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Kommentar Das Gesundheitsloch

20.06.2010 ·  Elf Milliarden Euro fehlen den deutschen Krankenkassen im kommenden Jahr. Es kursieren Streichlisten und Kürzungsideen, aber das sind alles Ministöpsel für Riesenlöcher. Besser wäre es, zuerst mal die Gründe für die sprudelnden Kosten klarer zu benennen.

Von Carola Sonnet
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Die Gesundheitskosten sprudeln wie ein Ölleck in der Tiefsee, scheinbar unaufhaltsam. Der Druck auf die Politik ist groß, überall hocken die Expertenkreise beieinander und brüten über Lösungen. Aber sie finden keine.

Im Gegensatz zur Ölkatastrophe in Amerika gibt es nicht den einen Schuldigen. Es gibt viele. Doch um Milliarden geht es auch hier: Elf Milliarden Euro fehlen den deutschen Krankenkassen im kommenden Jahr. Die müssen irgendwo herkommen, es kursieren Streichlisten und Kürzungsideen. Vier Milliarden hier, sieben Milliarden dort. Erklärt wird wenig, aber alle wissen, dass wir älter und kränker werden. Das kostet.

Reflexartig geht es jetzt wieder um Kostendämpfung. Beiträge erhöhen und Leistungen einschränken, das kennen wir schon: Seit Jahren steigen die Gesundheitskosten, werden die Behandlungen teurer, brauchen die Kassen mehr Geld und gleichzeitig versucht man alles zu dämpfen. Alle vier bis acht Jahre mit einem neuen, angeblich großen Wurf. Was herauskommt sind Ministöpsel für Riesenlöcher: Eine Nullrunde für Ärzte und Krankenhäuser, Kassen und Apotheken sollen auch weniger Geld bekommen, der Pharmagroßhandel muss in Zukunft mehr mit sich handeln lassen. Und dann sind die Lobbygruppen empört. Und alles geht von vorne los.

Hausärzte sind derzeit die Nutznießer

Jetzt geht es an die Hausärzte: Der Hausarzt sollte der Lotse sein, der den Überblick behält, wie ein Patient behandelt wird und welche Medikamente er bekommt. Er überweist an Fachärzte oder ins Krankenhaus und soll so doppelte Untersuchungen vermeiden. Die Einnahmen der Hausärzte sind seitdem gestiegen. Die Kassen monieren, dass es auf der anderen Seite dafür aber keine Einsparungen an anderer Stelle gegeben habe.

Die FDP möchte die Verträge deshalb so schnell wie möglich abschaffen, spricht von einem großen Brocken und veranschlagt 1,5 Milliarden Euro, die man dann nicht mehr an die Ärzte zahlen müsste und zum Finanzierungslochstopfen verwenden könnte. Doch die CSU hat massive Einwände. Sie will es sich mit den bayerischen Hausärzten nicht verderben, die an dem Modell prächtig verdienen. Der Zwang zur politischen Kompromisslösung hat etwa die gleiche Wirkung wie das kleine Rohr, das auf das Ölleck in Amerika gebastelt wurde: Das hilft alles nur wenig.

Keine einfache Lösung in Sicht

Besser wäre es, die Gründe für die sprudelnden Kosten klarer zu benennen, um Lösungen zu finden. Erstens funktioniert der Gesundheitsmarkt nicht wie andere Märkte: Wettbewerb lässt sich viel schwieriger umsetzen. Ärzte wissen mehr über die Krankheiten als die Patienten, die sie behandeln. Innovationen führen nicht unbedingt zu sinkenden Preisen, bei Medikamenten sogar eher im Gegenteil. Wer es schaffen würde, alle Ineffizienzen aus diesem System zu entfernen, hätte viel gewonnen. Bisher ist noch jeder daran gescheitert.

Zweitens leben wir immer länger. Aber der demographische Wandel ist nicht unser größtes Problem. Es stimmt zwar, dass die teuersten Krankheiten in den letzten Lebensmonaten behandelt werden müssen. Aber unsere letzte Lebenszeit verschiebt sich nur nach hinten.

Der dritte und wichtigste Grund für die steigenden Kosten ist der technische Fortschritt. Wunderbarerweise kann man mit neuen Geräten die Menschen länger am Leben erhalten. Es gibt Medikamente für Krankheiten, an denen man früher gestorben wäre. Aber je mehr alte Menschen, desto mehr Alzheimer-Patienten gibt es zum Beispiel auch. Aus Krankheiten, an denen man früher gleich gestorben ist, werden jetzt chronische Fälle. Das ist gut für die Menschen, aber teuer für das Gesundheitssystem.

Das Loch im Golf von Mexiko wird wahrscheinlich irgendwann geschlossen, auch wenn es noch vier Jahre dauert. Mit den Gesundheitskosten werden wir uns noch länger beschäftigen.

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