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Kommentar : An die Maschinen!

Postboten-Ersatz: Drohnen und Lieferroboter könnten zukünftig Pakete und Briefe an den Mann bringen. Bild: dpa

Innovationen werden dafür sorgen, dass der Mensch an vielen Stellen ersetzt wird. In Sachen Bildung besteht Handlungsbedarf, denn im digitalen Zeitalter muss vieles neu gedacht werden.

          Es vergeht kaum eine Woche, in der die Welt keinen technologischen Durchbruch bestaunt. Selbstfahrende Autos, superintelligente Computer und vernetzte Maschinen üben auf den Beobachter eine schaurig-schöne Faszination aus. Auf den Rausch der Innovationen folgt jedoch die ernüchternde Frage: Und wo bleibt der Mensch? Wenn Maschinen alles besser können, wofür braucht es dann noch humane Arbeitskraft? Ist menschliche Erwerbsarbeit nur ein Relikt aus dem Industriezeitalter, und werden wir bald schrittweise durch Technik ersetzt?

          Vor drei Jahren haben die Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne diese Debatte mit einer Studie losgetreten. Ihre Botschaft: Fast jeder zweite arbeitende Amerikaner könnte in den kommenden zwanzig Jahren durch Technik ersetzt werden. Diesmal seien nicht nur die simpelsten Arbeiten betroffen, sondern auch reihenweise Berufstätige, die sich bislang zur Mittelschicht zählten. Es drohe eine Polarisierung der Arbeitsmärkte: auf der einen Seite eine kleine, gut verdienende Gruppe hochqualifizierter Maschinenprogrammierer, auf der anderen Seite ein Heer geringqualifizierter Niedriglöhner im Takt der Technik.

          Innovationen ermöglichen neue Tätigkeitsfelder

          Es gibt berechtigte Kritik an der Studie. So ist es von Bedeutung, dass nicht in erster Linie komplette Berufe durch Innovationen ersetzt werden, sondern einzelne Tätigkeiten. Dieser Wandel ist auch nicht neu. Maler haben sich zu Energieberatern entwickelt, Kaminkehrer zu Messtechnikern.

          Fallen monotone und strukturierte Tätigkeiten weg, entsteht Raum für anspruchsvollere Aufgaben. Ein Buchprüfer muss sich heute nicht mehr wochenlang durch Belege arbeiten. Der Algorithmus durchforstet dank Big Data in Windeseile die Datenberge, dem Prüfer bleibt mehr Zeit, sich um die aufgespürten Auffälligkeiten zu kümmern. Die Technik verheißt enorme Produktivitätsschübe.

          Außerdem untersuchen auch die Anschlussstudien seit Frey/Osborne vor allem die durch Technik bedrohten Potentiale. Nicht berechnen lässt sich hingegen, in welchem Umfang neue Tätigkeitsfelder entstehen. Doch wenn in Zukunft noch größere Datenmengen gesammelt und ausgewertet werden, muss es auch Menschen geben, die sich damit beschäftigen. Und auch wenn Drohnen Pakete ausliefern und den klassischen Boten irgendwann verdrängen sollten, wird ihr Einsatz gemanagt werden müssen. Das sind nur zwei Beispiele von vielen.

          Fähigkeiten ans Umfeld anpassen

          Trotzdem wäre es fatal, die Dynamik und Tragweite der Digitalisierung zu verkennen. Bislang ist unter deutschen Beschäftigten die Sorge gering, den eigenen Arbeitsplatz durch Technologiesprünge zu verlieren. Doch auch wenn es in Zukunft noch immer genug Arbeit geben sollte, wird die rasante Digitalisierung neben Gewinnern auch Transformationsverlierer hervorbringen.

          Gefährdet sind vor allem Beschäftigte, die nicht über die nötige Flexibilität verfügen. Es geht also darum, Bildungs- und Ausbildungspfade so zu gestalten, dass sie Menschen in die Lage versetzen, ihre einmal erworbenen Fähigkeiten möglichst rasch an ein sich veränderndes Umfeld anzupassen.

          Nicht alles muss durchgeplant sein

          Nach der richtigen Bildung für eine digitale Zukunft sucht in diesen Tagen auch der Nationale IT-Gipfel in Saarbrücken. Klar ist, dass es keine universellen Lösungen gibt. Politik ist daher gut beraten, möglichst viel Entscheidungsspielraum an die Basis zu geben: in die großen Unternehmen und die kleinen Betriebe hinein, um mit neuen Lernformen zu experimentieren. Allein mit verschultem Frontalunterricht wird dieses Land die Digitalisierung schwerlich meistern können.

          Von der App-Ökonomie lässt sich lernen: Es muss nicht immer der 100 Prozent durchdachte Lösungsansatz sein – 80 Prozent reichen zunächst auch, wenn vor allem Schnelligkeit zählt. Gerade für den deutschen Ingenieurgeist mit seiner Null-Fehler-Toleranz mag dies eine echte Herausforderung sein, aber sie entspricht der Zeit.

          Das alles hilft jedoch nichts, wenn es in diesem Land nicht gelingt, mehr Technikbegeisterung zu entfachen. Als Verbraucher lieben zwar auch die Deutschen über alle Schichten hinweg die Vorteile moderner Kommunikation und Datenübertragung. Warum aber gehen sie nicht immer mit derselben Einstellung an ihre Arbeit? Warum überwiegt vielerorts die Skepsis gegenüber dem Neuen?

          Bildung muss neu gedacht und umgesetzt werden

          Beschäftigte werden die Vorteile der Digitalisierung erst dann voll zu nutzen wissen, wenn die Akzeptanz stimmt. Das Verständnis dafür muss in einem kritischen Prozess geweckt werden. Kinder schon früh mit IT- und Programmierkenntnissen in Kontakt zu bringen bedeutet nicht, Schulen einfach mit Tabletcomputern zuzupflastern in dem Glauben, die Erkenntnis bahne sich dann schon von selbst ihren Weg. Bildung muss im digitalen Zeitalter in neuen Prozessen gedacht und umgesetzt werden, vermittelt und erarbeitet mit Lehrern, die über entsprechende Kompetenzen verfügen.

          Ob Grundschüler oder Teilnehmer an beruflicher Weiterbildung: der Mut zum Querdenken und auch zum Scheitern sowie Neugierde und Empathie sind soziale Schlüsselqualifikationen, deren Exklusivität der Mensch noch lange für sich beanspruchen kann. „An die Maschinen“ heißt die Losung für den Aufbruch in die Bildungs- und Arbeitswelt der digitalen Zukunft.

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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          Quelle: F.A.Z.

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