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Klimawandel in den Alpen Eine kostspielige Eisschmelze

03.09.2010 ·  Die Gletscher schmelzen, werden kleiner und schwerer zu erreichen. In den Alpen verändert sich deswegen der Fremdenverkehr: Bergsteigen wird durch instabile Gesteinsmassen gefährlicher. Außerdem wird die Instandhaltung der Wege teurer.

Von Michaela Seiser, Matrei
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In den Tiroler Bergen richten sich die Einheimischen schon wieder auf den nächsten Winter ein. Roland Klaunzer hat noch jede Menge zu tun. Er ist zuständig für Wegeverlagerungen im Tiroler Teil des Nationalparks Hohe Tauern. Das betrifft ein Streckennetz von 230 Kilometern. „Wir können jährlich erkennen, dass sich aufgrund des Gletscherschwunds vermehrt Probleme ergeben“, sagt der Wegewart. In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten wurden auf diesem Gebiet 10 Kilometer an Wanderpfaden verlagert. Auch in anderen Teilen der Alpen schrumpft das ewige Eis. Wer auf den Großglockner, den mit 3798 Metern höchsten Berg Österreichs, steigt, sieht nur mehr einen geschrumpften Teil der Pasterze, des dazugehörigen Gletschers.

Ebenso ist auf dem Weg zum Großvenediger, einem der nächsthöheren Gipfel des Landes, der Gletscherschwund unaufhaltsam. Hier befindet sich das größte zusammenhängende Gletschergebiet Österreichs, auf dessen Hoheitsgebiet rund ein Drittel aller Gletscher Mitteleuropas entfällt.

Klaunzer berichtet, dass auf dem als Schlatenkees bezeichneten Teilgletscher ein bestimmtes Areal in den vergangenen 30 Jahren um 30 Meter gesunken ist. Wer von der Badener Hütte kommend auf die Prager Hütte will, muss nun drei Stunden zusätzliche Wanderzeit einberechnen. Denn wo man früher direkt über den Gletscher die Hütte hätte erreichen konnte, tut sich jetzt eine geröllreiche Schlucht auf. Dadurch, dass der Gletscher an den Ausläufern geschmolzen ist, gibt es keinen Halt mehr. Dadurch wird auch der Weg ins Tal zunehmend gefährlicher und muss abschnittsweise verlegt werden.

Steinschläge machen Wandern risikant

Im Österreichischen Alpenverein (ÖAV) ist der Venediger Höhenweg kein Einzelfall. Peter Haßlacher, zuständig für Raumplanung und Naturschutz, erläutert, dass seit 2005 der Einsatz an Arbeitsstunden um 20 Prozent gestiegen ist. „Wegstrecken von Weitwanderwegen müssen aufgrund von Steinschlag und anderen Risiken verlegt werden. Es gibt Hinweise, dass bestimmte Partien von Gipfeln nicht mehr besteigbar sind. Manchmal müssen kleinfügige Sprengungen durchgeführt werden, damit man in anstehendes Gestein Weginfrastruktur anbinden kann“, sagt er.

Der Rückgang der Gletscher hat fatale Auswirkungen auf die Wege oberhalb von 2500 Metern. Wo man früher gefahrlos über den Gletscherschnee wandern konnte, sind heute instabile Felsblöcke und lose Geröllhalden. Der Steinschlag wird häufiger, weiß der Leiter des Referates für Hütten und Wege im ÖAV, Peter Kapelari. „Die Instandhaltung der Wege wird schwieriger und teurer“, fügt er hinzu. In diesem Jahr dürfte der Verein rund eine Dreiviertelmillion Euro aufwenden, schätzt Kapelari. Im vergangenen Jahr waren es 660.000 Euro. Hinzu kommen Beträge aus dem Katastrophenfonds, dessen Summe sich in den zurückliegenden zehn Jahren auf 86.000 Euro verdreifacht hat.

Gletscher werden unpassierbar

Dabei müssen immer mehr Arbeiten von professionellen Bautrupps gemacht werden, weil die Schäden zu groß sind. Das Schmelzen der Gletscher hat auch Auswirkungen auf den Tourismus im Hochgebirge. Bergtouren würden durch das Schmelzen der Gletscher risikoreicher, meinen Bergführer. Neben dem Steinschlagrisiko macht ihnen auch das Zerklüften der Gletscher zu schaffen. Die Gletscher würden zum Teil nicht mehr genügend eingeschneit, und die Brüche seien dann kaum mehr passierbar.

