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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Klima und Ernährung Grün essen ist gar nicht so einfach

11.01.2010 ·  Den Tisch ökologisch korrekt zu decken ist schwieriger, als viele denken: Zwar ist „Bio“ im Prinzip gut für die Natur, doch es stimmt nicht, dass Bio der Umwelt immer gut tut. Das Rind vom Ökobauern produziert mehr CO2 als das normale Vieh. Und Äpfel aus Übersee sind oft „grüner“ als das heimische Obst.

Von Konrad Mrusek
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Es ist gar nicht so einfach, sich gesund zu ernähren. Noch schwieriger wird es aber, wenn man den Tisch auch noch ökologisch korrekt decken will. Schon jetzt verwirren Hunderte von Siegeln und Etiketten die Konsumenten. Zwar ist „Bio“ im Prinzip gut für die Natur, doch es stimmt nicht, dass Bio der Umwelt immer guttut.

So ist Rindfleisch vom Öko-Bauern klimaschädlicher als konventionell erzeugtes Fleisch (siehe auch: Glückliche Hühner sind Klimasünder ), und Äpfel aus Übersee sind oft „grüner“ als das heimische Obst aus dem Kühlhaus (siehe auch: Wo der Kaffee wächst, stört das Klima nicht). Und wer mit einem Geländewagen zum Bio-Laden fährt, der vollbringt erst recht keine ökologische Großtat, sondern ist ein grüner Heuchler (siehe: Das richtige Fahrzeug rettet die Ökobilanz).

Kommende Woche beginnt die Grüne Woche in Berlin. Diese Messe ist quasi die größte Lebensmitteltheke der Welt und bietet einen guten Blick auf Essgewohnheiten. Wer durch die endlosen Säle spaziert, erkennt bald, dass Öko noch immer ein Minderheitenthema ist. Denken die Deutschen ans Essen, so geht ihnen nicht der Klimaschutz durch den Magen, sondern sie lieben deftige und ökologisch völlig inkorrekte Köstlichkeiten.

Eigentlich müsste Ministerin Aigner das vegetarische Leben preisen

Agrar- und Verbraucherministerin Ilse Aigner will die Bürger auf dieser Grünen Woche ökologisch sensibilisieren und eine internationale Konferenz über Landwirtschaft und Klimawandel veranstalten. Wäre die Ministerin ehrlich, müsste sie auf dieser Konferenz vor allem das vegetarische Leben preisen – das in ökologischer Hinsicht das Beste wäre. Aber anstatt den Kunden den Appetit auf klimaschädliche Wurst zu vermiesen, will man eher abstrakt über die besonders hohen Treibhausgas-Emissionen in der Fleisch- und Milchproduktion debattieren.

Bislang mussten sich Hersteller vor allem gegen den Vorwurf wehren, sie produzierten Dickmacher. Daher gibt es auf Packungen immer mehr Nährwertangaben, die den Appetit auf Süßes und Fettes drosseln sollen. Aber demnächst wird die Branche auch die Frage beantworten müssen, wie klimafreundlich ihre Produkte sind, wie groß also etwa der Kohlendioxid-Fußabdruck („carbon footprint“) oder der Wasserverbrauch eines Lebensmittels ist. Es droht eine neue Generation von Etiketten, die mehr verwirren als informieren.

Zwar ist noch nichts entschieden, weder Frau Aigner noch die schwarz-gelbe Koalition haben sich bisher festgelegt. Julia Klöckner, Parlamentarische Staatssekretärin im Verbraucherministerium, ist gegen einen Schnellschuss: „Solange die methodischen Grundlagen nicht vereinheitlicht sind, ist es nicht sinnvoll, Verbraucher mit neuen Siegeln zu konfrontieren.“ Um die Orientierung im „Label-Dschungel“ zu erleichtern, wäre Frau Klöckner für eine Weiterentwicklung des deutschen Umweltzeichens „Blauer Engel“ zu einem „Klima-Engel“.

Kaffee und Toilettenpapier mit Kohlendioxid-Fußabdruck

Im Umweltbundesamt in Dessau ist man sicher, dass es bald ein „Klimasiegel“ gibt, wie es schon in etlichen Ländern existiert. Als Marketinginstrument wäre es auch höchst attraktiv, um die nach ökologischer Korrektheit strebenden Kunden in den Laden zu locken. Vorreiter des Siegels war vor drei Jahren der britische Handelskonzern Tesco. In der Schweiz gibt es ein derartiges Label bei Migros und Coop, ebenso in Schweden. Auch die französische Supermarktkette Casino will demnächst den Kohlendioxid-Fußabdruck von 3000 Produkten ermitteln.

In Deutschland zögert die Wirtschaft noch. Aber zehn Unternehmen aus Industrie und Handel haben in einem Pilotprojekt schon einmal geübt, wie man den „Product Carbon Footprint“ (PCF) für Waren berechnet, die vom Toilettenpapier bis zum Kaffee reichten. Nun wartet man noch auf einen internationalen ISO-Standard, bevor ein Siegel eingeführt wird.

Denn Öko-Bilanzen müssen notfalls vor Gericht bestehen, wenn Firmen gegen Konkurrenten vorgehen, die ihre Produkte ökologischer machen wollen und mit ihren grünen Botschaften womöglich das Blaue vom Himmel versprechen.

