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Kommentar : Der amerikanische Konsument und seine Laune

Kauft er oder kauft er nicht? Die Konsumlaune der Amerikaner entscheidet nicht nur über das Wohlergehen der heimischen Wirtschaft. Bild: Reuters

An der Kauflaune der Amerikaner hängt die Weltwirtschaft. Aber derzeit gibt es viel Besorgnis um den amerikanischen Konsumenten. Zurecht? Nein. Die Lage scheint nur auf den ersten Blick bedrohlich.

          Europa stagniert, die Schwellenländer wachsen bis auf wenige Ausnahmen langsamer als gedacht oder stürzen gar ab. So hängt das Gedeihen der Weltwirtschaft wieder einmal an Amerika. Die Vereinigten Staaten sind die wichtigsten Kunden für Exportgüter aus Deutschland, China, Japan, Südkorea Kanada und Mexiko, um nur einige Schwergewichte zu nennen. Besser also, es geht den Vereinigten Staaten gut.

          Damit die Volkswirtschaft in Schwung bleibt, muss sich allerdings vor allem der amerikanische Konsument gut fühlen. Denn die Vereinigten Staaten haben eine zumindest aus deutscher Sicht eigentümliche Wirtschaftsstruktur. Nicht nur importieren sie seit Jahren mehr, als sie ausführen, bei ihnen steuert auch der Konsum 68 Prozent zur jährlichen Wirtschaftsleistung bei. In Deutschland sind es lediglich 53 Prozent. Deshalb ist die Stimmung des amerikanischen Konsumenten so zentral. An seinem Wohlbefinden hängt auch derzeit wieder das Wohlergehen der Weltwirtschaft. Doch Aktien- und vor allem Anleihemärkte signalisieren ausgerechnet jetzt, dass das Land vor einer abermaligen Rezession stehen könnte.

          Schuldenlage der Haushalte verbessert sich

          Der amerikanische Konsument ist beunruhigt. Die Finanzmärkte in Amerika haben den schlechtesten Jahresstart überhaupt hinter sich gebracht. Der Dow Jones verlor seit Jahresbeginn 1000 Punkte auf jetzt rund 16.000 Punkte. Vom berühmten Ökonomen Paul Samuelson stammt das schöne Zitat, Finanzmärkte hätten immerhin neun der letzten fünf Rezessionen vorhergesagt. Soll heißen: Die Börsen neigen zur Hysterie. Allerdings belasten Kurseinbrüche die Konsumstimmung. 55 Prozent der Amerikaner haben schließlich Geld in Aktien angelegt, sie sehen sich nun ärmer als zuvor und reagieren womöglich mit Sparsamkeit.

          Auf den zweiten Blick ist die Lage etwas weniger bedrohlich. Die Amerikaner haben nur 14 Prozent ihres Vermögens in Aktien investiert. Der mit Abstand wichtigste Vermögenswert bleibt die Immobilie, 64 Prozent der Amerikaner haben mindestens ein Haus. Dessen Wert steigt seit rund vier Jahren wieder kontinuierlich, im vergangenen Jahr betrug der Zuwachs zwischen fünf und sechs Prozent. Dieser Vermögenszuwachs auf dem Papier dürfte die Stimmung beflügeln, zumal sich die Schuldenlage der Haushalte deutlich verbessert hat seit dem Vorkrisenjahr 2007. Statt 13 Prozent gehen nur noch 10 Prozent des verfügbaren Einkommens für den Schuldendienst drauf. Der amerikanische Konsument ist so gut gepolstert wie schon lange nicht mehr.

          Ist der Konsum-Boom ausgeblieben?

          Eine weitere wichtige Voraussetzung für gute Konsumlaune ist echtes Geld. Ist genügend da, kann es ausgegeben werden. Zwei wichtige Entwicklungen haben den amerikanischen Verbrauchern dabei in die Hände gespielt. Der Preisverfall von Normalbenzin hat dem Durchschnittshaushalt 2015 rund 700 Dollar erspart im Vergleich zum Vorjahr. Zudem ist die Arbeitslosigkeit 2015 auf 5 Prozent gesunken, während die schwache Inflation den Anstieg der Reallöhne der Arbeitnehmer um 2,7 Prozent unterstützte. Allerdings meldete das Land für das letzte Quartal des Jahres 2015 mit 0,7 Prozent (annualisierter Wert) langsameres Wachstum.

          Sofort kam der beunruhigende Verdacht auf, die Meister des Shoppings hätten zu sparen begonnen, der erhoffte Konsum-Boom sei ausgeblieben. Ganz falsch ist das nicht: Tatsächlich legten die Amerikaner im Dezember 5,5 Prozent ihres verfügbaren Einkommens zur Seite, der höchste Wert seit zwei Jahren und deutlich mehr als vor der Krise, als sie 2006 und 2007 teilweise weniger als drei Prozent des Einkommens sparten. Der allgemeine Konsens ist heute, dass dies eine ungesunde Phase war. Die Deutschen sparen schließlich in der Regel zwischen neun und zehn Prozent des verfügbaren Einkommens. Damit bekommt der globale Warenaustausch, am Rande bemerkt, eine eigentümliche Note: Die Deutschen müssen auf ein amerikanisches Sparverhalten hoffen, das ihren Vorstellungen von der tugendhaften schwäbischen Hausfrau diametral entgegensteht.

          Konsumenten retten Amerikas Wirtschaft vor Stagnation

          Die Amerikaner tun den Deutschen den Gefallen, nicht zu deutsch zu sparen. Ökonomen von JP Morgan haben ausgerechnet, dass sie von jedem Dollar, den sie an der Zapfsäule eingespart haben, 73 Cent für andere schöne Dinge ausgegeben haben. Sie sind ins Restaurant gegangen, kaum eine Branche verzeichnete zuletzt größere Beschäftigungszuwächse als die Gastronomie. Auch haben sie mehr Geld in Supermärkten gelassen. Es gibt Hinweise, dass McDonald’s und Zigarettenkonzerne die größten Nutznießer waren, weil sie ihre Waren im Umfeld von Tankstellen feilbieten. In der Summe haben die Konsumenten die amerikanische Volkswirtschaft, die unter schrumpfenden Exporten und Investitionen vor allem im Energiesektor litt, vor der Stagnation bewahrt.

          Aber wird der amerikanische Konsument weiter in Laune bleiben? Der Arbeitsmarkt scheint trotz der Turbulenzen im Energiesektor robust zu sein und weckt die Hoffnung auf steigende Reallöhne. Das Normalbenzin bleibt auf absehbare Zeit günstig. Andererseits ist es eine wilde Welt da draußen. Doch der amerikanische Konsument ist für sie so gut gewappnet wie schon lange nicht mehr.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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          Quelle: F.A.Z.

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