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Kommentar : Die digitale Schizophrenie

Hysterie allerorten: Mitarbeiter des Apple Store applaudieren einem der ersten Käufer des neuen iPhone beim Verlassen des Geschäfts - beobachtet von einer Menschenmenge Bild: dpa

Die Deutschen begeistern sich für Technik - verschlafen aber die digitale Revolution in der Industrie. In Tagungen und Workshops wird zwar über die neue Technikwelt geredet, doch akuten Handlungsdruck spürt man kaum.

          Ein Freitagmorgen in der Frankfurter Innenstadt: Um 8 Uhr brandet vor dem Ladengeschäft eines ausländischen Elektronikherstellers Jubel auf. Die Türen öffnen sich, Hunderte Begeisterte stürzen sich auf ein Telefon für 700 Euro oder mehr. Das Produkt mit dem Namen iPhone wurde in Amerika entwickelt und in China gefertigt. Ein paar Schritte weiter findet sich eine Filiale des Autoherstellers Tesla, ebenso wie Apple ein Unternehmen aus Kalifornien. Angeboten wird dort ein Auto, dem die technisch grundsätzlich führende deutsche Autoindustrie zu wenig entgegenzusetzen hat. Es handelt sich um das Modell Tesla S, das man mit seinem Elektroantrieb immer häufiger auf den Straßen sieht.

          Carsten Knop

          verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen.

          Die Menschen begeistern sich also für Technik. Und was folgt daraus? Im Hochhaus über dem Tesla-Laden wird beklagt, dass ein junges deutsches Unternehmen aus der Pharmabranche Schwierigkeiten habe, Eigenkapital für eine Wachstumsfinanzierung einzusammeln. Um 9 Uhr blickt man dann aus dem Hochhausfenster über die Stadt – und im Raum steht die Frage, wie lange es gutgehen soll, wenn die Technik, die begeistert, immer häufiger aus fernen Ländern kommt. Denn zurzeit geht es ja gut. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Der Exportmotor läuft noch rund, wenn man von der einen oder anderen Ausnahme wie Russland absieht.

          Die Deutschen haben es geschafft, die Herausforderungen zu bestehen, welche die Endphase der letzten industriellen Revolution für bereithielt. Sie haben von den Japanern gelernt, wie sich Fertigungs- und Organisationsprozesse optimieren lassen. Sie wissen, wie „just in time“ funktioniert und wurden zu Effizienzweltmeistern. Im Maschinenbau und in der Automobilindustrie konnten sie das mit der landestypischen Tüftlermentalität verbinden – und am Ende auch den Lehrmeistern aus Japan zeigen, wie man Gutes besser machen kann. Hinzu kamen ein paar sinnvolle Arbeitsmarktreformen. Ergebnis ist ein Wohlstand, der es vielen Menschen ermöglicht, ein Telefon für bis zu 1000 Euro Jahr für Jahr unbesehen neu zu kaufen.

          Man fühlt sich wohl

          In diesem Land fühlt man sich wohl. Es erfindet die Mütterrente. Man hält wenig vom störenden Ausbau der Infrastruktur, treibt die Energiepreise in phantasievolle Höhen – und im Zweifel wird das Unbequeme verboten. Gerne kauft man Sachen, die gut und alt aussehen. Nur auf dem immer neuen Smartphone von Apple oder Google tauscht man sich etwas schizophren über die Datensammelwut amerikanischer Internetkonzerne aus. Die Stimmung im Land wird von Vorstandschefs aus der Softwarebranche inzwischen „Biedermeier des 21. Jahrhunderts“ genannt. Und das ausgerechnet jetzt, wo die nächste industrielle Revolution schon begonnen hat und zur gesellschaftlichen Herausforderung wird.

          Denn das „Internet der Dinge“ hält Einzug. Alles wird miteinander vernetzt. Jede Maschine, jedes Produkt bekommt eine Adresse im und eine Verbindung zum Internet. Maschinen können sich in der Produktion miteinander unterhalten, Bestellungen auslösen, in Echtzeit über weite Distanzen hinweg über ihren Zustand informieren. Sensoren sind überall. Menschen tauchen an vielen Stellen der Wertschöpfungskette immer seltener auf. Programmierer werden wichtiger, andere dürfen ausführen, was die Computer ihnen sagen. Und die Chips werden mit der Geschwindigkeit einer Exponentialfunktion leistungsfähiger.

          Vielleicht waren es die Deutschen, die mit als Erste auf dieses Phänomen und seine Folgen aufmerksam geworden sind. Der hierzulande geprägte Begriff „Industrie 4.0“ zeugt davon. Was folgte, ist ebenfalls sehr deutsch: Seither befasst man sich in aufwendigen Normungsprozessen damit, langwierig Standards für die Kommunikation im Internet der Dinge festzulegen. In Tagungen und Workshops diverser Industrieverbände wird zwar über die neue Technikwelt geredet, akuten Handlungsdruck aber spürt man kaum. Besonders kleine Mittelständler sind zurückhaltend.

          Derweil geben die Amerikaner Gas. Geht es um das Wort „Digitalisierung“ spielen sie ihre Trümpfe aus – und das jetzt auch in traditionellen Industrien. Dort stehen Risikokapitalgeber bereit, Ideen mit Millionen zu finanzieren. Am Tellerwäscher-Spruch hat sich nichts geändert: Mancher Gründer wird in wenigen Jahren Millionär oder gar Milliardär. Nicht selten investieren sie dann in weitere Gründungen. Während der amerikanische Netzwerkausrüster Cisco in Berlin also mal eben 30 Millionen Dollar nur für ein weiteres Forschungszentrum für das Internet der Dinge springen lässt, schleppt sich das Land Baden-Württemberg zu einem Unterstützungsfonds zu diesem Thema, für den in zwei Jahren zunächst 8,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

          Mit der Hilfe vom Staat allein wird Deutschland, „High-Tech-Strategie“ hin oder her, also kein Innovationsweltmeister. Mut wird hierzulande aber nicht belohnt, eine Meinung oder ein Produkt, das dem biederen Mainstream entgegensteht, schon gar nicht. Es wird Zeit, dass die Deutschen merken, dass ein Zug den Bahnhof verlässt: am besten mit Sensoren aus deutscher Produktion an den Radlagern, die der Bahn jederzeit sagen, wie der technische Zustand der Waggons ist. Wenn es schon mit den Handys nicht geklappt hat.

          Quelle: F.A.Z.

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