22.09.2003 · Der Ruf der sieben führenden Industrieländer (G 7) nach flexiblen Wechselkursen ist nichts anderes als der Wunsch nach einer Abwertung des Dollar gegenüber den asiatischen Währungen.
Von Folker DriesFür den Dollar ist offenbar eine neue Abwertungsphase eingeleitet worden. Der ungewöhnliche Ruf der sieben führenden Industrieländer (G 7) nach flexiblen Wechselkursen ist nichts anderes als der Wunsch nach einer Abwertung des Dollar gegenüber den asiatischen Währungen. Die Märkte haben das Signal verstanden. Der Yen, die Ankerwährung Asiens, hat zu Wochenbeginn gegenüber dem Dollar auf ein Niveau aufgewertet, auf dem Japans Währung zuletzt vor fast drei Jahren gehandelt worden war.
Ist das eine für die Weltwirtschaft gesunde Entwicklung? Im Prinzip ja. Denn die künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurse Asiens sind ein wesentliches Hindernis dafür, daß das exorbitante amerikanische Leistungsbilanzdefizit, eine potentielle Quelle für Instabilität, auf ein Normalmaß zurückgefahren wird. Doch das Kind darf auch hier nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden. Denn je rascher sich dieser Anpassungsprozeß auf Asiens Devisenmärkten vollzieht, desto gefährlicher sind seine Nebenwirkungen. Anders formuliert: Es kann weder im Interesse Amerikas noch im Interesse Europas sein, wenn der Yen und seine asiatischen Schattenwährungen dramatisch aufwerten. Damit würde die derzeit am schnellsten wachsende Wirtschaftsregion der Welt Gefahr laufen, aus dem Tritt zu kommen.
Japans Wirtschaft hat im zweiten Quartal mit einer Jahresrate von 3,9 Prozent expandiert. Kein anderes G-7-Land, nicht einmal Amerika, ist real so stark gewachsen. Aber das heißt noch lange nicht, daß Japan damit aus seiner langjährigen Abwärtsspirale ausgebrochen ist. Das hohe reale Wachstum vollzieht sich immer noch in einem Umfeld stark sinkender Preise. Nominal ist das Wirtschaftswachstum auch im jüngsten Quartal unspektakulär ausgefallen.
Japan könnte somit eine deutliche Aufwertung des Yen um 10 oder gar 20 Prozent binnen weniger Monate wahrscheinlich nicht verkraften. Der deflationäre Impuls einer solchen Aufwertung wäre zu groß, die Profitabilität des Exportgeschäftes würde leiden. Nichts anderes signalisierte am Montag der Aktienmarkt in Tokio, der in Reaktion auf die jüngste Yen-Aufwertung seinen höchsten Tagesverlust seit zwei Jahren zu verschmerzen hatte. Der neue Finanzminister Sadakazu Tanigaki versicherte denn auch gleich nach seiner Ernennung, daß es keine Veränderung in der japanischen Wechselkurspolitik geben werde.
Das ist dahin gehend richtig, daß Japan schon sehr bald wieder im Markt intervenieren dürfte - allein schon um dem spekulativen Devisenhandel zu signalisieren, daß der Wechselkurs des Yen nicht nach oben freigegeben wurde. Geändert haben sich aber die Koordinaten für die Interventionen. Bisher lautete die inoffizielle Vorgabe für die Bank von Japan, daß ein Dollar nicht weniger als 115 Yen kosten darf. Von Januar bis Mitte September warf deshalb die im Regierungsauftrag handelnde Notenbank Yen im geschätzten Wert von umgerechnet 90 Milliarden Dollar auf den Markt. Doch das 115-Yen-Limit wurde jetzt durchbrochen. Die Yen-Nachfrage der japanische Aktien kaufenden Ausländer war zuletzt zu groß, der politische Druck im Vorfeld des G-7-Treffens zu stark.
Tokio wird jetzt versuchen, eine neue Toleranzschwelle einzuziehen - wahrscheinlich 110 Yen je Dollar. Mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Amerika und auch Europa könnte Japan wahrscheinlich sogar noch eine etwas stärkere Aufwertung verschmerzen. Doch diese Exportmärkte spielen für Japan nur mehr eine sekundäre Rolle. Fast die Hälfte aller japanischen Exporte entfallen inzwischen auf Asien, während der Anteil Amerikas nicht einmal mehr bei einem Viertel liegt. Und in diesem Asien sitzt mit China ein schnell wachsender Wettbewerber, der die vielen kleinen asiatischen Tiger und das große Japan immer mehr verschreckt. China hat seine Währung Yuan seit Mitte der neunziger Jahre an den Dollar gekoppelt und will daran, ungeachtet des steigenden internationalen Drucks, vorerst nichts ändern. Eine Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar ist somit auch eine Aufwertung des Yen gegenüber dem Yuan. Unter japanischen Politikern ist der Glaube weit verbreitet, daß die Billigimporte aus China erheblich zu dem deflationären Prozeß beigetragen haben. Eine Aufwertung gegenüber Dollar und Yuan würde demnach die deflationären Kräfte, die doch bekämpft werden sollen, eher noch intensivieren.
Vor diesem Hintergrund ist es unwahrscheinlich, daß mit dem G-7-Treffen ein interventionsfreies Zeitalter angebrochen ist. Japan und die Tigerstaaten werden weiterhin zugunsten des Dollar intervenieren, allerdings - aus der Dollar-Perspektive - auf niedrigerem Niveau. Das Volumen der Interventionen muß deshalb nicht sinken. Es kann sogar noch steigen, je nachdem, wie stark der Aufwertungsdruck ausfällt. Es gibt keine nachgewiesene Wechselbeziehung zwischen Wechselkurshöhe und Interventionsvolumen. Insofern sind Ängste verfrüht, die jüngste Yen-Aufwertung könne zu einem geringeren Engagement der asiatischen Notenbanken am amerikanischen Anleihemarkt und somit zu steigenden Kapitalmarktzinsen führen. Über ihre Käufe amerikanischer Staatsanleihen haben die Notenbanken von Japan, China, Südkorea und Taiwan allein in diesem Jahr rechnerisch rund 60 Prozent des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits finanziert.
Kurzum: Eine Aufwertung der asiatischen Währungen ist eine für die Weltwirtschaft willkommene Entwicklung, wenn sie sich graduell und nicht abrupt vollzieht. Ob damit die Hoffnung vieler europäischer Notenbanker und Politiker in Erfüllung geht, daß der Euro nicht mehr die Hauptlast der Dollar-Abwertung zu tragen hat, steht auf einem anderen Blatt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.393,05 | +1,18% |
| Dow Jones | 12.546,10 | +0,73% |
| EUR/USD | 1,2534 | −0,06% |
| Rohöl Brent Crude | 107,55 $ | +0,27% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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