Jetzt steht also auch Gerhard Schröder in Wachs bei Madame Tussaud's in London, und das Wortspiel mit dem Kabinett ist doch zu verlockend.
Was aber ist die Nachricht? Dass er erst jetzt im wächsernen Olymp angekommen ist, wie vor ihm aus der aktuellen deutschen Kollektion - von Hitler einmal abgesehen - nur noch Beethoven, Einstein, Klinsmann, Gottschalk, Adenauer und Kohl? Der allerdings bereits im seinem zweiten Amtsjahr als Bundeskanzler, und das bei rund sechs Monaten Arbeit an einer Wachsfigur. Erwähnt werden muss auch die Konturenführung in Gesicht und Körper: Wurde geschönt oder verschlimmbessert? Und was ist mit der Kleidung? Kann der Kanzler mit Anzug, Hemd und Schlips seines Doubles zufrieden sein?
Die Antworten entnehmen wir diesmal der „Welt“. Immerhin gehört dem Thema hier das einzige Bild der ersten Seite und der größte Platz im Vermischten. Bei Tussaud's muss die Entscheidung der Neuzugänge im Kabinett erst reifen. Immerhin ist so eine Figur nicht ganz billig. Die Frage nach politischen Implikationen beantwortet die Pressesprecherin des Hauses, eine Frau Moon, mit himmlischem Lächeln. Des Kanzlers Konturen wurden wohl etwas gemildert. Was auch daran gelegen haben kann, dass der Wachsbildner arbeiten musste, ohne dass ihm Gerhard Schröder Modell gesessen hätte. Ein Blick in die Runde zeigt: Es hätte schlimmer kommen können. Der Schlips soll schrecklich sein. Aber der Kanzler darf ihn durch ein Modell seiner Wahl ersetzen lassen.
Nevermind
Der Markt für Tonträger klassischer Musik beklagte jüngst einen starken Umsatzrückgang, und der „Spiegel“ dieser Woche berichtete über Klassik-DJs in London und die Ideen des Plattenkonzerns Universal, neue Wege zu gehen und neue - jüngere - Käuferschichten zu erschließen. Während hier das Publikum der Clubs und Lounges ins Visier genommen wird, prescht die Klassik-Abteilung des Großlabels Virgin noch weiter vor. Wie der „Tagesspiegel“ berichtet, sind dort jetzt ausgesuchte Zusammenstellungen mit Mozart, Bach oder Debussy für Neu- uns sogar Ungeborene veröffentlicht worden. Sie heißen „In Utero“ oder „In The Nursery“, und Kurt Cobain würde sich im Grabe wälzen. Hellsichtig hatte seine Band „Nirvana“ schon 1993 eine Platte „In Utero“ genannt. Zwei Jahre zuvor zierte ihr Plattencover von „Nevermind“ ein Säugling, der unter Wasser einer Dollarnote hinterhertaucht.
Anyway
Die Ausstellung „Körperwelten“ tourt seit Jahr und Tag durch Deutschland, über sechs Millionen Menschen haben die mit einem besonderen Verfahren, der Plastination, konservierten Leichen bisher besucht und bewundert. Gegen Gunther von Hagens, Initiator der Schau und Entwickler der Plastination, soll jetzt, wie die „Bild“-Zeitung berichtet, in Sibirien ermittelt werden. Er soll, so der Verdacht, mindestens 56 Leichname in Nowosibirsk gekauft haben. Obwohl dieser Verdacht durch eine Aussage im Text schon wieder entkräftet wird, ist dem Blatt die Meldung ein Fragezeichen in der Überschrift wert. Und um die Nachricht noch weiter aufzuwerten, werden sich die Redakteure gefragt haben, wie sie den Anatom am besten bezeichnen. Der Titel: „Hat deutscher Künstler Leichen von Obdachlosen geschmuggelt?“ Offenbar taugt der Künstler auch heute noch besser zum Buhmann als der Wissenschaftler.