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Veröffentlicht: 29.08.2015, 17:34 Uhr

Kommentar Jugendliche wissen zu wenig über Wirtschaft

Wie funktioniert die Börse? Was sind Aktien? Darüber müssen Schüler mehr erfahren. So lernen sie auch mit eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen verantwortungsvoller umzugehen.

von
© dpa 70 Prozent der Jugendlichen wünschen sich Wirtschaft als Unterrichtsfach

Was soll unseren Kindern in der Schule vermittelt werden? Die übergeordnete Antwort lautet: Allgemeinbildung. Was das genau ist, muss eine Gesellschaft freilich immer wieder neu aushandeln, denn genauso wie sich die Welt unablässig weiterdreht, genauso verändert sich die Definition von Allgemeinbildung. Manchmal drängen schnell neue Themen in den Vordergrund wie die Digitalisierung, was zu der Forderung führt, Schulen sollten digitale Kompetenzen vermitteln. Manchmal dreht sich das Rad kaum. So ist Goethes Faust heute genauso Allgemeinbildung wie vor fünfzig Jahren, und man kann sich aus heutiger Sicht nicht vorstellen, dass sich das in den kommenden fünfzig Jahren ändern wird.

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Die Wirtschaftsbildung war schon vor fünfzig Jahren nicht unwichtig, heute aber ist sie - zentral! Niemand, der regelmäßig eine gute Zeitung liest, dürfte dies leugnen. Die Lektüre über einen längeren Zeitraum zeigt: Ökonomische Themen waren schon immer bedeutsam, doch sie sind immer wichtiger geworden. Manche sind über Monate hinweg bedeutender als (fast) alle anderen Themen.

War es vor 25 Jahren noch nicht besorgniserregend, wenn kaum jemand wusste, was Geldpolitik ist - auch wenn es schon damals besser anders gewesen wäre -, so kann heute der überaus wichtigen Diskussion über die Rolle der Europäischen Zentralbank in der Euro-Krise nur folgen, wer sich schon mal mit Zentralbanken und deren Aufgaben befasst hat. Dabei erfährt man dann auch, dass ihr Handeln die Inflation beeinflusst und damit jeden Einzelnen etwas angeht.

Wer verstehen will, mit welcher Macht der Euro die Länder des gemeinsamen Währungsgebiets auseinandertreibt, sollte schon mal darüber nachgedacht haben, unter welchen ökonomischen Bedingungen eine Gemeinschaftswährung funktioniert. Darüber sollte nicht nur in den Studierstuben der Ökonomen nachgesonnen werden, sondern auch in den Klassenräumen der allgemeinbildenden Schulen. Wer glaubt, das sei für Schüler zu kompliziert, dem seien die Bildungsangebote der Deutschen Bundesbank empfohlen.

Angst vor einer weiteren Ökonomisierung

Es gibt zudem viele Themen, die auf den ersten Blick wenig ökonomisch anmuten und auf den zweiten eine starke wirtschaftliche Dimension haben, zum Beispiel der Umweltschutz und der Strom der Flüchtlinge nach Europa, denn auch da geht es um den Umgang mit knappen finanziellen Mitteln und Ressourcen und damit um Ökonomie. Wirtschaftliche Überlegungen spielen in vielen Bereichen eine wichtige Rolle, ob es einem gefällt oder nicht. Manche können das kaum ertragen und beklagen die Ökonomisierung vieler Lebensbereiche.

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Umgekehrt dürfen in vielen Debatten, die zunächst ökonomische sind, andere Wissensgebiete nicht außer Acht gelassen werden. So sind in der Debatte über die Euro-Krise historische Aspekte überaus wichtig. Doch während wohl kaum jemand der Ansicht sein dürfte, Geschichte sollte in der Schule nicht als eigenes Fach, sondern zum Beispiel im Verbund mit Politik gelehrt werden, ist ein eigenes und verpflichtendes Fach Wirtschaft in ganz Deutschland noch nicht in Sicht, obwohl sich seine Befürworter seit drei Jahrzehnten dafür einsetzen.

Vielleicht hat dies etwas mit der Angst vor einer weiteren Ökonomisierung zu tun. Doch nimmt man etwas Wichtigem nicht die Bedeutung, indem man es vernachlässigt. Schlauer wäre es, wenn möglichst viele Menschen mehr über die ökonomischen Kräfte, die oft sehr stark sind, erführen, und zwar schon in der Schule.

Die Jugend hat das längst verstanden

Etwas verbessert hat sich die Wirtschaftsbildung der jungen Leute schon, wie die Jugendstudie des Bundesverbands deutscher Banken gezeigt hat, die Ende Juli veröffentlicht worden ist. Allerdings wussten in der repräsentativen Befragung zum Beispiel sechs von zehn Menschen im Alter zwischen 14 und 24 Jahren nicht, wie die Börse funktioniert. Was eine Aktie ist, weiß zwar die Mehrheit, mit dem Begriff Rendite können aber die meisten nichts anfangen.

Nun geht es nicht darum, dass Lehrer zu Anlageberatern werden oder erklären, wie man eine Steuererklärung macht, ein Auto kauft oder eine Versicherung abschließt. Wenn Wirtschaftsbildung Allgemeinbildung ist, dann muss sie auf der übergeordneten Ebene ansetzen: Wie funktioniert die Börse? Welchen Beitrag leistet sie zur wirtschaftlichen Entwicklung? Warum finanzieren sich Unternehmen über Aktien und warum über Anleihen? Was ist der Unterschied? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Risiko und Rendite? Auf diese Weise lernen die Schüler Zusammenhänge und mit eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen - zum Beispiel der Geldanlage - verantwortlicher umzugehen.

Die jungen Leute haben das alles längst kapiert. Sie fühlen sich, wie Umfragen wie die Jugendstudie zeigen, oft unsicher, wenn es um Wirtschaft geht, und erwarten gerade von der Schule und auch von den Medien mehr Wirtschaftsbildung. Für ein eigenes Schulfach plädieren sogar mehr als 70 Prozent. Von ihren Eltern erwarten hingegen nur wenige Unterstützung. Auch in dieser Hinsicht beweist die Jugend Realitätssinn.

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