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Kirchenwettbewerb Wir wollen Martin Luther feiern

Die Reformation war für den Katholizismus heilsam, denn sie hat christlichen Wettbewerb dauerhaft installiert. Deswegen dürfen wir uns sehr wohl auf das Jahr 2017 freuen.

Kurz vor dem Weihnachtsfest hat Kurienkardinal Kurt Koch uns Katholiken eine herbe Enttäuschung beschert. „2017 gibt es für die katholische Kirche nichts zu feiern“, dekretiert der Kirchenmann quasi ex cathedra im Gespräch mit der F.A.Z.

Rainer Hank Folgen:  

Was war noch mal 2017? Richtig: Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht, woraus sich Reformation und Kirchenspaltung entwickelten. Kein Wunder, dass dieses welt- und kirchenhistorische Datum von den Protestanten groß gefeiert wird, nicht nur ein Jahr, sondern eine ganze Dekade lang (mehr dazu unter: www.luther2017.de), aber vor allem natürlich 2017.

Ein paar ökonomische Argumente für den Sinneswandel

Und da sollen wir Katholiken nicht mitfeiern dürfen? Klar, vielleicht laden die Evangelischen uns gar nicht ein. Aber lüden sie uns ein, untersagte uns der Ökumene-Kardinal die Teilnahme mit dem Argument der Kirchenspaltung, die man doch nicht feiern könne.

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Da wir im Wirtschaftsteil sind, wollen wir den ökumenischen Kardinal mit ein paar ökonomischen Argumenten zum Sinneswandel bewegen; bis die Einladungsschreiben für 2017 rausgehen, ist ja noch ein wenig Zeit. Beginnen wir mit Adam Smith (sozusagen der Kirchenlehrer der Ökonomen). Der hat in einem lange übersehenen Kapitel seines „Wohlstands der Nationen“ (fünftes Buch, erstes Kapitel, dritter Teil, dritter Abschnitt) bemerkt, dass Wettbewerb auch zwischen den Religionen das Geschäft belebt und die Qualität des Angebots hebt. Religionen und Konfessionen sind für den Ökonomen Unternehmungen, welche die religiöse Nachfrage befriedigen. Wie auf anderen Märkten gilt auch hier: Vielfalt und Wettbewerb führen zur Schärfung des kirchlichen Profils und zur Verbesserung der religiösen Produkte und Dienste. Je mehr Konfessionen, umso besser werden ihre Pfarrer die Gottesdienste vorbereiten, und umso schöner werden sie predigen.

Reformation: Nicht Fluch, sondern Segen für das Christentum

So gesehen wäre die Reformation nicht Fluch, sondern Segen für das Schicksal des Christentums. Aus Luthers Sicht glich die Kirche des frühen 16. Jahrhunderts einem träge gewordenen und verluderten Monopolisten, dem jegliche Kreativität abhandengekommen war. Während im Mittelalter Bettel- oder Predigerorden die herrschende Kirche unter Wettbewerbsdruck setzten, aber integriert wurden, hat der Protestantismus christlichen Wettbewerb dauerhaft installiert. Tatsächlich entspricht die „gegenreformatorische“ Antwort der „katholischen“ Kirche dem Verhalten jedes Ex-Monopolisten, der von einem Wettbewerber herausgefordert wird. Die Reformation war für den Katholizismus heilsam. Luther hat, paradox gesprochen, die Zukunft des Papsttums gesichert. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Der Anspruch auf absolute Wahrheit, den der Katholizismus bis heute erhebt, kann kaum lebendiger bleiben als durch einen protestantischen Wettbewerber, der allein durch seine Existenz diesen Anspruch falsifiziert - also ein „bleibender Stachel“ (Papst Benedikt XVI.) ist.

Wenn der Kardinal Koch an einer sanft gewordenen Ökumene das „postmoderne Ideal des Pluralismus“ (Zitat Radio Vatikan) geißelt, dann sind wir gerne bei ihm: Pluralismus, bequemer Liberalismus also, ist das Gegenteil von Wettbewerb, bei dem ernsthaft um Wahrheitsansprüche gerungen wird. Und wenn der Kardinal Koch den heiligen Franz von Assisi lobt, aber Martin Luther tadelt, weil der eine innerhalb der Kirche kritisiert habe, der andere aber sich außerhalb stellte, dann sollte er Albert O. Hirschmans Unterscheidung zwischen „Voice“ (Widerspruch) und „Exit“ (Abwanderung) noch einmal nachlesen (F.A.S. vom 16. Dezember). Abwanderung und Widerspruch sind Haltungen der menschlichen Freiheit, die den Fortschritt befördern und das Christentum retten. Freuen wir uns also auf 2017.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 22.12.2012, 19:58 Uhr

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