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Kommentar zu Digitalprojekten : Deutsche Banken scheitern an der Zukunft

Das Frankfurter Bankenviertel. Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Geldhäuser beerdigen auf fast beeindruckende Weise Digitalprojekte am laufenden Band. Wie wollen sie mit diesem altbackenen Vorgehen in Zukunft mithalten?

          Diese Banken haben es den amerikanischen Internetriesen jetzt einmal richtig gezeigt. Einige der größten Kreditinstitute des Landes haben sich zusammengeschlossen und ein eigenes Unternehmen gegründet, um den amerikanischen Bezahlanbieter Paypal in die Schranken zu weisen. Sie gründeten ein eigenes Bezahlportal. Der Lohn: Mehr als 100000 Internetshops akzeptieren Zahlungen über sie, im Online-Bezahlmarkt ist die App führend. Das Problem an der Geschichte: Sie spielt leider nicht in Deutschland, sondern in den Niederlanden. Paypal ist dort bis heute keine relevante Größe.

          Angesprochen auf dieses Beispiel, redet man sich in deutschen Banktürmen gerne damit heraus, der Erfolg sei auf die spezielle Situation in den Niederlanden zurückzuführen. Doch das stimmt nicht. Auch in Schweden haben es sieben große Banken gemeinsam mit der schwedischen Zentralbank geschafft, eine Bezahlapp zu entwickeln. Mit Swish wird mittlerweile ein Großteil des dortigen Zahlungsverkehrs abgewickelt, mehr als jeder zweite Schwede nutzt die App. Man könnte noch mehr solcher „speziellen“ Situationen aufzählen.

          Doch meistens ist es so: Wenn überall etwas speziell ist, ist es wohl eher normal. Speziell scheint es dagegen eher hierzulande zuzugehen. In der Tat beerdigen die deutschen Banken auf fast schon beeindruckende Weise Digitalprojekte. Die Liste an Beispielen ist sehr lang, und die Gründe für das Versagen sind fast noch zahlreicher.

          Die Verantwortlichen wissen um ihr Scheitern

          Das Paradebeispiel ist Paydirekt. Mit diesem Bezahldienst sollte dem großen Platzhirschen Paypal in Deutschland das Wasser abgegraben werden. Immerhin 40 Banken schlossen sich im Jahr 2014 dafür zusammen. Dementsprechend großspurig waren die Ankündigungen. „Mit dem Start von Paydirekt beim Marktführer Sparkasse wird das deutsche Online-Bezahlverfahren richtig Fahrt aufnehmen“, tönte der damalige Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. Daraus ist bisher nichts geworden. Die Verantwortlichen gestehen das Scheitern selbst ein. Wie oft in solchen Fällen, werden die letzten Pfeile aus dem Köcher gezogen, um zu retten, was noch zu retten ist: Personalwechsel und Geld, viel Geld.

          Man ist mit einer viel zu hohen Preisvorstellung in den Markt gegangen. Es liegt eine gewisse Arroganz darin, dass die deutsche Kreditwirtschaft dachte, ihre Friss-oder-stirb-Taktik werde trotz der etablierten mächtigen Paypal-Konkurrenz bei den Händlern schon irgendwie verfangen. Später wurden diese und andere Fehler zum Teil korrigiert, der Versandhändler Otto etwa wurde mit rund 13 Millionen Euro geködert, auch für andere Internetshops öffneten die Banken ihre Schatullen, um sie zum Mitmachen zu bewegen. Doch die Fehler sind tiefergreifend, und Geld allein wird nicht reichen, um sie auszubügeln.

          Das Kernproblem liegt in der Struktur von Paydirekt. Zwar gibt es die Paydirekt GmbH, doch diese fungiert nur als Dach für Paydirekt. Darunter darf jeder machen, was er mag. Kundenakquise, Preisgestaltung, sogar die Werbung – jede Bank darf selbst entscheiden, was sie wie machen will. In der Anfangszeit führte das dazu, dass manche Banken für Online-Händler einen Ansprechpartner hatten, andere nicht. Testzugänge hat es bei manchen Banken gegeben, bei anderen nicht. Die einzelnen Institute lästern dann auch mit Vorliebe über die Konkurrenz: Der eine mache kaum Werbung, der Nächste versage in der Akquise, und der Dritte mache gleich gar nichts.

          Lernen die Banken aus ihrem Misserfolg?

          Mit dieser deutschen Kleinstaaterei kann man keinen Preis gewinnen. Solange sich nicht alle Banken zusammenraufen und eine starke Führung installieren, um endlich einheitlich vorzugehen, wird das nichts. Und dann müsste man sich auch gleich noch das Zukunftsthema „Mobiles Bezahlen“ vornehmen, das gerade überall Fahrt aufnimmt. Aber, man ahnt es schon: In den Banken wird noch geprüft, ob das ein Thema sei – es sei eben eine spezielle Situation hier in Deutschland.

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          Lernen die Banken aus dem Misserfolg? Das kann man mit ziemlicher Sicherheit verneinen. Paydirekt ist schließlich nicht das einzige gescheiterte Digitalprojekt der deutschen Banken in den vergangenen Jahren. Man schaue sich nur Yomo an. Von den Sparkassen entwickelt, sollte es die eigene Internetbank der roten Gruppe werden. Der Start war verheißungsvoll, danach verlor man sich im Kleinklein.

          Wieder waren mehrere Sparkassen zuständig, die sich zum Teil dann zurückzogen. Einheitliche Konditionen gibt es nicht, weil jede Sparkasse andere anbieten darf. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus. Den Entwicklern war es zeitweise wohl wichtiger, dass die Nutzer Smileys in Betreffzeilen angeben konnten, als dass es funktionierende Daueraufträge gab. Die Chefs der Internetbank N26, die mittlerweile eine Million Kunden hat, halten sich wohl heute noch den Bauch vor Lachen, wenn sie an die vermeintliche Konkurrenz denken.

          Den letzten Höhepunkt setzten die Banken mit den sogenannten Instant Payments. Sie ermöglichen es Personen, einander in Sekunden Geld zu überweisen. Die Technologie ist quasi fertig, die Banken müssen sie nur noch einbinden. Doch nun wollen sie für diesen Allerweltsservice auch noch Geld haben. Wer soll ihn dann nutzen? So jedenfalls wird das nichts mit deutschen Banken und der Zukunft.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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