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Klimawandel „Mit dem Kyoto-Protokoll ist dem Klima wenig geholfen"

15.02.2005 ·  Georg Delisle ist Geologiedirektor in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Im Interview mit der F.A.Z. äußert er sich zur Zukunft der Energieversorgung und zur Wirksamkeit des Kyoto-Protokolls.

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In der Wissenschaft wird heftig über den Klimaschutz debattiert. Während vor allem Umweltökonomen vor einem menschengemachten Anstieg der globalen Erwärmung warnen, halten nicht wenige Geowissenschaftler die Ängste vor dem Klimawandel für übertrieben und verweisen auf die natürlichen Klimaschwankungen im Verlauf der Erdgeschichte. Georg Delisle hat in den Vereinigten Staaten Geophysik studiert. Er ist Geologiedirektor in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, die dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin untersteht.

Herr Delisle, gibt es ein optimales Klima?

Das ist natürlich eine subjektive Sache. Wir wissen, daß es vor zirka 6000 Jahren, also zu einer Zeit, als sich die ersten Hochkulturen gebildet hatten, das holozäne Klimaoptimum gab. Damals war es bis zu zwei Grad wärmer als heute. Von 1450 bis 1850 hatten wir die sogenannte kleine Eiszeit, die in Europa episodisch mit dramatischen Hungersnöten einhergegangen ist und zum Beispiel noch Ende des 19. Jahrhunderts viele Deutsche aus wirtschaftlicher Not nach Amerika auswandern ließ. Jetzt liegen wir wieder 0,7 Grad höher, und ich denke, daß die Mehrheit der Weltbevölkerung im Vergleich zu der kleinen Eiszeit mit dem jetzigen Klima besser zurechtkommt. Auch im Mittelalter hatten wir Klimabedingungen, die temperaturmäßig in etwa ähnlich oder sogar etwas höher waren als heute.

Also ist die globale Erwärmung nur eine „gefühlte" Erwärmung?

Wir hatten von 1900 bis 1940 schon einen Klimaschub von 0,3 bis 0,4 Grad, dann gab es von 1940 bis 1975 eine leichte klimatische Abkühlung, die in den Medien schon die Frage nach einer neuen Eiszeit aufkommen ließ. Von 1975 bis heute haben wir wieder einen relativ deutlichen Klimaschub um 0,3 bis 0,4 Grad Celsius, der derzeit die Begründung für die Befürchtung liefert, daß wir uns in eine Klimakatastrophe hineinbewegen. Treibhausgase sind freigesetzt worden, seit die Industrialisierung in Europa eingesetzt hat. Für die gleiche Zeit beobachten wir unter Einbeziehung der gerade genannten Abkühlungsphase einen globalen Temperaturanstieg um 0,7 Grad.

Läßt sich eindeutig sagen, welchen Anteil der Mensch an dieser befürchteten Klimakatastrophe hat?

Es ist sicherlich an der heutigen Erderwärmung auch ein anthropogener Anteil dabei. Wie groß dieser ist, läßt sich aber nicht mit hundertprozentiger Gewißheit sagen. Die Wissenschaft ist sich da sehr unsicher. Wir hatten in den vergangenen 10000 Jahren bei fast konstanten Treibhausgas-Konzentrationen deutliche Klimaänderungen. Es wurde mal wärmer, mal kälter. Es muß also neben dem Treibhausgas auch noch andere Antriebe für das Klima geben. Einer davon ist zum Beispiel die Energieabstrahlung der Sonne, die derzeit so hoch ist wie seit 8000 Jahren nicht mehr. Für die vergangenen 10000 Jahre ist eine sehr enge Korrelation zwischen Sonnenaktivität und Klima aufgezeigt worden. Das Problem ist allerdings, daß der Wirkungsmechanismus zwischen Sonne und Klima im Detail nicht verstanden ist.

Kann man den menschengemachten Anteil beziffern?

Ich glaube nicht, daß wir einen anthropogenen Anteil von 80 bis 90 Prozent haben, wie es die Wissenschaftler des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen vorhersagen. Wenn man die Aussagen der IPCC-Modelle der vergangenen 15 Jahre mit der tatsächlichen Entwicklung vergleicht, dann liegen die immer am oberen Rand und die Realität darunter.

Nehmen wir an, die Erwärmung wäre ein ganz natürliches Phänomen und nicht von Menschen verursacht: Wäre das ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen?

Nein. Wir müssen auf jeden Fall gegensteuern. Aber ich glaube, derzeit wird zuviel über Klima und viel zuwenig über die Energieversorgung der Zukunft gesprochen. Es ist jetzt schon abzusehen, daß die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten beim Erdöl, später auch bei Gas in eine Verknappungssituation geraten wird. Das scheint mir ein sehr viel wesentlicheres Thema zu sein als die Frage, ob der anthropogene Anteil an der Klimaänderung 10, 40 oder 70 Prozent ist.

