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Kommentar : Die Energiewende ist nicht alternativlos

Die Bürger wünschen sich eine Regierung, die etwas versucht, aber auch davon ablässt, wenn es nicht funktioniert. Die Energiewende ist so ein Fall. Sie bringt nichts fürs Klima und schadet der Industrie. Doch die Politik hält daran fest.

          Die Bundeskanzlerin hat jüngst beteuert, sie wolle an der Energiewende festhalten. Schade. Denn der Bürger wünscht sich eine Regierung, die etwas versucht, aber auch davon ablässt, wenn es nicht funktioniert.

          Die Energiewende hat folgende Ziele: Sie soll den deutschen Beitrag zu Klimaerwärmung reduzieren, und sie soll den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie ohne Blackout ermöglichen. Die erste Nebenbedingung war, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gewahrt bliebe. Die grünen Ideologen sagten sogar eine Innovationsrevolution und ein neues deutsches Wirtschaftswunder für deutsche Umwelttechnik und Solarzellen voraus. Die zweite Nebenbedingung war die soziale Verträglichkeit des Großprojekts.

          Ein Blackout ist wahrscheinlicher geworden

          Gut, der große Blackout ist dem Land bisher erspart geblieben. Die Kunden bekommen zuverlässig Strom, obwohl Atomkraftwerke vom Netz genommen worden sind. Das lässt die Kritiker der Energiewende, die immer vor dem großen Stromausfall gewarnt hatten, schlecht aussehen. Allerdings scheuen sich die Verantwortlichen für Netzstabilität heute noch, Entwarnung zu geben. Aus gutem Grund: Ein Blackout ist heute deutlich wahrscheinlicher als vor der Energiewende. Und wenn er kommt, wird es düsterer, als viele vermuten.

          Bei der Emission von Treibhausgasen bereitet Deutschland der Welt nun aber eine erste böse Überraschung, nachdem man sich jahrelang als Vorreiter feiern ließ. 2012 pustete das Land mehr Treibhausgase in die Luft als zuvor, weil die Braunkohlekraftwerke so viel zu tun hatten wie lange nicht. Besserung kann nicht versprochen werden. In Deutschland gehen in diesem Jahr so viele neue Kohlekraftwerke ans Netz wie noch nie in den letzten 20 Jahren. Die erneuerbaren Energien schaffen es nicht, fossile Kraftwerke zu ersetzen. Das ist keine Kleinigkeit. Aus den deutschen Schlagzeilen mag die von Menschen gemachte Klimaerwärmung verschwunden sein, aber sie ist damit nicht aus der Welt. Eine neue globale Vereinbarung zur Eindämmung der Erwärmung fehlt.

          Parallel verdüstern sich nun die Wettbewerbsbedingungen für die deutsche Industrie. Das liegt nicht daran, dass großen deutschen Energieverbrauchern ein paar Privilegien genommen werden. Die Ursache liegt in den Preisen für fossile Energie, die sich den Vorgaben der grünen Wunschdenker schlicht verweigern.

          Gerade wird eine der großen Lebenslügen der Energiewende enttarnt, die da lautet: Erneuerbare Energie wird wettbewerbsfähig, weil fossile Energieträger zur Neige gehen und deshalb schnell unbezahlbar werden. Das Gegenteil ist der Fall. Neue Explorationsmethoden machen vor allem Gas billiger in Ländern, die, anders als Deutschland, nicht an Pipelines hängen. Während Länder auf dem amerikanischen Kontinent auf eine neue Blüte der Industrie hoffen, bleibt das Gas hierzulande teuer, dafür gibt es billige Kohle, die anderswo nicht gebraucht wird.

          Hoher Preis für die Firmen - und für die normalen Bürger

          Das hilft aber einem großen Teil der gewerblichen Wirtschaft wenig, weil sie mit ihrer Stromrechnung den Ausbau der erneuerbaren Energie finanzieren muss. Dies fordert einen hohen Preis von den Firmen, aber auch von ganz normalen Bürgern. Zweifel an der sozialen Balance des Projekts Energiewende müssen aufkommen, nicht nur weil einige Firmen von Kostenzuwächsen ausgenommen sind, sondern weil sie Geld von den Verbrauchern zu denen lenkt, die schon besitzen: ein Dach für Photovoltaik, ein Feld für Windkraft, einen Acker für Biomasse oder einfach Kapital.

          En passant hat man die Geschäftsmodelle der großen Energieversorger RWE, Eon, Vattenfall und ENBW vernichtet und damit Tausende Arbeitsplätze. Den Ökopionieren in Photovoltaik und Windenergie geht es genauso schlecht. Besser, die Bundeskanzlerin sagt diesmal nicht, die Politik sei alternativlos.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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          Quelle: F.A.S.

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