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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Klimaforschung „Kohle und Öl sind die Energieträger des 21. Jahrhunderts schlechthin“

 ·  Kohle und Öl bleiben auf Dauer billiger Schmierstoff für die Weltwirtschaft. Wer das Klima schützen will, sagt Ottmar Edenhofer, muss sie deshalb verteuern, mit Steuern oder durch den Emissionshandel. Ein Interview mit dem Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

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© www.marco-urban.de Ottmar Edenhofer gehört zu den bekanntesten deutschen Klimaökonomen. Der 51-Jährige ist Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Direktor des neuen Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change sowie Professor an der Technischen Universität Berlin. Im Weltklimarat ist er als Ko-Leiter der Arbeitsgruppe zur Verringerung des Klimawandels der ranghöchste Deutsche. Auch berät er die Weltbank in Fragen grünen Wachstums.

Herr Edenhofer, seit Jahren wird über Klimaschutz verhandelt. Doch die Emissionen wachsen, die Temperatur steigt wohl auf Werte über dem als vertretbar geltenden Plus von 2 Grad. Versagen die Institutionen und die Instrumente?

So düster sehe ich das nicht. Die Verhandlungen wie jetzt wieder in Doha sind äußerst zäh, das stimmt. Aber der Prozess im Rahmen der Vereinten Nationen bleibt politisch wichtig. Die UN stehen für Legitimität - aber nicht unbedingt für Effizienz. Daher muss man zugleich schauen, ob Verhandlungen im Rahmen jener 20 Staaten, die 80 Prozent der Klimagase ausstoßen, nicht produktiver wären. Deshalb sollte die internationale Gemeinschaft dringend auf mehreren Pfaden zugleich vorangehen. Bei aller Kritik am Emissionshandel, ein besseres Instrument haben wir nicht. Man muss es nur nachjustieren. Die Kernfrage bleibt, wie lange die Menschheit noch Öl und Kohle verbrennen will und in Kauf nimmt, dass die Ozeane versauern, die Atmosphäre belastet wird und viele Menschen unter den Folgen des Klimawandels leiden werden.

Vielfach wird Kohle durch emissionsärmeres Gas ersetzt. Seit die Vereinigten Staaten unkonventionelles Gas in riesigen Mengen fördern, sind die Kohlendioxid-Emissionen so stark gesunken, dass sie sogar ihre Verpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll einhalten könnten.

Das ist eine Seite der Medaille. Der Shale-Gas-Boom führt dazu, dass die Vereinigten Staaten ihre Öl-Importe aus dem Nahen Osten drastisch reduzieren. Dann sinkt der Preis, und es kommen andere Konsumenten zum Zuge. Saudi-Arabien wird auf seine Einnahmen nicht verzichten wollen. Zum Zweiten wird Amerika die Kohle, die dort durch heimisches Gas ersetzt wird, verkaufen. Es könnte zum Nettoexporteur von Kohle werden. Am Ende ist mehr Kohlenstoff im System als vorher und damit letztlich mehr vom Treibhausgas CO2. King Coal ist nicht enttrohnt. Der Höhepunkt der Ölförderung ist nicht in Sicht. Kohlenstoffe sind der Energieträger für das 21. Jahrhundert schlechthin. Es wäre schön, wären die knapp, dann zwängen uns die Marktkräfte auf den Pfad der Tugend.

Was schlagen Sie vor?

Die Subventionen für den Verbrauch von Öl und Kohle, die es fast überall in der Welt gibt, müssen abgeschafft werden. Immerhin subventionieren wir CO2 im Schnitt mit 9 Dollar pro Tonne. Europa hat den Emissionshandel eingeführt, der den Verbrauch von Kohlenstoffen verteuert. Andere Staaten folgen: China und Südkorea denken darüber nach, Kalifornien hat ihn eingeführt, auch Australien. Die wollen ihr System mit dem europäischen verlinken, was gut wäre. Anderswo kommt ein Handelssystem nicht in Frage. Dort sollten die Staaten den Verbrauch von Kohlenstoffen besteuern.

Eine klimaschützende Wollmilchsau?

Ich habe mal eine Bierdeckelrechnung gemacht, die das Potential beschreibt. Nehmen wir einmal an, wir würden in Deutschland den Bundeshaushalt nur über eine CO2-Steuer finanzieren. Wir schafften alle anderen Steuern ab und verzichteten auf weitere Staatsverschuldung. Dann würde die so entstehende Einnahmelücke rechnerisch durch einen CO2-Preis von 500 Euro je Tonne geschlossen werden. Natürlich wird niemand die gesamten Staatsausgaben nur über eine CO2-Steuer finanzieren wollen, aber es veranschaulicht die Dimensionen. CO2 kann, ob durch Besteuerung oder Auktionierung von Emissionsrechten, ein neuer Faktor für die Staatsfinanzen werden. Es ist doch offenkundig sinnvoller, zusätzliche Finanzierungsspielräume durch die Besteuerung von schädlichem Verhalten zu finanzieren statt produktive Investitionen, Konsum oder Lohneinkommen zu besteuern. Vor allem für die Schwellenländer bietet eine CO2-Steuer eine zusätzliche Quelle zur Finanzierung notwendiger Infrastrukturausgaben. Investoren müssen überall auf der Welt einen Preis für Kohlendioxid berücksichtigen.

