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Kirch-Prozess Für die Deutsche Bank kann es teuer werden

 ·  1,3 Milliarden Euro sind Leo Kirch einst entgangen, weil er die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 nicht an Walt Disney verkaufen konnte. Kirchs Erben fordern Schadenersatz von der Deutschen Bank.

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© Setzer, Claus Vergrößern Düstere Aussicht: Im Rechtsstreit mit Kirchs Erben droht der Deutschen Bank eine Niederlage.

Vielleicht hätte die hochverschuldete Kirch-Gruppe die Insolvenz noch abwenden können, damals in den Oster-Feiertagen des Jahres 2002. Groß waren die Chancen dazu nicht mehr, hatte doch schon die Bayerische Landesbank als einer der Hauptgläubiger den Konzern aufgefordert, einen Vor-Insolvenzberater einzuschalten. Aber immerhin gab es noch Verhandlungen mit dem amerikanischen Disney-Konzern, der Interesse an Kirchs Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 hatte. „Wir wussten, wir benötigen Geld und schnell veräußerbar war nur Pro Sieben Sat 1“, erzählt der Zeuge vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Es ist Dieter Hahn, fast zwei Jahrzehnte lang engster Vertrauter des inzwischen verstorbenen Filmrechtehändlers Leo Kirch. Ausführlich schildert er „den enormen Zeitdruck“, unter dem die dreitägigen Gespräche mit „einem hochkarätigen Team“ von Disney-Managern geführt wurden, wie man 2 Milliarden Euro gefordert und beinahe 1,3 Milliarden Euro bekommen hätte, wenn der damalige Disney-Chef Michael Eisner doch nur die Absichtserklärung unterschrieben hätte. Hahn verzichtet auch nicht auf den Hinweis, warum die Lage in Kirchs Medienimperium so prekär war: „Unser Zeitdruck war Disney bekannt, nach dem Breuer-Interview. Wir haben gar nicht erst versucht so zu tun, als hätten wir keine Probleme.“

Wenige Wochen zuvor hatte der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, Kirchs Kreditwürdigkeit öffentlich bezweifelt. Mit diesem einen Interview habe Breuer den Münchner Film- und Fernsehkonzern bewusst in die Enge getrieben, um einen lukrativen Auftrag bei der Sanierung des maroden Konzerns zu erhalten, behaupten Kirchs Erben und klagen in dem Zivilprozess auf rund 2 Milliarden Euro Schadensersatz.

Dem Vorsitzenden Richter Guido Kotschy geht es an diesem Verhandlungstag nur noch darum, die genaue Höhe des Schadens zu ermitteln. Dass er die Bank dem Grunde nach für schadenersatzpflichtig hält, hatte er in einem am Montag bekannt gewordenen Senatsbeschluss vom 3. September erkennen lassen (F.A.Z. vom 9. Oktober). Danach habe Breuers Interview Kirchs wirtschaftlichen Bewegungsraum im Kampf gegen die „bereits gegebene oder noch eintretende Insolvenz“ weiter eingeengt, urteilte der Senat. In einem Beschluss vom Freitag hält Kotschy einem Anwalt der Deutschen Bank sogar vor, sich in Widersprüche verstrickt zu haben.

Der Bank-Seite bleibt derweil rätselhaft, wie aus einem vor zehn Jahren gescheiterten Verkauf von 70 Millionen Aktien von Pro Sieben Sat 1 eine Schadenshöhe ermittelt werden kann. Kirch sei vorher schon pleite gewesen. Noch dazu, sagt einer der Anwälte in einer Verhandlungspause, seien Kirchs Aktien an der Sendergruppe verpfändet gewesen. Für die Deutsche Bank kann die Beweisaufnahme nicht abgeschlossen sein, ohne vorher Vertreter von Disney als Zeugen gehört zu haben. So aber müssen ihre Rechtsvertreter mit anhören, wie Hahn seine Sicht der Dinge schildert. Der 51 Jahre alte Kaufmann kam 1993 zu Kirchs Mediengruppe, erst als Geschäftsführer des Senders DSF, dann als Vizechef des Konzerns. Heute ist er Anteilseigner von KF 15, jener Gesellschaft in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15, die den Feldzug gegen die Deutsche Bank führt.

Hahn ist zutiefst überzeugt, dass der Kirch-Gruppe durch Breuers Verhalten schwerer Schaden zugefügt wurde. Schon eine Fusion der Kirch Media mit Pro Sieben Sat 1 sei Mitte Februar 2002, also wenige Tage nach Breuers Interview, nicht mehr in Frage gekommen. Die letzte Rettung wäre ein Deal mit Disney gewesen. „Am Donnerstag nach Ostern erhielten wir die Nachricht, dass Eisner seine Unterschrift nicht leisten wolle“, sagt Hahn. Am 8. April meldete Kirch Insolvenz an. Es war eine der größten Unternehmenspleiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und doch erwiesen sich einige Tochtergesellschaften des Konzerns später als rentabel, wie eben jene Sendergruppe Pro Sieben Sat 1. Sie wurde 2003 vom Insolvenzverwalter für 500 Millionen Euro an den Investor Haim Saban verkauft.

Richter Kotschy wird die Deutsche Bank wohl verurteilen. Im vergangenen Jahr hatte er vorgeschlagen, die Bank solle 775 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Auf Drängen von Breuers Nachfolger Josef Ackermann sollte es Mitte Februar zu einem Vergleich in ähnlicher Höhe kommen, doch konnten sich Ackermanns Vorstandskollegen dazu nicht durchringen. Viel Zeit bleibt der Deutschen Bank für ein neues Vergleichsangebot nicht mehr. Zum letzten Verhandlungstag am 16. November hat Kotschy aber vorsorglich den Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, und den Kirch-Geschäftsführer Hans Erl einbestellt.

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