Ein Fünftel der Treibhausgase entfallen auf die Ernährung

Auf die Ernährung, also auf Produktion, Vertrieb und Konsum von Lebensmitteln, entfallen knapp ein Fünftel der Treibhausgase. Das entspricht den Emissionen des Verkehrs. Was darf man guten Gewissens essen, wenn man ökologisch ganz korrekt sein will? Sind Biotrauben aus Südafrika im Winter erlaubt oder nur noch im Sommer die Früchte aus dem Umland? Und wie ist es mit Spargel, der rund um die Welt aus Südamerika kommt? Ist das Regionale immer ökologischer als das Globale? Wenn das Bio-Gemüse, wie so vieles im Discounter, aus warmen, aber trockenen Ländern kommt und viel Wasser verbraucht, ist es dann umweltfreundlicher als deutsche Treibhausgewächse, obwohl die viel mehr Energie benötigen?

Der Konsum wird auf alle Fälle erheblich komplizierter, wenn er ökologisch korrekt sein soll. Mit „shopping“ die Welt zu verbessern, ist ein ehrgeiziges Projekt. Die Kunden müssen zum Beispiel die Transportwege beachten, müssen wissen, ob die Früchte fliegen oder per Schiff kommen. Denn dies ändert die CO2-Bilanz erheblich. Solche Rechnungen werden zudem zu einer Glaubensfrage, wenn sie nicht von einer Organisation geprüft werden.

Der Streit über die Klimabilanz beginnt schon bei den Messgrößen: Welche Kohlendioxid-Emissionen werden in Produktion und Vertrieb erfasst? Misst man nur bis zur Ladentheke, oder erfasst man auch den Energieverbrauch des Kunden (siehe auch: Auch ein Tiefkühl-Lachs kann öko sein)? In solchen technischen Details verbergen sich „grüne“ Fallstricke.

Wie ist die CO2-Bilanz von sechs Freilandeiern?

Es dürfte sinnlos sein, dem Kunden absolute Zahlen zu nennen, etwa die CO2-Bilanz von sechs Freilandeiern. Hier helfen nur Vergleiche: Ist das Produkt besser als der Durchschnitt und damit die Klimabilanz günstiger? Doch wer legt den Durchschnitt fest, wer bestätigt die Bilanz? Am Ende taucht in der Klimadebatte gar ein ähnliches Problem auf wie in der Finanzkrise: Man verließ sich auf Ratingagenturen und wurde getäuscht.

Werden Klimasiegel dennoch zur nächsten Öko-Mode? Irgendeiner werde bestimmt damit beginnen, heißt es in Industrie und Handel, weil er darin einen Werbeerfolg sieht. Gleichwohl bleibt solch ein Etikett unter Fachleuten umstritten. Einige kritisieren, dass Klimarechnungen teuer sind, ihre Aussagekraft aber fragwürdig oder gar verwirrend sei.

Der Leiter des deutschen Pilotprojekts, Jacob Bilabel, wirbt verständlicherweise für die Schaffung eines Siegels: „Ein CO2-Fußabdruck kann emotionale Debatten über das Konsumverhalten objektivieren und so auf Dauer einen klimaverträglichen Konsum ermöglichen“, argumentiert er.

Deutlich distanzierter tönt es dagegen aus dem Öko-Institut in Freiburg, obwohl man am Pilotprojekt beteiligt war: „Ein Kohlenstoff-Fußabdruck von Haushaltsgeräten würde mehr bewirken als von Lebensmitteln“, sagt Institutschef Martin Möller. Selbst Foodwatch-Gründer Thilo Bode ist skeptisch, obwohl er sonst keine Angst vor einer Lenkung der Verbraucher hat. „Gute Klimapolitik wird nicht durch eine Etikettierung von Produkten erreicht.“ Wie so oft versuchten die Politiker, die Umweltpolitik auf die Verbraucher abzuwälzen.

Freudlose Gewohnheitsköchin oder Fast Fooder?

Auch die Industrie zögert: „ Der Wunsch der Verbraucher nach umweltschonend erzeugten Produkten ist kein Nischenthema, sondern Mainstream“, sagt ein Sprecher von Nestlé Deutschland. „Ein reines Kohlendioxid-Siegel – wie immer es gestaltet ist – greift aber zu kurz und ist weder für die Umwelt noch für die Verbraucher hilfreich.“ Für die ökologische Bewertung von Produkten spielen nach Ansicht von Nestlé weitere Faktoren wie etwa die Flächennutzung oder der Wasserverbrauch eine mindestens ebenso wichtige Rolle.

Könnte man sich die kostspielige Berechnung und Zertifizierung des CO2-Fußabdrucks nicht sparen und dennoch klimafreundlicher essen? In einer Umfrage hat das Öko-Institut die Bürger in Ernährungstypen eingeteilt – mit unterschiedlicher Klimaschädlichkeit. Jeder fünfte Deutsche falle in die Kategorie „gesundheitsorientiert“. Dann gebe es „freudlose Gewohnheitsköchinnen“ (17 Prozent) oder die „Fast-Fooder“ (12 Prozent). Ihre Klimabilanzen sind ganz unterschiedlich. Aller Verwirrung zum Trotz können sich Klimafreunde eine Faustregel merken: Wer ausgewogen isst, also fleischarm und gemüsereich, der schont das Klima und braucht keinen CO2-Fußabdruck.

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Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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