Sind die Schreckensszenarien von immer mehr und immer stärkeren Wirbelstürmen, Überschwemmungen und Dürreperioden als Folge des Klimawandels realistisch?

Das ist schwer zu sagen. Die Klimaveränderung wird sich in den Weltregionen unterschiedlich auswirken. Es wird Klimagewinner und -verlierer geben. Ich persönlich vermute, daß ein etwas wärmeres Klima der Menschheit summa summarum eher hilft als schadet.

Reagieren wir nur sensibler auf solche Schreckensnachrichten, weil wir die Bilder des Leids vom Fernsehen ins Wohnzimmer geliefert bekommen?

Wir reagieren heute auch sensibler, weil wegen der Bevölkerungsexplosion jede Naturkatastrophe künftig eine größere Zahl von Menschen treffen wird.

Liegt die höhere Aufmerksamkeit auch darin begründet, daß uns extreme Wetterphänomene heute größeren Schaden zufügen können?

Das ist definitiv der Fall. Die Infrastrukturen, die hochindustrialisierte Länder heute vorhalten, sind wesentlich verwundbarer als Einrichtungen zu Zeiten, als man mit Pferd und Wagen über das Land gezogen ist.

Reicht es aus, höhere Deiche zu bauen und Frühwarnsysteme zu verbessern, oder müssen wir auch auf eine Minderung der Treibhausgas-Emissionen hinwirken?

Anpassen müssen wir uns auf jeden Fall. Die Geschichte der Menschheit ist ja eine Geschichte der permanenten Anpassung an sich ändernde klimatische Bedingungen. Diese Anpassung kann einen enormen Entwicklungsschub auslösen. Denken wir zum Beispiel an die derzeit laufende Entwicklung von Technologien zur Energieeinsparung.

Wird der Klimawandel von interessierter Seite nur vorgeschoben, um eine Lanze für den Ökostrom aus regenerativen Energien zu brechen?

Ich bin ganz sicher, daß die Diskussion über den Klimawandel zu einem anderen Bewußtsein in der Bevölkerung und zu einem Schub in Richtung technologischer Neuerungen geführt hat und weiter führen wird. Ich denke auch, daß wir in 50 Jahren eine ganz andere Energieversorgungssituation haben werden als jetzt.

Wenn es nur um eine Minderung des Kohlendioxyd-Ausstoßes ginge: Ließe sich die nicht billiger und effizienter erreichen als durch die Förderung von Windrädern?

Die Stromerzeugung aus Windrädern ist ja inzwischen wegen der Kosten durchaus umstritten. Demgegenüber ist die Effizienzsteigerung bei der Energieausbeute ein wesentlich probateres Mittel, um im Klimaschutz voranzukommen.

Sind multilaterale Abkommen der falsche Weg?

Multilaterale Abkommen sind problematisch, solange die Vereinigten Staaten nicht mitspielen. Kyoto ist ein Prozeß von symbolischer Bedeutung, der überwiegend in Europa verfolgt wird. Viele Länder, die das Abkommen unterschrieben haben, sind gar nicht betroffen, insbesondere die Entwicklungsländer, denen man noch weitere Kontingente beim Ausstoß von Kohlendioxyd zugestanden hat. Richtig ist: Die volle Implementierung des Kyoto-Abkommens wird eine Reduzierung des globalen Temperaturanstiegs um weniger als 0,1 Grad Celsius im Jahr 2100 bringen. Damit allein ist dem Klima wenig geholfen.

Passen Klimaschutz und Ausstieg aus der Kernenergie zusammen?

Ich empfinde den Ausstieg aus der Kernkraft persönlich als eher unglücklich. Aber man sieht ja schon die Umkehrbewegung: Erste europäische Länder wie Finnland steigen wieder in die Kernkraft ein, auch China setzt ganz offen auf Atomstrom. Ich vermute, auch wir werden mittelfristig über den Wiedereinstieg in die Kernkraft nachdenken müssen. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, in der Energieversorgung weiterzukommen, siehe etwa aktuelle Entwicklungen auf den Sektoren Biodiesel, Geothermie oder Wasserstofftechnologie.

Sollte man lieber diese Forschung unterstützen statt Ökostrom aus Windrädern?

Ich hätte mir eine breiter angelegte Förderung aller angedachten neuen Energietechnologien gewünscht. Die massive Subventionierung der Windkraft halte ich, weil diese Energie nur sporadisch anfällt, für problematisch.

Das Gespräch führte Nico Fickinger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Februar 2005
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