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Kommentar : Null Toleranz für die Impfgegner

Kleiner Stich, große Wirkung. Bild: dpa

Das Verhalten der Impfgegner ist irrational und ideologisch. Freilich muss auch irrationales Handeln erlaubt sein, doch ihr Verhalten bedroht das Leben anderer. Da hilft nur noch Zwang.

          Eltern müssen sich beim Kinderarzt über einen ausreichenden Impfschutz ihres Kindes informieren. Hierüber erhalten sie einen schriftlichen Nachweis, den sie der Kita vorzeigen müssen. Verweigern sich Eltern dieser Beratung, droht ihnen ein Bußgeld von bis zu 2500 Euro.

          Das alles ist geltendes Recht. Seit vergangener Woche gilt zusätzlich: Fehlt der Kita ein entsprechender Nachweis, muss diese das Gesundheitsamt benachrichtigen. Auch das ist nur ein Zwischenschritt: Fruchtet alles nichts, droht am Ende der Impfzwang nach dem Motto: Und bist du nicht willig, gebrauch ich Gewalt.

          Zu entscheiden ist, ob dieser Zwang in einer liberalen Gesellschaft statthaft ist. Die Freiheit, etwas zu tun oder zu lassen, ist Fundament jeder marktwirtschaftlichen Ordnung: Paternalismus, die Anmaßung des Staates, er wisse besser, was gut für seine Bürger sei, führt zu einer Entmündigung und ist als Eingriff in das Recht der Selbstbestimmung abzulehnen.

          Beim Impfboykott hört der Spaß auf

          Das heißt nicht, dass die Bürger immer alles richtig machen. Sie müssen sogar ein Recht auf den Irrtum haben; so etwas ist in aller Regel die beste Voraussetzung, seine eigenen Erfahrungen zu machen.

          Dies alles ist dem Liberalen heilig. Und gleichwohl gilt: Beim Impfboykott hört der Spaß auf und findet die Freiheit ihre Grenze. Eine solche Ausnahme muss gut begründet werden, zumal die Impfgegner nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit geltend machen. Die Nadel im Oberarm übt Gewalt am eigenen Körper aus. Das ist ein stärkerer Eingriff in die Freiheit als das Gebot, bei Rot an der Ampel zu halten.

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          Keine Frage: Der Widerstand der Impfgegner ist komplett irrational und ideologisch. Das gilt sowohl für die verschwörungstheoretische Theorie, die böse kapitalistische Pharmaindustrie flöße den süßen Kleinen giftige Stoffe ein, als auch für den sozialdarwinistischen Satz, die Kinder müssten ihre Immunität selbst entwickeln und dürften durchs Impfen nicht verweichlicht werden. Das sei so, als wenn Sie einen Dreijährigen auf einem Bobby-Car bei Rot über die Straße schöben, um ihn gegen den Straßenverkehr abzuhärten, schreibt der Historiker Götz Aly.

          Masern könnten längst ausgerottet sein

          Doch reicht das zur Legitimation für Denunziantentum (Kita muss der Gesundheitsbehörde Meldung machen) oder gar für einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit aus? Nein. Erwachsene Menschen müssen das Recht haben, irrational zu handeln. Dass der Homo oeconomicus in all seinem Tun ein rationales Wesen sei, war immer schon ein Missverständnis.

          Doch der Impfboykotteur schädigt nicht (nur) sich selbst, das darf er, sondern auch seine unmündigen Kinder – das steht Eltern nicht zu – und er schädigt die Gesellschaft: Masern könnten längst ausgerottet sein, wenn sich mindestens 95 Prozent der Bevölkerung impfen ließen.

          Am Ende also nur der Zwang, so leid es einem für die Freiheit tut

          Das Verhalten der Wenigen bedroht somit das Leben anderer, insbesondere dasjenige kleiner Kinder, bei denen, weil noch nicht geimpft, die Viren leichtes Spiel haben. Es geht somit um die von Ökonomen sogenannten „externen Effekte“ individueller Freiheitsakte, welche die Legitimation für eine Politik der Null-Toleranz liefern.

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          John Stuart Mill, ein englischer Philosoph des 19. Jahrhunderts, hat die Auffassung vertreten, dass man aus Respekt vor der Freiheit sogar einen Selbstmörder nicht von seiner Tat abhalten dürfe, es sei denn, er oder sie sei offensichtlich nicht recht bei Sinnen. Impfgegner sind nicht recht bei Sinnen und werden angesichts der offensichtlichen externen Effekte ihrer Freiheitsentscheidung zu potentiellen Amokläufern.

          Verschwörungstheoretiker lassen sich bekanntlich gerade nicht durch Verweis auf die wissenschaftliche Triftigkeit epidemiologischer Erkenntnisse von ihrem Irrglauben abbringen, denn die Verschwörer leben ja gerade vom Zweifel an der „Schulmedizin“. Da hilft am Ende also nur der Zwang, so leid es einem für die Freiheit tut.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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