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Kleinfeld unter Druck Siemens-Aktionäre begehren auf

22.01.2007 ·  Handy-Pleite, Gehaltserhöhung, Korruption: Siemens steht vor einer hitzigen Hauptversammlung. Am Donnerstag wird abgerechnet. Die Kleinaktionäre wollen Vorstandschef Kleinfeld einen Denkzettel verpassen.

Von Georg Meck
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Es sind die großen Themen, die Klaus Kleinfeld am liebsten anpackt: Verstädterung, Umweltschutz, demographische Entwicklung. „Wir können die Probleme dieser Welt lösen“, tönt der Siemens-Chef, der die „globalen Megatrends“ zu seiner unternehmerischen Vision erkoren hat. Um die Welt ein Stück besser zu machen, reist Kleinfeld diese Woche zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Im Gepäck hat er eine Studie zur Entwicklung der Metropolen und einen Vortrag zum Klimawandel - das neueste Modethema unter Managern.

Bevor er in die Schweizer Alpen aufbricht, hat der Vorstandsvorsitzende zwei brisante Termine zu überstehen: Am Mittwoch muss er dem Siemens-Aufsichtsrat zur Korruptionsaffäre Rede und Antwort stehen. Am Donnerstag erwartet ihn wegen des Schmiergeldskandals eine hitzige Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle. 420 Millionen Euro „zweifelhafter Zahlungen“ hat der Konzern inzwischen eingeräumt. Zwei ehemalige Vorstände, Heinz-Joachim Neubürger und Thomas Ganswindt, werden von den Staatsanwälten als Beschuldigte geführt. Und die entscheidende Frage lautet: Wer wusste wann von den Bestechungen?

„Schwere Schläge gegen hart erarbeiteten Ruf“

Aktionärsschützer und Belegschaftsaktionäre wollen die Siemens-Führung bis zur Klärung aller Zweifel nicht entlasten. Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer fordert gar eine „neue, moralisch unverbrauchte Truppe, um das stolze Unternehmen wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen“.

160 Jahre alt wird der deutsche Vorzeigekonzern in diesen Tagen. Dieses Jubiläum zu feiern kommt niemandem in den Sinn angesichts des verkorksten letzten Jahres: BenQ-Pleite, Gehaltsaufschlag für den Vorstand, Schmiergelder. Das sind die Stichworte, die den Absturz in der öffentlichen Gunst begleitet haben.

Siemens habe 2006 in vielen Geschäftseinheiten „exzellente Ergebnisse erreicht“, beschwor Kleinfeld jüngst seine Mitarbeiter. „Gleichzeitig mussten wir schwere Schläge gegen unseren hart erarbeiteten guten Ruf einstecken.“

Entlastung einzeln, nicht im Paket

Ganz schuldlos treffen Kleinfeld die Schläge nicht. „Der Konzern hat zunächst versucht, die Korruptionsfälle unter der Decke zu halten“, kritisiert etwa Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Spät reagierte der Vorstandschef mit der Ankündigung, hart durchzugreifen. Auf der Hauptversammlung kommt er den Aktionären nun insofern entgegen, als sie einzeln und nicht im Paket über die Entlastung der Führung abstimmen dürfen.

Brisante Fragen wird sich dabei Kleinfelds Vorgänger, der heutige Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer, anhören müssen: Wie kann er Vorgänge prüfen, die in seine eigene Amtszeit zurückreichen? „Die Siemens-Führung war in den vielen Korruptionsfällen in der Vergangenheit nicht energisch genug, nie wurden abschreckende Strafen ausgesprochen“, sagt Willi Bender von der Schutzgemeinschaft deutscher Kapitalanleger (SdK). Überdies kreidet er dem Management das Missverhältnis von Leistung und Gehalt an. „Die Aktie hinkt dem Dax noch immer weit hinterher.“

Vertragsverlängerung verschoben

Der Volkszorn trifft Kleinfeld, weil er die Handy-Sparte angeblich verschenkt und verraten hat. Die Kapitaleigner geißeln ihn, weil er mit dem Debakel ihr Geld versenkt hat. „Warum zahlt Siemens jetzt auch noch 70 Millionen Euro in die Auffanggesellschaft für BenQ?“, fragt SdK-Mann Bender. Geschehe dies ohne rechtlichen Grund, liege ein Fall von Untreue vor. „Hat Kleinfeld in der öffentlichen Empörung über die Pleite die Nerven verloren? Wollte er mit den Hilfszahlungen sein Image retten, oder hat der Konzern auch etwas davon?“

So giftig die Redebeiträge auf der Hauptversammlung ausfallen werden, um seine Entlastung muss der Vorstandsvorsitzende nicht bangen. Die garantieren schon die institutionellen Anleger, die Banken und Fonds, die in Deutschland nicht für ihre Aufmüpfigkeit bekannt sind. Und ein frecher angelsächsischer Investor hat die Harmonie bei Siemens bisher nicht gestört. Den Vertretern der Kleinaktionäre geht es deshalb mehr um das Symbol; sie sähen ihr Ziel erreicht, wenn der Vorstand 90 statt der üblichen 99 Prozent Zustimmung erhält.

Ungemütlich bleibt Kleinfelds Lage in jedem Fall. Im Herbst läuft sein Vertrag aus, an eine vorzeitige Verlängerung hat sich der Aufsichtsrat bisher nicht gewagt. Am besten sollte er damit warten, bis die Ermittlungen der Staatsanwälte abgeschlossen sind, mahnt Jürgen Kurz von der DSW. „Sonst bietet der Konzern schon wieder Angriffsfläche und steht unter Rechtfertigungsdruck.“

Projekt mit Nokia hängt in der Luft

Zudem schlägt der Imageschaden allmählich auf das Geschäft durch. Am deutlichsten wird dies beim vermeintlichen Meisterstück Kleinfelds, der Gründung des Gemeinschaftsunternehmens aus dem ehemaligen Siemens-Herzstück mit Nokia. Den für Januar dieses Jahres geplanten Start der Netzwerkfirma haben die Finnen verschoben - aus Furcht, mit in den Korruptionssumpf gezogen zu werden. Schließlich verbünden sie sich ausgerechnet mit dem Siemens-Teil, in dem das System der schwarzen Kassen aufgeflogen ist. In dem Geschäft der Telekom-Ausrüster geht es aber vor allem um eines: Vertrauen. Es gibt nur ein paar hundert Kunden weltweit, 20 davon sind wirklich wichtig. Bei wem die bestellen, das hängt an der Verlässlichkeit des Lieferanten, an dessen Ruf. Warum sollte Nokia den durch die Machenschaften bei Siemens beschädigen?

Entsprechend bestimmt treten die Finnen jetzt bei den Nachverhandlungen auf. Und solange die nicht abgeschlossen sind, hängt das Projekt in der Luft - mit der Folge, dass Siemens auf der wichtigsten Messe der Branche, der GSM in Barcelona, im Februar sich nicht richtig präsentieren kann: Nokia-Siemens existiert noch nicht, Siemens Com nicht mehr. Ob diese ungeklärte Situation den Gewinn drückt, muss Kleinfeld am Donnerstag berichten. Dann legt er die Zahlen für das abgelaufene Quartal vor. Und die zählen mehr als schöne Visionen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.01.2007, Nr. 3 / Seite 35
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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