04.09.2003 · In Asien türmen sich die Dollar-Anlagen. Die Notenbanken Japans, Chinas, Südkoreas und Taiwans haben Devisenreserven von zusammen mehr als einer Billion Dollar angehäuft.
Von Folker DriesIn Asien türmen sich die Dollar-Anlagen. Die Notenbanken Japans, Chinas, Südkoreas und Taiwans haben Devisenreserven von zusammen mehr als einer Billion Dollar angehäuft. Die Exporterfolge dieser Länder setzen ihre Währungen unter Aufwertungsdruck. Über den Kauf amerikanischer Wertpapiere wird dieser Druck gemildert. Dies erklärt teilweise, warum Amerika bisher so mühelos seinen Kapitalbedarf deckt. Die Marktmanipulation der Asiaten hat freilich ihre Schattenseite. Sie schiebt einen Anpassungsprozeß auf, der sich auf die Weltwirtschaft günstig auswirken würde: den Abbau des exorbitanten amerikanischen Leistungsbilanzdefizits über eine Abwertung des Dollar.
Aus dem europäischen Blickwinkel gewinnt man zwar das Gefühl, daß Amerikas Währung in den vergangenen eineinhalb Jahren schon deutlich gefallen ist. Trotz der jüngsten Kursgewinne hat der Dollar gegenüber dem Euro seither um ein Fünftel abgewertet. Aus der amerikanischen Perspektive kommt es jedoch auf die Entwicklung des handelsgewichteten Wechselkurses an, der die ausländischen Währungen nach ihrer Bedeutung für den amerikanischen Außenhandel gewichtet. Und dieser Dollar-Index ist seit seinem Hoch vom Februar 2002 gerade einmal um sieben Prozent gesunken. Das liegt zum Teil daran, daß die lateinamerikanischen Währungen gegenüber dem Dollar weiter abgewertet haben. Noch schwerer wiegt aber die bisher unterdurchschnittliche Aufwertung der asiatischen Währungen. Sie sind im Dollar-Index mit rund vierzig Prozent gewichtet, mehr als doppelt so hoch wie der Euro.
Was läge da aus amerikanischer Sicht näher, als Japan, ein Land mit einem chronisch hohen Leistungsbilanzüberschuß, aufzufordern, den Yen dem freien Spiel der Marktkräfte zu überlassen? Japans Notenbank hat in diesem Jahr soviel Yen verkauft wie nie zuvor, umgerechnet 76 Milliarden Dollar. Damit gelang es ihr, den Dollar oberhalb der Marke von 115 Yen zu halten, die für viele japanische Firmen die Profitabilität des Exportgeschäfts gewährleistet. Amerika duldete diese Interventionen, weil die Dollar-Käufe in einer kritischen Zeit halfen, die Zinsen im amerikanischen Anleihemarkt niedrig zu halten. Zum anderen hat auch Amerika kein Interesse daran, daß Japans Exportindustrie, für lange Zeit die letzte Stütze der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, in Turbulenzen gerät.
Doch mittlerweile keimt die Hoffnung, daß Japan seine strukturellen Probleme überwindet. Zumindest hat das Wirtschaftswachstum des zweiten Quartals mit einer Jahresrate von 2,3 Prozent überrascht. Als Amerikas Finanzminister John Snow in dieser Woche Tokio und Peking besuchte, vermied er aber weiterhin Kritik an der japanischen Interventionspolitik. Japans Finanzminister Masajuro Shiokawa nutzte vielmehr die Gelegenheit, um gemeinsam mit Snow China zu einer Freigabe des seit 1994 an den Dollar gekoppelten Yuan aufzufordern: Ausgerechnet der größte Interventionist legt damit der chinesischen Regierung die Vorzüge freier Wechselkurse nahe.
Aber der Vorgang ist vielleicht gar nicht so paradox, wie es erscheinen mag. Denn Japans Währungsinterventionen dienen nicht primär dem Zweck, eine Aufwertung des Yen gegenüber den Währungen westlicher Handelspartner zu vermeiden. Vielmehr ängstigt sich Japan vor der aufstrebenden Exportmacht China, deren Währung sich im Windschatten des Dollar bewegt. Dies erklärt, warum Japans Währungsinterventionen fast ausschließlich zugunsten des Dollar erfolgen, während eine Aufwertung des Yen gegenüber dem Euro billigend in Kauf genommen wird.
Der Schlüssel für eine nachhaltige Aufwertung der asiatischen Währungen gegenüber dem Dollar liegt somit in Peking. Dies hat auch die amerikanische Regierung erkannt. Gleichwohl nimmt sie im Vorwahlkampf in Kauf, daß China - ähnlich wie Japan in den achtziger Jahren - zum Sündenbock für Arbeitsplatzverluste amerikanischer Traditionsindustrien gemacht wird. Kein anderes Land erzielt gegenüber Amerika einen so hohen Handelsüberschuß wie China - allein 103 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr. Doch dies verdankt China nicht einer möglicherweise unterbewerteten Währung, sondern vielmehr den Investitionen ausländischer Unternehmen, für die das bevölkerungsreichste Land der Welt zu einer hocheffizienten und extrem günstigen Exportplattform geworden ist. China ist inzwischen der weltgrößte Empfänger von ausländischen Direktinvestitionen. Zwei Drittel aller chinesischen Exporte entfallen auf Unternehmen, die ausländische Kapitalgeber haben.
Die chinesische Zahlungsbilanz ist obendrein nicht so stark, wie es die Kumulation der Fremdwährungsreserven von zuletzt 356 Milliarden Dollar vermuten läßt. Die Währungsreserven reflektieren vor allem den Kapitalzufluß und weniger die Leistungsbilanz. Der Handelsüberschuß sinkt sogar tendenziell. Der Yuan würde somit bei einer Freigabe vielleicht gar nicht so stark aufwerten, wie jetzt vielerorts unterstellt wird, zumal mit der Aufhebung von Kapitalverkehrskontrollen chinesische Ersparnisse auf der Suche nach höheren Renditen ins Ausland wandern könnten.
China tut daher gut daran, sich der vom Ausland geforderten Freigabe des Yuan auf chinesische Art zu nähern, nämlich graduell. Eine offene Handelsbilanz und eine geschlossene Kapitalbilanz sind zwar auf Dauer nicht miteinander vereinbar. China ist aber noch nicht reif für freien Kapitalverkehr und flexible Wechselkurse. Die Banken sind immer noch eine Quelle der Instabilität, der Deflationsdruck ist hoch, und die steigende Arbeitslosigkeit birgt sozialen Zündstoff. Regierungsmitglieder haben schon angedeutet, daß dem bisher allein an den Dollar gekoppelten Yuan in einem nächsten Schritt ein Währungskorb der wichtigsten Handelspartner zugrunde gelegt werden könnte. Das wäre eine Zwischenlösung, die auch den Interessen Japans und Amerikas entgegenkäme.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.392,53 | +1,15% |
| Dow Jones | 12.546,70 | +0,74% |
| EUR/USD | 1,2533 | −0,07% |
| Rohöl Brent Crude | 107,53 $ | +0,25% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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