31.07.2010 · Kindergärtnerinnen werden skandalös schlecht bezahlt. Dabei ist unstrittig, dass ein guter Kindergarten nicht nur die Einkommenserwartungen der Kleinen verbessert, sondern auch für eine stabilere Gesundheit bürgt und das Risiko mindert, auf die schiefe Bahn zu geraten.
Von Rainer HankWas ist eine Kindergärtnerin wert? Ein exorbitantes Jahresgehalt von 320.000 Dollar wäre angemessen, haben amerikanische Wissenschaftler jetzt errechnet. Die Summe klingt wie eine Phantasiezahl, völlig aus der Luft gegriffen, sie hat aber einen rationalen Gehalt: Denn der stolze Betrag entspricht genau jenem zusätzlichen Einkommen, welches eine von einer guten Kindergärtnerin betreute Gruppe von Winzlingen im Laufe ihrer späteren Karriere erwarten darf, verglichen mit jenen Gehältern, welche die Leute erzielen würden, wären sie nicht in den Genuss frühkindlicher Förderung gekommen.
Unserer deutschen Krippentante Ursula von der Leyen muss bei der Lektüre der wissenschaftlichen Studie das Herz höher schlagen: Denn ein guter Kindergarten bessert nicht nur die Einkommenserwartungen der Kleinen, heißt es dort, sondern bürgt auch für eine vergleichsweise stabilere Gesundheit und mindert zudem das Risiko, später auf die schiefe Bahn zu geraten. Hurra, da sind die zwölf Milliarden Euro, die wir uns den Krippenausbau kosten lassen, wohl wahrlich gut angelegtes Geld!
Doch gemach. Bei näherem Hinsehen taugt die Studie (an der einige akademische Wunderkinder aus Harvard und Berkeley mitgewirkt haben und an der wenig auszusetzen ist) weder dafür, den alten Streit zwischen Erziehung und Vererbung neu aufzurollen, noch die Schlacht zwischen Heimerziehung versus Krippenbetreuung zu reanimieren. Viel entscheidender, mittlerweile unstrittig und lange nicht so trivial, wie es sich anhört, ist dagegen die Erkenntnis, dass man mit der Erziehung nicht früh genug anfangen kann. Wo die Förderung stattfindet, ob in einem intakten Elternhaus oder, im Falle von Problemfamilien, in Krippen und Kindergärten, ist weniger entscheidend.
Maßgebend ist, dass kognitive und nichtkognitive Fähigkeiten nicht früh genug ausgebildet werden können und dass, je früher das glückt, umso größer ihre spätere Wirkung ist.
Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Disziplin, Motivierbarkeit, Risikofreude und viele andere nichtkognitive Fähigkeiten – all das sollten die Kinder früh lernen. Denn diese Qualifikationen haben einen direkten Einfluss nicht nur auf die späteren Einkommen, sie reduzieren auch die Gefahr, kriminell, dick oder von Nikotin und anderen Giften abhängig zu werden. Wer eine zweite Sprache vor dem Alter von zwölf Jahren lernt, kann in der Regel gewiss sein, diese ein Leben lang akzentfrei zu beherrschen. Später ist das längst nicht mehr so sicher. Und wer Syntax und Grammatik einer Fremdsprache erst seit der Adoleszenz paukt, der wird, mag er sich noch so sehr anstrengen, immer Fehler machen.
Um das zu vermeiden, müssen Eltern ihrem Nachwuchs keine kleinen Babyuniversitäten einrichten. Wichtiger, wissen Erzieher und sagen Studien, ist das gelebte Vorbild. Und wenn Unterschichtfamilien dazu weniger in der Lage sind als Mittel- und Oberschichtfamilien, dann ist es kein übertriebenes Maß an Paternalismus, den andernfalls Vernachlässigten eine zusätzliche Förderung angedeihen zu lassen.
Was folgt daraus? Zum Beispiel, dass, gemessen am Ziel meritokratisch zustande gekommener gesellschaftlicher Gleichheit, Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Dynamik, Universitätsprofessoren viel zu gut, Kindergärtnerinnen dagegen skandalös schlecht bezahlt werden. Es folgt daraus auch, dass der Staat, sollte er Geld übrig haben, es besser nicht für Studienstipendien ausgeben sollte an Kinder, die ohnehin ihren Weg machen, sondern so früh wie möglich jene Eltern fördern, deren Kinder anderenfalls gar nicht bis an die Schwelle der Universität kommen. Viel wäre schon gewonnen, würde man hierzulande weniger Energie auf den pädagogischen Dogmenstreit verwenden, um in der frei gewordenen Zeit die ein oder andere neue Studie zu lesen.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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