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Kommentar Huch, wir wachsen

23.01.2011 ·  Die deutsche Wirtschaft kann sich auf ein hervorragendes Jahr 2011 freuen. Zumindest, wenn man den Managern deutscher Firmen glaubt. Doch die Staatenkrisen in Europa zeigen: Irgendwann geht es nicht mehr so weiter.

Von Lisa Nienhaus
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Die deutsche Wirtschaft kann sich auf ein hervorragendes Jahr 2011 freuen. Zumindest, wenn man den Managern deutscher Firmen glaubt. Die werden monatlich für den Ifo-Geschäftsklimaindex befragt. Und der zeigt nun, zum achten Mal hintereinander, nach oben, erreicht sogar den höchsten Stand seit der Wiedervereinigung. Dabei war schon die Vergangenheit spitze, jedenfalls das Jahr 2010. Mit 3,6 Prozent Wachstum war es ein Wahnsinnsjahr für Deutschland. So rasant ging es seit 1992 nicht mehr bergauf.

Moment mal, war da nicht was? Euro-Krise, schlingernde Staaten mit Schuldenbergen und Bankenwracks, Rettungspakete für Irland und Griechenland, ein Milliarden-Rettungsschirm. Weltuntergangsstimmung in Euroland und auch in Deutschland.

Der Staat ist in Existenznöten, aber die Wirtschaft prosperiert? Irgendetwas passt da nicht zusammen. Viele Ökonomen sagen: Das kann so nicht weitergehen. Denn hohe Schulden bedeuteten schlechtes Wachstum. Die Erklärung dafür geht so: Wenn der Staat hohe Schulden hat, muss er höhere Zinsen bieten, damit er noch Kredit bekommt. Das erhöht das Zinsniveau im Markt. Kredite werden für alle teurer, auch für Unternehmen, was am Ende das Wachstum drosselt.

Folgt die Praxis der Theorie?

Die Theorie klingt logisch. Es ist allerdings umstritten, ob sie in der Praxis tatsächlich gilt. Zumindest kurzfristig stimmt sie offenbar nicht. Derzeit etwa sind die Zinsen sehr niedrig, obwohl sich viele Staaten der Welt wegen der Krise hoch verschuldet haben. Deswegen sind einige Ökonomen der gegenteiligen Auffassung: Nicht die Schulden behindern das Wachstum, sondern Länder, die wenig wachsen, verschulden sich hoch.

Dass in diesem Streit unklar blieb, wer recht hat, war den meisten großen Staaten dieser Welt gerade recht. Denn so konnten sie sich in den vergangenen Jahren ungeniert weiter verschulden. Deutschland etwa hatte 1980 Schulden in Höhe von 30 Prozent der Wirtschaftsleistung, heute liegen wir bei 75 Prozent.

Doch die Staatenkrisen in Europa zeigen, was selbst einem Zehnjährigen einleuchtet: Das funktioniert nicht für alle Zeit. Für Staaten gilt dasselbe wie für Unternehmen und kleine Leute. Irgendwann geht es nicht mehr so weiter. Die wahre Gefahr der Verschuldung lautet nicht wenig Wachstum, sondern Staatspleite - und die wirkt sich immer negativ auf die Wirtschaft aus.

Das kann niemals für alle gelten

Die Frage ist nur: Wann ist es so weit? Schaut man in die Geschichte, so ist es höchst unterschiedlich, bei welchem Schuldenstand Länderfinanzen kollabierten. Von zwölf bis mehr als 200 Prozent ist alles dabei. Die Krisen-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff wollen als entscheidende Grenze für Industrieländer 90 Prozent erkannt haben.

Das kann aber niemals für alle gelten. Denn eine Staatspleite funktioniert nicht anders als ein Sturm auf die Banken. Es geht um Vertrauen. Ein vertrauenswürdiges Land bekommt länger Kredit. Nur so ist zu erklären, dass Japan trotz einer Schuldenquote von 192 Prozent nicht als Pleitekandidat gilt. Und es geht um Herdeneffekte. Da kommt es nicht darauf an, ob man selbst glaubt, dass ein Land solvent ist. Wenn man nur sicher ist, dass alle anderen nervös werden, dann sollte man möglichst schnell sein Geld abziehen. Hat der Markt einmal das Vertrauen verloren, können verschuldete Staaten nämlich keine neuen Kredite aufnehmen, um die Zinsen für die alten zu bedienen. So krachen Länder ebenso plötzlich zusammen wie Banken.

Diese Grenze, an der es gefährlich wird, ist schwer zu bestimmen. Sich ihr zu stark anzunähern gilt es allerdings zu vermeiden. Deshalb ist es keine Arroganz, dass Deutschland - trotz Wirtschaftsboom - zögert, wenn es darum geht, Schuldenlasten anderer Staaten zu schultern. Es ist Besonnenheit.

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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