Manchmal denkt man ja, der spinnt, der Dax. Da stecken überall in Europa die Politiker die Köpfe zusammen und diskutieren besorgt, was man denn machen könnte, wenn der Euro zerbricht. So offen wie nie reden sie über einen möglichen Zerfall der Währungsunion. Allen voran die Finnen, deren Außenminister öffentlich bekennt, womöglich funktioniere Europa ohne den Euro besser. Sekundiert von seinem österreichischen Amtskollegen, der den Wunsch zu artikulieren wagt, das eine oder andere Land aus dem Euro zu werfen, wenn es seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.
Kurz: Überall bekommt man das Gefühl, so ernst habe es nun wirklich noch nie um den Euro gestanden. Selbst Leute aber, die dieser Währung nie besonders positiv gegenüberstanden, werden kaum um die Annahme herumkommen, dass ihr möglicher Zerfall ein einschneidendes Ereignis für die deutsche Wirtschaft darstellen würde.
Und was macht der Dax, dieser alte Luftikus? Er hüpft mit Leichtigkeit über die 7000er-Marke, wie es die Börsianer am Freitag formulierten. Der deutsche Aktienindex scheint guter Dinge zu sein, erfreut sich seiner Tage und erklimmt alte Höhen aus Zeiten vor der Finanzkrisen. Was ist da bloß los?
Die Börsianer glauben nicht an ein Auseinanderfallen des Euro
Die Entwicklung der Börsenkurse lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Die Börsianer glauben nicht an ein Auseinanderfallen des Euro. Sie ziehen die Möglichkeit zwar in Erwägung, halten sie aber nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Die Anleger rechnen vielmehr damit, dass die Europäische Zentralbank und die Politiker alles tun werden, um den Euro zu retten, selbst wenn das mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden ist. Das heißt vor allem: Sie rechnen damit, dass die Notenbank am Ende im großen Stil Anleihen südeuropäischer Schuldenstaaten kauft - gegen alle Widerstände aus Deutschland.
Wenn EZB-Präsident Mario Draghi aber am Ende den Euro mit Anleihenkäufen rettet, dann hat das zwei Folgen: eine (zunächst) erfreuliche. Und eine (langfristig) sehr gefährliche. Beide jedoch lassen im Augenblick den Dax steigen.
Die erste Folge ist eine Stabilisierung des Euroraums. Wenn die Notenbank für die Staaten in Südeuropa einspringt, beruhigt das zwangsläufig auch das wirtschaftliche Umfeld der Dax-Unternehmen. Der Einsatz der Notenpresse bannt die Gefahr eines chaotischen Bankrotts südeuropäischer Länder auf absehbare Zeit. Investoren können erst mal durchatmen. In allen Aktienkursen steckt seit Beginn der Euro-Krise eine gehörige Portion Angst vor Chaos in Europa. Mit jedem Schritt, der ungeordnete Zustände auf Sicht unwahrscheinlicher werden lässt, entweicht etwas von dieser Angst. Das ist der eine Grund, warum der Dax so seltsam steigt.
Es gibt aber eine zweite Folge möglicher Anleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank - und die ist für Sparer in Deutschland äußert unerfreulich. Das ist die Inflation. Der Einsatz der Druckerpresse bringt die Gefahr einer stärkeren Geldentwertung mit sich. Steigt die Inflation aber sehr, dann trifft das langfristig auch die Unternehmen. Inflation verzerrt schließlich alle Preise und schadet auf Dauer dem Wachstum. Das aber ignoriert der Dax bislang standhaft. Die Anleger schieben diese langfristigen Erwägungen offenbar von sich. Im Augenblick sehen sie vor allem, dass Geld in Anleihen und auf Sparkonten von der Inflation gefährdet ist. Deshalb fließt derzeit sogar überdurchschnittlich viel Geld in Aktien. Davon profitiert der Dax zusätzlich. Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, prophezeit, die Anleger würden noch sehr lange die Inflationsrisiken ignorieren, die mit der eigentlich verbotenen Staatsfinanzierung der EZB einhergehen. Sehr weitsichtig ist das nicht.
So offen wie nie reden Politiker über einen Zerfall des Euro. Der Dax feiert trotzdem Rekorde. Warum?
Heute so --- morgen so
Erwin Stahlberg (Nundenn)
- 19.08.2012, 18:08 Uhr
Logik?
Karl Hammer (cromagnon)
- 19.08.2012, 15:56 Uhr
Die Aktien sind eine "Flucht-Währung"!
Rüdiger Noll (krn)
- 19.08.2012, 14:58 Uhr
Nachdenken
Hans W. Koerfges (HansWK)
- 19.08.2012, 13:02 Uhr
Oder eher Flucht in Sachwerte
Gernot Meyer (gernot99)
- 19.08.2012, 12:27 Uhr