09.09.2009 · Die Welt will im Dezember in Kopenhagen die Treibhausgasemissionen begrenzen. Der umstrittene Ökonom Bjørn Lomborg hält das für den falschen Weg. Mehr Geld für Forschung und Klimamanagement brächten mehr, davon ist er überzeugt.
Von Hendrik Kafsack, KopenhagenDie Staaten der Welt sollten sich im Dezember bei der Klimakonferenz in Kopenhagen auf Milliardeninvestitionen in Kernkraft und in erneuerbare Energiequellen einigen und auf die Begrenzung der Emissionen verzichten. Das wäre billiger und effizienter, um den Klimawandel zu bekämpfen, hat der dänische Ökonom und stark umstrittene Kritiker der Klimaschutzbewegung Bjørn Lomborg im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt.
Solange es nicht die neuen Technologien gebe, die für eine Senkung der Emissionen erforderlich seien, schade eine Steuer auf den Treibhausgasausstoß – wie auch ein hoher Preis für Ausstoßzertifikate – nur dem Wachstum. Modellrechnungen zeigten, dass – wollte man die Emissionen per Steuer so stark senken, dass sich die Welt wie angestrebt nicht mehr als zwei Grad Celsius erwärme – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2100 um rund 12,9 Prozent sinken werde. Das entspreche einem jährlichen Verlust von 40 Billionen Dollar.
100 Milliarden Dollar um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen
Lomborg widerspricht damit einer zentralen Erkenntnis des 2006 veröffentlichten und anerkannten „Stern-Reports“ des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern. Nach dessen Ansicht ist ein effektiver Kampf gegen den Klimawandel nur möglich, wenn die Welt etwa mit einer Steuer oder der Vergabe von Emissionsrechten einen Preis für die Emission von Kohlenstoff erhebt. Entsprechend setzt etwa die EU auf den Emissionshandel, um den Ausstoß bis 2020 wie zusagt um bis zu 30 Prozent verglichen mit 1990 zu senken.
Lomborg hält dem entgegen, dass es effizienter ist, in die Erforschung kohlenstoffarmer Technologien – ob Windkraft, Sonnenergie, Kernkraft oder Kernfusion – zu investieren. Nach Ansicht eines Expertengremiums um den indischen Ökonomen Jagdish Bhagwati sowie die Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Vernon Smith, Finn Kydland und Thomas Schelling, die sich auf Einladung Lomborgs mit dem Thema beschäftigt haben, dürften jährlich 100 Milliarden Dollar ausreichen, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen. Das entspricht in etwa der Summe, die nach Ansicht der EU-Kommission nötig ist, um den Klimaschutz in den Entwicklungsländern zu finanzieren.
Technik in der Versuchsphase
Ohne Subventionen werde die Industrie die für den Kampf gegen den Klimawandel auf der Welt nötigen Innovationen nicht hervorbringen, sagte Lomborg. Investitionen in solche neuen Technologien zahlten sich in der Regel erst nach 20 bis 30 Jahren aus. Einen so langen Atem habe kein Privatunternehmen. Da könne der Preis für Emissionen noch so hoch sein. Dennoch stagnierten die Forschungsmittel in den meisten Staaten. Zudem würden viele Subventionen falsch eingesetzt. So werde in Dänemark und Deutschland seit Jahren der Bau inneffizienter Windmühlen gefördert statt das Geld zu nutzen, um effiziente Anlagen zu entwickeln.
Parallel zur Erhöhung der Forschungsinvestitionen müsse die Welt die Entwicklung von Mechanismen zur Steuerung des Klimas fördern, forderte Lomborg. So könne allein das „marine cloud whitening“ den erwarteten Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert komplett ausgleichen. Dabei sprühen Schiffe Meerwasser-Tropfen in die über das Meer ziehenden Wolken. Die Wolken werden so weißer, reflektieren das Sonnenlicht stärker und schwächen die Erderwärmung ab. Noch befinde sich diese Technik in der Versuchsphase, gab Lomborg zu. Es gebe aber viel versprechende Modellversuche.
„Mehr als ein Pflaster ist sie ohnehin nicht“
Die nötigen Investitionen in die weitere Erforschung von 9 Milliarden Dollar zahlten sich auf jeden Fall aus, wenn man sie ins Verhältnis zu dem Nutzen aus dem verhinderten Temperaturanstieg von 20 Billionen Dollar setze. Die Marine-Cloud-Whitening-Technik ist allerdings umstritten. Nach Ansicht von Meereswissenschaftlern führt sie dazu, dass die mit dem Klimawandel einhergehende Versauerung der Meere intensiviert wird.
„Mehr als ein Pflaster, um den Klimawandel zu bremsen, ist sie ohnehin nicht“, sagte Lomborg, der bis vor kurzem noch den Klimawandel in Frage gestellt hat. Aufhalten könne man diesen nur durch neue kohlenstoffarme Wege der Energieerzeugung. Zudem müsse die Welt in die Speicherung von Kohlendioxid investieren. Schließlich würden sich die stark wachsenden Länder Indien und China nicht davon abhalten lassen, ihre billigen Vorhaben an Kohle zur Energieerzeugung zu nutzen. Die Fachleute um Bhagwati und Smith hätten sich zudem für Investitionen im niedrigen Milliardenbereich in die Anpassung an den Klimawandel ausgesprochen.
„Die Politik liebt den Emissionshandel“
Kritik übte Lomborg am Emissionshandel. Der Versuch, den Treibhausgasausstoß durch die Vergabe von Emissionsrechten zu begrenzen, habe zwar auf den ersten Blick Charme. Schließlich werde der Ausstoß so theoretisch auf einem bestimmten Niveau fixiert und es ansonsten der Industrie überlassen, ob sie die Emissionen durch neue Technik senke oder im Zweifel teure Zertifikate kaufe.
Faktisch habe sich das System aber als ineffizient erwiesen, da sich keine Regierung auf der Welt dazu habe durchringen können, alle Emissionen in den Handel einzubeziehen. Es gebe zu viele Ausnahmen und Schlupflöcher, um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen. „Die Politik liebt den Emissionshandel dennoch, weil er eine wunderbare Basis für Deals ist“, sagte der Däne. Mit keinem System lasse sich so leicht spielen, um Interessengruppen zu bedienen.