ctg. Wie verzwickt die Lage ist, in die sich die amerikanischen Währungshüter um Alan Greenspan im Sommer manövriert haben, wird inzwischen nur allzu deutlich: Damals gaben sie - aus der bekundeten Sorge vor einer Deflation - den Finanzmarktakteuren das Versprechen, die Zinsen für beträchtliche Zeit nicht zu erhöhen. Zweifel an der von der Fed befürchteten Preisentwicklung waren angesichts der zunehmend besseren Konjunktur und des hohen Geldmengenwachstums schon zu diesem Zeitpunkt angebracht. Sie spiegeln sich seither in den höheren Kapitalmarktzinsen wider, die eine Inflationsprämie enthalten. Verspätet ist nun auch die Fed zur Einschätzung gelangt, die Risiken für Inflation und Deflation seien nahezu ausgeglichen. Der eigentlich fällige Kurswechsel in der Geldpolitik läßt sich aufgrund des unglücklichen Zinsversprechens jedoch nur unter Schwierigkeiten einleiten. Es droht ein konjunkturschädlicher Renditesprung an den Märkten. Will die Fed die Erwartungen der Marktakteure nicht enttäuschen, so hat sie keine andere Wahl, als mindestens bis zum Frühjahr mit der Leitzinserhöhung zu warten. Damit haben sich Greenspan und seine Kollegen zu Gefangenen der Märkte gemacht und sich der sonst hochgehaltenen Flexibilität ihrer Zinspolitik beraubt. Diese Episode amerikanischer Geldpolitik macht abermals deutlich, wie sehr der Fed ein Gerüst in Gestalt eines Inflationsziels fehlt.