Unter dem Auftauen des Permafrostes leidet zudem die Stabilität der Hütten. Zwar gebe es etwas Entwarnung, doch man wisse inzwischen, dass mehr als ein halbes Dutzend Hütten des ÖAV betroffen sein könnten, sagt Kapelari. Marco Steiner, Wirt auf der Badener Hütte, erklärt, dass viele Touristen wegen der Gletscher kommen.

Seit 1990 hat der Gletscher vor der Hütte 150 Meter an Länge verloren. Die Badener Hütte ist ein beliebtes Ziel auf dem Venediger Höhenweg und wird über die sogenannte Galtenscharte von der Bonn-Matrei Hütte aus erreicht. Im vergangenen Jahr war die Galtenscharte für 10 Tage gesperrt. Dann war der Höhenweg bei der Bonn- Matreir Hütte unterbrochen und der Weg zur Badener Hütte gesperrt. Dadurch sind Steiner die Hälfte der Einnahmen entgangen. Normalerweise erwirtschaftet er bei einer für seine Verhältnisse guten Auslastung mit 30 Personen einen Umsatz von 1500 Euro am Tag.

Noch profitiert die Energiewirtschaft

Das Schmelzen der Gletscher hat also Folgen für Ökologie und Wirtschaft. „Gletscher haben eine ausgleichende Funktion. In niederschlagsreichen Jahren wird auf dem Gletscher der Niederschlag als Schnee gespeichert, das heißt, es kommt weniger leicht zu Hochwasser“, erklärt Michael Kuhn, Vorstand des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Universität Innsbruck. Umgekehrt liefern Gletscher in einem sonnenreichen, trockenen Sommer wie 2003 den Flüssen viel Schmelzwasser.

Für die Energiewirtschaft hat die Gletscherschmelze derzeit noch Vorteile. In einem Wasserkraftwerk in der Nähe eines Gletschers kann das Schmelzwasser 10 bis 15 Prozent des Jahresabflusses ausmachen. Das wird aber nicht mehr lange so sein. Diese Auswirkungen machen auch der Badener Hütte zu schaffen. Steiner befürchtet, dass es langfristig weniger Wasser gibt. Dadurch gibt es weniger Energie für das kleine Wasserkraftwerk, das die Hütte speist. Wollte er die Versorgung auf Photovoltaik umstellen, würde dies eine Investition von 30.000 bis 40.000 Euro bedeuten. Für die Energiewirtschaft ist die Gletscherschmelze also längst kein Thema der fernen Zukunft mehr, sondern der Gegenwart.

Graubraune Matsche wartet auf die Touristen

Dasselbe gilt für die Tourismuswirtschaft. „Touristen erwarten sich ein bestimmtes Landschaftsbild, wenn sie in die Berge kommen“, argumentiert Kuhn. Dazu gehören weiße Gletscher auch im Sommer, und diese werden immer weniger.“ Wo früher strahlend weiße Gletscher funkelten, findet man heute zunehmend ein graubraunes Eis-Erde-Gemisch. Steiner macht sich daher keine Illusionen über die langfristigen Auswirkungen des Gletscherschwunds. Im Tourismus rechnet er mit Verschiebungen. Denn Gletscher seien ein Magnet für viele Gäste. Eine Abwanderung in die Westalpen könne langfristig drohen.

Doch bringt die Gletscherschmelze auch Chancen für den Tourismus, sagt Florian Braun, Wissenschaftler am Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der Universität für Bodenkultur in Wien. Er hat sich in seiner Dissertation mit dem Gletschersterben befasst. So würden künftig hoch gelegene Gebiete, die früher Alpinisten mit Steigeisen und Pickel vorbehalten waren, nun einfacher zu begehen sein. Langfristig, glaubt Andrea Fischer, Glaziologin an der Universität Innsbruck, werden die meisten der rund 900 Gletscher Österreichs zwar nicht gänzlich verschwinden. Doch werden sie deutlich kleiner und sich in höhere Regionen oder in Mulden zurückziehen, sich dort aber auf niedrigerem Niveau stabilisieren, prognostiziert Fischer.

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