filmrechtebibliothek komplett kaufen zu müssen, wie das beim gescheiterten ursprünglichen Verkauf vorgesehen war. Statt dessen konnte sich Pro Sieben Sat.1 mittlerweile die attraktivsten Streifen aus dem Filmlager sichern: Saban bekommt die Rosinen, ohne gleich den ganzen Kuchen nehmen zu müssen. Für ihn ist das ein gutes Geschäft, denn der Filmhandel, wie Kirch ihn betrieben hat, ist wohl ein Auslaufmodell. Die Sender haben heute selber das Fachwissen, um Filme und Serien direkt auf dem Markt einzukaufen. Sie brauchen anders als in früheren Jahrzehnten, in denen Leo Kirch sein Imperium auf dem Filmrechtehandel aufbaute, keinen als Großhändler auftretenden Intermediär mehr.

Wenn aber Saban jetzt ein besseres Geschäft macht, als es vor acht Wochen der Fall gewesen wäre, dann machen die Gläubiger - die Banken und Lieferanten von Kirch Media - ein schlechteres. Sie bleiben vorerst auf einer teilweise entwerteten Filmbibliothek sitzen. Für diese noch einen guten Preis zu bekommen ist jetzt um so schwerer geworden. Das dürfte die Banken unter den Gläubigern - DZ-Bank, Bayerische Landesbank, Hypo-Vereinsbank und Commerzbank - treffen. Denn ihre Kredite von gut 1,4 Milliarden Euro sind mit der Filmbibliothek besichert. Dennoch ist der rasche Verkauf an Saban zu schlechteren Konditionen für die Kreditinstitute das kleinere Übel. Denn der hektisch entworfene Alternativplan der Geldhäuser, die Sender zunächst in Eigenregie wieder flottzumachen, war ein Irrweg. Die Banken verstehen dafür zuwenig vom Fernsehgeschäft und haben überdies genug eigene Probleme.

Für das deutsche Fernsehen ist der Einstieg von Saban eine Zeitenwende. Erstmals seit der Zulassung der privaten Anbieter Mitte der achtziger Jahre gelingt es einem ausländischen Unternehmer, hierzulande in großem Stil Fuß zu fassen. Er nutzt damit eine Chance, die es so noch nie gab und die wohl auch so schnell nicht mehr kommt. Gemessen an den Anteilen am Fernsehwerbemarkt, kontrolliert Saban mit den Sendern Pro Sieben, Sat 1, Kabel 1 und N 24 künftig mehr als 40 Prozent des deutschen Privatfernsehens. Der Zuschaueranteil liegt bei mehr als 20 Prozent. Bislang war das Privatfernsehen dagegen fest in der Hand der inländischen Konzerne Bertelsmann und Kirch.

Bei Pro Sieben Sat 1 hat der neue Eigentümer allerdings viel zu tun. Die hochverschuldete Sendergruppe hat gegenüber ihrem großen Gegenspieler, der zu Bertelsmann gehörenden RTL Fernsehen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Boden verloren. Das bisher von Pro Sieben Sat.1 propagierte Konzept, mit zwei Flaggschiffen - Sat.1 und Pro Sieben - den Bertelsmann-Tanker RTL zu überrunden, ist gescheitert. Im ersten Halbjahr machte RTL allein brutto nur knapp 20 Prozent weniger Werbeumsatz als Pro Sieben und Sat.1 zusammen. Doch Pro Sieben Sat.1 muß damit eben die im Fernsehgeschäft hohen fixen Kosten von zwei Sendern finanzieren. Saban muß es deshalb gelingen, aus zwei schwachen einen starken Kanal zu formen, der RTL die Stirn bieten kann.

Noch weiß niemand, was der Amerikaner mit den Sendern vorhat. Doch ist zu erwarten, daß Pro Sieben Sat.1 mit dem neuen Eigentümer aus der lähmenden Starre nach der Kirch-Insolvenz erwacht. Und das ist auch für die Qualität des Fernsehens gut. Wer erlebt hat, mit welcher entspannten Lässigkeit RTL vergangene Woche den Werbekunden auf dem Branchentreffen Telemesse sein neues Programm präsentierte, der ahnt, daß der Marktführer in der Gefahr ist, träge zu werden.

Aber ein starker neuer Marktteilnehmer ist auch für das in Schieflage geratene duale Fernsehsystem in Deutschland gut. Die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten profitierten von der Lähmung des privaten Konkurrenten - und nutzten diese aus. Erst vor kurzem schnappte die ARD Sat.1 die Fußball-Bundesliga weg. Eine weitere Expansion des ohnehin monströsen öffentlich-rechtlichen Rundfunks liegt jedoch kaum im Interesse der Gebührenzahler. Die Chancen, daß auch die Zuschauer vom Saban-Einstieg profitieren, sind nicht schlecht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2003, Nr. 180 / Seite 11
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