Wer einen Blick in die Fernsehzeitung wirft, kann sich Marcel Reich-Ranickis Analyse, im Fernsehen regierten mittlerweile die Köche, nicht entziehen. Kurz nach dem Aufstehen wird bei „Volle Kanne“ im ZDF gebacken, beim ARD-Buffet wird gleich danach geschmort. Kaum ist das Mittagessen verdaut, lädt das ZDF um 14.15 Uhr schon wieder zur „Küchenschlacht“. Durch verschiedene Kochsendungen in den Dritten Programmen kann sich der geneigte Zuschauer bis 19 Uhr hangeln, dann verlegt der Privatsender Vox sein komplettes Programm in die Küche. Auf „Das perfekte Dinner“ folgen „Unter Volldampf“ und „Mein Restaurant“. Vorbei sind die Zeiten, als das Kochvergnügen auf eine wöchentliche Sendung mit Max Inzinger oder Alfred Biolek beschränkt blieb.
Doch die Köche begegnen einem nicht nur in den sogenannten Kochshows. Horst Lichter würzt in der Werbepause mit Maggi, Johann Lafer - der sich auf seiner Homepage als „Deutschlands beliebtester Fernsehkoch“ vorstellt - schwört werbewirksam auf Töpfe von WMF, während sein Kollege Ralf Zacherl auf den Wettbewerber Silit setzt. Dass die Köche auch irgendwo noch ein Restaurant besitzen und sich viele irgendwann auch schon einmal einen oder mehrere Sterne erkochten, gerät darüber glatt in Vergessenheit.
„Kochshows sind die Seifenopern für reifere Menschen“
Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich, dass die Marktforscher einerseits berichten, immer mehr Menschen würden zu Fertiggerichten greifen, andererseits jedoch wurde noch nie so viel öffentlich gebrutzelt wie heute. Auf den zweiten Blick löst sich der Widerspruch jedoch schnell auf. „Bei den Kochshows geht es vor allem um Unterhaltung. Kochen lernen steht dabei sicher erst an zweiter Stelle“, sagt Markus Heidemanns, Mitinhaber der Produktionsgesellschaft „Fernsehmacher“, die unter anderem „Lanz kocht“ und „Die Küchenschlacht“ produziert und vor fünf Jahren mit der Sendung „Kerner kocht“ den Boom erst ausgelöst hat. Seiner Ansicht nach liegt der Erfolg der Formate vor allem darin, dass sie ein „freundliches und familiäres Umfeld“ schaffen. „Kochshows sind die Seifenopern für reifere Menschen“, beschreibt er das Konzept. Der Zuschauer bekomme das Gefühl vermittelt, mit den Starköchen gemeinsam in der Küche zu stehen. Ein Kocherlebnis mit Freunden - nur aus der Konserve.
Wie für jede gute Party, muss auch die Gästeliste für die Show mit Bedacht zusammengestellt werden, damit sie ein Erfolg wird. Horst Lichter hat die Rolle des Bodenständigen, der auf Sahne und gute Butter schwört, Lafer und Hermann bringen Sterneglanz und Zacherl einen Schuss Unkonventionalität. Fertig ist der Show-Eintopf. An einen Fernsehkoch stellt Heidemanns den Anspruch, dass er „authentisch und unterhaltend“ sein und über „moderative Fähigkeiten verfügen“ muss. Der beste Koch sei eben nicht unbedingt auch der beste Fernsehkoch.
Ein Ritterschlag von Kerner und Lanz
An Bewerbern mangelt es nicht. Viele deutsche Sterneköche haben erkannt, dass Fernsehauftritte nicht nur eine großartige Werbung für ihre Restaurants sind, sondern dass sich mit Partnerschaften und Beratung für Nahrungsmittelindustrie und Küchengerätehersteller einfacher Geld verdienen lässt als mit einem 16-Stunden-Tag in der Küche.
„Ein Auftritt bei Kerner oder Lanz ist wie ein Ritterschlag“, sagt auch Sternekoch Alexander Herrmann, Chef von Herrmann's Posthotel und Restaurant, der zum Ensemble von „Lanz kocht“ gehört. Er kann auf eine längere Fernsehkarriere zurückblicken: Mit dem Kochduell beim Privatsender Vox fing es vor einigen Jahren an, dann bekam er eine eigene Sendung im Bayerischen Rundfunk. Den richtigen Schub im Restaurant hat er aber erst nach seinen Auftritten bei Lanz im ZDF gespürt: „Mittlerweile fahren einige Menschen 500 Kilometer, um bei uns zu essen“, sagt Herrmann.
