14.10.2008 · Ohne Maß und Mitte hat die Finanzwelt unüberschaubar viele Milliarden vernichtet. Erst die sehr greifbare Zahl von 500.000 Euro lehrt möglicherweise die Wirtschaftseliten, was Maß und Mitte ist. So viel sollen führende deutsche Banker höchstens noch verdienen dürfen, wenn ihr Institut Hilfen in Anspruch nimmt.
Von Carsten KnopDie Zahl lautet 500.000 Euro. So viel sollen führende deutsche Banker höchstens noch verdienen dürfen, wenn ihr Institut Hilfen in Anspruch nimmt, für die künftig der Staat zahlt oder garantiert. Auch Bonuszahlungen sollen gestrichen werden. Nach den unüberschaubar vielen Milliarden Euro und Dollar, die die Finanzinstitute durch ihre hochriskanten Geldgeschäfte in aller Welt vernichtet haben, ist es möglicherweise erst diese sehr greifbare Zahl, die den Bankern zeigt, dass sie das Rad überdreht und alle an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds geführt haben. Denn aus den bisherigen Reaktionen aus der deutschen Finanzwirtschaft auf die Krise und ihre Ursachen lässt sich nicht erkennen, dass die großen Marktverwerfungen die Manager schon Demut gelehrt haben.
Kritik am Verhalten der Banker wird aus der Branche bisher mit dem gewiss berechtigten Hinweis darauf klein gehalten, Pauschalurteile seien nicht sinnvoll. Danach wird dann - und stets mit gönnerhafter Großzügigkeit - eingeräumt, man habe Finanzprodukte leider tatsächlich so konzipiert, dass der Kunde sie nicht mehr verstanden habe. Auch habe man sich zu sehr auf die Urteile der Rating-Agenturen verlassen. Natürlich hätten auch die staatlichen Aufsichtsbehörden einfach viel zu viel zugelassen. Und der amerikanische Staat selbst habe obendrein den politischen Willen gehabt, mehr oder weniger jeden Amerikaner zum Eigentümer eines eigenen Hauses zu machen, wird vorgetragen.
Lernen, was Maß und Mitte ist
An dieser Stelle sollte man aber innehalten und sich fragen, wofür sich die Banker nach solchen Vorträgen überhaupt entschuldigt haben: für die Dummheit ihrer Kunden? Für die Unfähigkeit ihrer Aufsichtsbehörden? Oder die Fehlsteuerungen durch den Staat?
In einer Zeit, in der 80 Millionen Deutsche ein Programm im Volumen von bis zu 500 Milliarden Euro auflegen müssen, um nicht nur ihre Finanzwirtschaft, sondern die gesamte Volkswirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren, sollten die Banker besser zuhören - und endlich die richtigen Antworten auf ihr eigenes Fehlverhalten finden. Zuhören könnten sie zum Beispiel Bundespräsident Horst Köhler, der dem Volk in diesem Fall aus der Seele spricht: Die Wirtschaftseliten müssten wieder lernen, was Maß und Mitte ist, was Bodenhaftung bedeutet. Es sei eine Menge Unaufmerksamkeit, Selbstzufriedenheit, Zynismus im Spiel gewesen. Man habe geglaubt, aus nichts Gold machen zu können, und das dauerhaft. Es sei nur noch um die Maximierung der Rendite gegangen.
Es geht nicht mehr um die Eitelkeiten eines Josef Ackermanns
Auf diese Vorwürfe müssen die Banker befriedigende Antworten geben. Denn es gibt sehr viele ganz konkrete Fragen an sie: Haben die Banker und ihre Aufsichtsräte denn selbst die Produkte verstanden, die sie ihren unwissenden Kunden verkauft haben? Haben sie nicht mit aller Macht nach Mitteln und Wegen gesucht, um zum Beispiel aus neuen Eigenkapitalvorschriften (Stichworte Basel I und II) das Beste für ihr Institut zu machen, gegen den Geist der Regelungen aber zu verstoßen? Haben sie nicht risikobehaftete Kreditengagements in sogenannte Zweckgesellschaften ausgelagert, um das Eigenkapital und damit ihren eigenen Risikopuffer zu entlasten? Haben sie langfristiges Kreditgeschäft nicht kurzfristig refinanziert, was man eigentlich tunlichst unterlassen sollte?
Wenn diese Dinge befriedigend klargestellt sind, haben die Banker - und gemeint sind mit der Kritik immer die Verantwortlichen, nicht aber die vielen Beschäftigten in den Büros und Filialen - endlich auch wieder Luft, um den Bürgern zu erklären, warum man sie braucht und warum Banken in Privatbesitz besser sind als eine große Staatsbank oder viele Banken mit mehr oder weniger erzwungener Staatsbeteiligung. Denn es geht in der Argumentation nicht mehr um die Eitelkeiten eines Josef Ackermann und seiner Kollegen, es geht um das große Ganze.
Mehr Verantwortung für Banken ohne Tadel
Die Banker, die nicht gegen Gesetze verstoßen oder den Bestand ihrer Institute so verwettet haben wie die der IKB oder der Hypo Real Estate, sollten deshalb nicht nur im Amt bleiben. Sie müssen nicht weniger, sondern mehr Verantwortung übernehmen: Denn das moderne, marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem braucht private Banken, die funktionieren. Unternehmer und Privatleute sind auf Liquidität und effiziente Möglichkeiten angewiesen, ihre Ersparnisse in produktive Investitionen umzuwandeln. Jedem muss dabei klar sein, dass Banken dies nur gewährleisten können, indem sie Wetten auf die Zukunft eingehen, an denen sie auch selbst Geld verdienen dürfen. Das ist der Grund, weshalb sie existieren. Dass die Entlohnung der Banker sich dabei nicht am Risiko der Geschäfte, sondern am tatsächlich - und vielleicht erst in Jahren - erzielten Gewinn orientieren sollte, ist eine der vielen Lektionen aus der Krise.
Aber die Geschichte hat auch gezeigt, dass niemand die Rolle dieses so wichtigen Geldmaklers so gut spielen kann wie ein auf Wettbewerb gründendes Bankensystem. Jedes andere System opfert zu viel Wachstum der Stabilität. Es ist schlimm genug, dass es so weit gekommen ist, dass die Banker den Menschen das wieder erklären müssen. Sie sollten damit nur bald anfangen.
Tja, was auf einmal alles geht - 500.000 € für einen Ackermann?
gisbert heimes (gisbert4)
- 15.10.2008, 00:10 Uhr
Hartz IV für Banker
Karin Kreß (krekar)
- 15.10.2008, 08:38 Uhr
Das könnte die Entscheidung, Hilfe in Anspruch zu nehmen, von sachwidrigen
Nestor Falk (Nestor73)
- 15.10.2008, 08:46 Uhr
Dieser Beitrag stinkt zum Himmel..
Christian Knoche (christian.knoche)
- 15.10.2008, 09:30 Uhr
Was erwartet man?
Sven Linscheid (VigarLunaris)
- 15.10.2008, 10:08 Uhr
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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