Zum Beispiel für Kraftwerke, die - einmal gebaut - 40 Jahre lang arbeiten?

Noch wichtiger ist das in der Stadtplanung. In China, Indien und Afrika entstehen neue Millionenstädte. Wie dicht werden die gebaut? Wie weit liegen Arbeit und Wohnen auseinander? Wie sehen die Transport- und Energieverteilsysteme aus? Wir sollten verhindern, dass dort eine Infrastruktur entsteht, die man in wenigen Jahren zwar technisch anpassen könnte, was aber unglaublich teuer würde. Wir werden im nächsten Bericht des Weltklimarates Stadtentwicklung und Urbanisierung ein eigenes Kapitel widmen.

Europa hat den Emissionshandel (ETS) als Steuerungssystem eingeführt. Derzeit liegen die Börsenpreise je Tonne CO2 bei rund 7 Euro, weit unter den erhofften Preisen. Ist das ein Beleg dafür, dass das System nicht funktioniert?

Entscheidend ist, dass die Minderungsziele erreicht wurden. Wenn das darüber hinaus noch zu günstigen Preisen geschieht, sollte das kein Grund zur Klage sein. Die Emissionsobergrenze wird bis 2030 weiter abgesenkt, und das führt zu steigenden CO2-Preisen. Gestatten Sie die Gegenfrage: Würde die Politik darüber nachdenken, zusätzliche Zertifikate auszugeben, wenn der Preis bei 30 Euro läge, um die Kosten für die Wirtschaft zu senken? Die Politik sollte sich vor fallweisen Eingriffen hüten. Die Investoren brauchen Planungssicherheit. Dennoch muss das Handelssystem verbessert werden mit auf Dauer knapperen Zuteilungen oder der Einbeziehung des Transportsektors und anderen emissionsrelevanten Sektoren. Die eigentliche Zukunftsdebatte, die wir in Europa führen müssen, ist aber die Frage, wie Emissionshandel und die Förderung der erneuerbaren Energien zusammenpassen.

Wie wollen Sie die passend machen?

Wichtig ist, dass der Emissionshandel fit gemacht wird. Erneuerbare müssen mittelfristig europaweit nach einheitlichen Regeln gefördert werden, die auch Standortvorteile - Wind, Sonne, Wasser - berücksichtigen. Deutschland wird die Energiewende mittelfristig nur mit einer europaweiten, kosteneffizienten Förderung für die erneuerbaren Energien schaffen. Doch kann die Förderung eine Bepreisung von CO2 nur ergänzen, nicht ersetzen. Das Ziel ist die CO2-Vermeidung. Wir sollten zeigen, dass eine solche Wende kosteneffizient zu schaffen ist.

Wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten können, müssten wir dann nicht mehr für die Anpassung tun, nach dem Motto: Wenn ich weiß, dass die Flut steigt, baue ich einen höheren Deich?

An Anpassung führt kein Weg vorbei. Aber an welches Szenario passen wir uns an? Selbst wenn wir die 2-Grad-Grenze einhalten würden, müssten wir immer noch viel für Anpassungsmaßnahmen tun. Es ist ja nicht so, dass wir den Klimawandel vermeiden können, wir können ihn nur in Schach halten. Sich an eine um 4 oder 5 Grad Celsius erhöhte Erdtemperatur anpassen zu wollen, halte ich für ein kühnes Projekt. Ich wage zu bezweifeln, dass uns das gelingen wird. In jedem Fall sind die sozialen Verwerfungen und ökonomischen Kosten nicht kalkulierbar. Deshalb erfordert der Klimawandel ein Minimum an globaler Kooperation. Wir müssen uns fragen, welche Minimalkoordination ist im 21. Jahrhundert notwendig, um die Globalisierung zu meistern? Ein Baustein ist die Klimapolitik, ein anderer die Energiesicherheit, weitere der Freihandel, die fiskalische Koordination.

Allerdings sehen wir an genau den von Ihnen genannten Themen, dass das nicht funktioniert, dass die Institutionen zu Kooperation kaum in der Lage sind. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Das ist keine Frage des Pessimismus oder des Optimismus. Es geht hier um die Frage, ob wir die Globalisierung zu akzeptablen Bedingungen meistern. Ich glaube, dass die Verschränkung der internationalen Kapital- und Gütermärkte, die Globalisierung, nicht gestoppt werden kann und dass auch die Politik das zu Recht nicht will. Dann aber stellt sich nicht die Frage nach der Wahrscheinlichkeit der Kooperation - sondern die nach der mindestens notwendigen Kooperation, um die Zukunft zu gestalten.

Die Fragen stellte Andreas Mihm.

Quelle: F.A.Z.
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