Öffentlichen Auftritte sollten wohl dosiert sein
Zudem hat die Fernsehpräsenz dem smarten Franken verschiedene Partnerschafts- und Beraterverträge mit Anbietern von Küchengeräten oder Nahrungsmitteln eingebracht. „Ich mache nicht alles, es muss zu meinem Stil passen“, sagt er. Schließlich könne man nicht Frische und hohe Qualität predigen und andererseits sein Gesicht für Tütensuppe hergeben. Auch die Starköche sind mittlerweile Marken, die darauf achten müssen, ihr Image nicht zu beschädigen.
Seinen Umsatz erwirtschafte er etwa zur Hälfte mit dem Restaurant und zur Hälfte mit Fernsehauftritten und Produktpartnerschaften, sagt er. Allerdings sei der Verdienst in der Gastronomie härter erarbeitet, dort verbringe er den Großteil seiner Zeit. Die Präsenz im Restaurant hat für Herrmann auch die absolute Priorität: „Sonst wird man unglaubwürdig.“
Auch Heidemanns rät den Fernsehköchen, ihre öffentlichen Auftritte wohl zu dosieren. „Ein Star macht sich rar. Wer überall herumspringt und die eigene Küche vernachlässigt, ist schnell verbrannt“, sagt Heidemanns.
„Das perfekte Dinner“ als Quotengaranten des Senders
Doch nicht nur den Profis wird im Fernsehen unablässig in die Töpfe geschaut, sondern auch den Hobbyköchen. Besonders der Spartensender Vox füllt sein Abendprogramm vor allem mit Schmoren, Schnippeln und Blanchieren. Die Doku-Serie „Das perfekte Dinner“, in der fünf Kandidaten miteinander um 1000 Euro für das beste Abendessen konkurrieren, ist noch immer einer der Quotengaranten des Senders - auch wenn die Serie mittlerweile nicht mehr 15 bis 18 Prozent Marktanteil erreicht wie im Herbst 2007, sondern nur noch 12 bis 13 Prozent.
Dass immer mehr Privatsender auf Kochwettbewerbe setzen, hat jedoch nicht nur mit der Zuschauergunst zu tun. Auch die Konsumgüterindustrie schaltet ihre Werbung besonders gerne im Umfeld dieser Formate. Mittlerweile gibt es mit TV Gusto sogar einen Spartensender, der sich 24 Stunden mit den Themen Kochen und Genießen beschäftigt. „Die Zielgruppe für Kochsendungen ist für Werbekunden sehr attraktiv, weil sie von vielen haushaltsführenden Personen geschaut werden“, sagt Matthias Dang von IP, der Vermarktungsgesellschaft der RTL-Gruppe, zu der auch Vox gehört.
„Kochsendungen sind ausgereizt. Neue Formate werden es schwer haben“
Vor allem Frauen mittleren Alters mit überdurchschnittlichem Einkommen gehören zu den Zuschauern - also genau diejenigen, die entscheiden, was auf den Tisch und in den Badezimmerschrank der Familie kommt. „Das Werbeumfeld ist nicht nur für unsere Nahrungsmittel interessant, sondern zum Beispiel auch für Pflegeprodukte“, sagt Uwe Becker, Mediadirektor des Konsumgüterkonzerns Unilever, zu dem unter anderem Maggi und Dove gehören. Allerdings müsse man sich den Zuschnitt des jeweiligen Formats genau anschauen, denn auch Kochsendungen sprächen unterschiedliche Zielgruppen an.
Während Becker noch keine Ermüdungserscheinungen bei diesen Formaten ausgemacht hat, haben die meisten Sendungen nach Ansicht von Jörg Menkhoff, Leiter der TV Prognose bei der Media-Agentur Aegis, ihre Glanzzeiten mittlerweile hinter sich gelassen. „Kochsendungen sind ausgereizt. Neue Formate werden es schwer haben“, prophezeit Menkhoff. Trotzdem basteln viele Sender schon wieder an neuen Kochformaten. Die Herrschaft der Fernsehköche ist noch lange nicht überwunden.
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