19.12.2009 · Mit dem Klimaschutz hat der Mensch etwas vor, das ihn – wie die Konferenz in Kopenhagen zeigt – zu überfordern droht. Für ein wirtschaftliches Wachstum ohne Kohlenstoff - dafür braucht es eine zweite industrielle Revolution.
Von Konrad MrusekHöchstens zwei Flüge jährlich nach Teneriffa. So groß wäre, mit den jetzigen Jet-Emissionen, das Kohlenstoffbudget eines Deutschen im Jahre 2050, wenn die Politiker den strikten Vorgaben der meisten Klimaforscher folgten. Jeder andere Konsum müsste theoretisch frei sein von Kohlendioxidemissionen, damit der Bürger nicht kohlenstoffinsolvent wird. Diesen Bankrott könnte ein Vielflieger nur vermeiden, wenn er sich etwa freie CO2-Zertifikate von Afrikanern kaufte oder sie von jenen Deutschen holte, die besonders kohlenstoffliquide sind, weil sie mit dem Fahrrad fahren und vegetarisch essen.
Das gleicht einem Science-Fiction-Roman, hat nichts mehr zu tun mit unserer Wohlstandswelt. Und doch müsste es Realität werden, wenn die Politiker es wirklich ernst meinen mit dem Ziel, die Erwärmung der Erde auf zwei Grad zu begrenzen. Denn daraus leiten sich letztlich die zulässigen Kohlenstoffbudgets ab, kommt man auf einen globalen Pro-Kopf-Durchschnittswert von knapp drei Tonnen Kohlendioxid jährlich.
Wohlstand und Kohlenstoffverbrauch stiegen weitgehend parallel
Mit dem Klimaschutz hat der Mensch offenbar etwas vor, das ihn – wie die Konferenz in Kopenhagen zeigt – zu überfordern droht. Im Fachjargon heißt die Schaffung einer in Produktion und Konsum kohlenstoffarmen Welt eine „Dekarbonisierung“. Die vielen wohltönenden Vokale verniedlichen die Radikalität der historischen Zäsur. Für eine Dekarbonisierung braucht es eine zweite industrielle Revolution, und zwar eine, die – anders als die erste – international vereinbart werden muss.
Vor der ersten industriellen Revolution gab es keine Karbonisierungskonferenz. Wenn es damals schon demokratisch zugegangen wäre, hätte man die Ausbeutung der Arbeiter verhindert, nicht aber auf den Treibstoff der Industrialisierung verzichtet, also auf Kohle und Öl. Je mehr davon verfeuert wurde, umso höher wurden die Wachstumsraten. Wohlstand und Kohlenstoffverbrauch verliefen weitgehend parallel, erst die fossilen Brennstoffe haben die moderne Ökonomie mit all ihren materiellen Vorzügen ermöglicht. Die Moderne lässt sich nicht allein in Philosophie und Kunst definieren, man kann sie auch an jener Kurve ablesen, die die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre zeigt. Sie stieg zwischen 1744 und 2010 ebenso wie der westliche Wohlstand.
Geht es nun abwärts mit dem Wohlstand, weil zur Vermeidung einer gefährlichen Erwärmung dekarbonisiert und dafür erneuerbare Energie wie Wind, Sonne und Biomasse genutzt werden muss? Die Schaffung einer kohlenstoffarmen Wirtschaft ist auf alle Fälle eine gewaltige und teure Herausforderung, zumal dann, wenn man auf Kernenergie verzichtet.
Denn trotz aller Sparappelle steigt der Energieverbrauch weiter, und dies nicht allein in Schwellenländern wie China, die dem westlichen Wohlstandsmodell nacheifern.
Der Abschied vom Öl ist vermutlich der einfachste, weil die Reserven ohnehin bald erschöpft sind. Ein Verzicht auf Kohle ist jedoch auch für Industriestaaten vorerst kaum möglich. Selbst mit einem forschen Ausbau erneuerbarer Energiequellen und mit ehrgeizigem Energiesparen kann bis 2050 nicht die von Wissenschaftlern verlangte Emissionsminderung von 80 Prozent erreicht werden. Man wird weiterhin Kohle aus der Erde holen, aber das Kohlendioxid abscheiden und irgendwo in Kavernen pressen. Ob diese Technik funktioniert, wird sich indes erst in einigen Jahren entscheiden. Mit der Dekarbonisierung wird es also noch etwas dauern, der neue Wachstumspfad wird noch für einige Zeit der alte sein.
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| Rohöl Brent Crude | 107,58 $ | +0,30% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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