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Preise steigen stärker : Das Inflationsgespenst erwacht

Die Debatten über die EZB-Geldpolitik im inflationssensiblen Deutschland dürften sich verschärfen. Bild: dpa

Die EZB hat Europa vom Billiggeld abhängig gemacht. Die Entzugskur wird schmerzhaft. Zuerst leiden die Sparer, dann könnte es die Bundesregierung treffen.

          Das Gespenst war nicht tot, es hatte nur geschlafen. Nun erwacht das Inflationsgespenst. In Deutschland ist die Teuerungsrate zum Jahresende auf 1,7 Prozent gesprungen, das ist der höchste Stand seit dreieinhalb Jahren. Ein Anstieg über die Zwei-Prozent-Marke in den kommenden Monaten ist wahrscheinlich. Der Euroraum-Durchschnitt liegt bislang nur knapp über ein Prozent. Aber ein weiterer Aufwärtstrend ist auch hier absehbar. Die Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) um Präsident Mario Draghi bekäme leuchtende Augen, sollte das selbstgesteckte Ziel von zwei Prozent schneller als erwartet näher rücken. Aus Sicht der deutschen Sparer ist die Lage aber misslich. Höhere Inflation bei gleichzeitigem Nullzins bringt eine schleichende Entwertung der Sparvermögen.

          Der Hauptgrund für den derzeitigen Inflationssprung ist die Ölpreisentwicklung. Vor einem Jahr lag der Ölpreis am Boden, nun ist er wieder gestiegen. Benzin und Heizöl kosten mehr. Aber auch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, die kräftigere Konjunktur, treibt die Preise langsam an. In Deutschland brummt die Wirtschaft; in anderen Teilen des Euroraums bessert sich die konjunkturelle Lage, obwohl die Erholung noch immer auf wackeligen Beinen steht.

          Wenn die deutsche Inflationsrate in den nächsten Monaten über die Zwei-Prozent-Marke steigt, dürfte das die Debatten über die EZB-Geldpolitik im inflationssensiblen Deutschland verschärfen. Für die Bundesregierung könnte es im Wahljahr ungemütlich werden, wenn die AfD und Teile der Union die Null- und Negativzinspolitik der EZB attackieren. Im vergangenen Frühjahr hatte Finanzminister Schäuble selbst die Nullzinspolitik kritisiert und in einer launigen Bemerkung Draghi eine Mitschuld am Erstarken eurokritischer Parteien wie der AfD gegeben. Nach Kritik, er greife in die Unabhängigkeit der Notenbank ein, machte er einen Rückzieher.

          Draghi sagt, sein Plan geht auf; Volkswirte zweifeln

          Auf den Ölpreis hat Draghis Geldpolitik keinen Einfluss, wohl aber auf den Eurokurs. Der hat abgewertet, vor allem gegenüber dem Dollar, weil die EZB mit dem Anleihekauf Billionen in die Märkte pumpt, während jenseits des Atlantiks die amerikanische Notenbank Fed mit der Straffung ihrer Geldpolitik Ernst macht. Die Euroabwertung verteuert Importe; das gibt der Inflationsrate in den kommenden Monaten einen weiteren Schub.

          Mit dem gigantischen Anleihekaufprogramm versucht die EZB seit Frühjahr 2015, die Inflation anzuheizen: Die Käufe – bislang im Volumen von 1500 Milliarden Euro – haben die Anleiherenditen gesenkt, teils in den negativen Bereich; das sollte die Kreditnachfrage und die Wirtschaft ankurbeln. Draghi sagt, dass sein Plan aufgehe. Viele Volkswirte zweifeln daran, ob die Effekte auf die Realwirtschaft wirklich groß sind. Denn der Löwenanteil des frischen Geldes hat an den Börsen die Kurse getrieben und blieb im Finanzsystem; die Banken parken rund eine Billion Euro Überschussliquidität bei der EZB – und zahlen dafür sogar Strafzinsen, was sie nach und nach über höhere Gebühren an die Verbraucher weitergeben.

          Strukturell verschärft sich das Problem, dass die Euro-Rettung auf dem Rücken der Sparer geschieht. Durch den Nullzins entgehen den Deutschen Dutzende Milliarden im Jahr im Vergleich zum Zinsniveau vor der Euro-Krise. Über den Nullzins findet eine finanzielle Umverteilung in Europa von Norden nach Süden statt. Ohne Draghis Finanzspritzen wäre Italien mit seiner Schuldenquote von 135 Prozent der Wirtschaftsleistung schon nahe der Staatsinsolvenz.

          Viele südeuropäische Banken wären von EZB-Wende bedroht

          Im Dezember hat der EZB-Rat – gegen Einwände der Deutschen Bundesbank – beschlossen, das Anleihekaufprogramm nochmals zu verlängern und um eine halbe Billion Euro bis Dezember 2017 auszuweiten. Am Ende wird die EZB für 2,3 Billionen Euro Papiere gekauft haben. In 500-Euro-Scheinen ergäbe das einen Turm sechsmal so hoch wie das EZB-Hochhaus am Main mit seinen 201 Metern.

          Bislang hat diese starke Ausweitung der Zentralbankgeldmenge keinen Inflationsschub bewirkt, weil der EZB-Geldschwemme keine große allgemeine Kreditausweitung folgte. Aber wenn die Konjunktur stärker und der Kreditfluss breiter wird, dürfte mehr Inflation folgen. In der Bundesbank und unter deutschen Ökonomen gibt es zu Recht Sorgen, dass die EZB-Spitze den rechtzeitigen Ausstieg aus der ultraexpansiven Geldpolitik verschleppen könnte.

          Das größte Problem liegt darin, dass die Euro-Notenbanken durch die Anleihekäufe zu Hauptgläubigern der hochverschuldeten Euro-Staaten mutieren, die eine echte Zinswende kaum verkraften können. Auch vielen schwachen südeuropäischen Banken mit faulen Krediten würde eine EZB-Wende tödliche Löcher in die Bilanz reißen. Sie werden künstlich am Leben erhalten. Die EZB hat (Süd-)Europa vom Billiggeld abhängig gemacht. Wie bei einem Rauschgiftsüchtigen ist eine Entzugskur äußerst schmerzhaft. Doch je länger man sie verschiebt, desto schlechter wird es. Es drohen immer größere Verzerrungen im Finanzsystem, und letztlich könnte eine neue Finanzkrise folgen. Und das bislang noch kleine, putzige Inflationsgespenst könnte, wenn die EZB zu spät gegensteuert, überraschend groß werden.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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          Quelle: F.A.Z.

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