Home
http://www.faz.net/-gqe-73khd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 12.10.2012, 17:06 Uhr

Kirch-Prozess Für die Deutsche Bank kann es teuer werden

1,3 Milliarden Euro sind Leo Kirch einst entgangen, weil er die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 nicht an Walt Disney verkaufen konnte. Kirchs Erben fordern Schadenersatz von der Deutschen Bank.

© Setzer, Claus Düstere Aussicht: Im Rechtsstreit mit Kirchs Erben droht der Deutschen Bank eine Niederlage.

Vielleicht hätte die hochverschuldete Kirch-Gruppe die Insolvenz noch abwenden können, damals in den Oster-Feiertagen des Jahres 2002. Groß waren die Chancen dazu nicht mehr, hatte doch schon die Bayerische Landesbank als einer der Hauptgläubiger den Konzern aufgefordert, einen Vor-Insolvenzberater einzuschalten. Aber immerhin gab es noch Verhandlungen mit dem amerikanischen Disney-Konzern, der Interesse an Kirchs Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 hatte. „Wir wussten, wir benötigen Geld und schnell veräußerbar war nur Pro Sieben Sat 1“, erzählt der Zeuge vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Henning Peitsmeier Folgen:

Es ist Dieter Hahn, fast zwei Jahrzehnte lang engster Vertrauter des inzwischen verstorbenen Filmrechtehändlers Leo Kirch. Ausführlich schildert er „den enormen Zeitdruck“, unter dem die dreitägigen Gespräche mit „einem hochkarätigen Team“ von Disney-Managern geführt wurden, wie man 2 Milliarden Euro gefordert und beinahe 1,3 Milliarden Euro bekommen hätte, wenn der damalige Disney-Chef Michael Eisner doch nur die Absichtserklärung unterschrieben hätte. Hahn verzichtet auch nicht auf den Hinweis, warum die Lage in Kirchs Medienimperium so prekär war: „Unser Zeitdruck war Disney bekannt, nach dem Breuer-Interview. Wir haben gar nicht erst versucht so zu tun, als hätten wir keine Probleme.“

Rueckschlag fuer Deutsche Bank im Kirch-Prozess © dapd Vergrößern Rolf Breuer

Wenige Wochen zuvor hatte der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, Kirchs Kreditwürdigkeit öffentlich bezweifelt. Mit diesem einen Interview habe Breuer den Münchner Film- und Fernsehkonzern bewusst in die Enge getrieben, um einen lukrativen Auftrag bei der Sanierung des maroden Konzerns zu erhalten, behaupten Kirchs Erben und klagen in dem Zivilprozess auf rund 2 Milliarden Euro Schadensersatz.

Dem Vorsitzenden Richter Guido Kotschy geht es an diesem Verhandlungstag nur noch darum, die genaue Höhe des Schadens zu ermitteln. Dass er die Bank dem Grunde nach für schadenersatzpflichtig hält, hatte er in einem am Montag bekannt gewordenen Senatsbeschluss vom 3. September erkennen lassen (F.A.Z. vom 9. Oktober). Danach habe Breuers Interview Kirchs wirtschaftlichen Bewegungsraum im Kampf gegen die „bereits gegebene oder noch eintretende Insolvenz“ weiter eingeengt, urteilte der Senat. In einem Beschluss vom Freitag hält Kotschy einem Anwalt der Deutschen Bank sogar vor, sich in Widersprüche verstrickt zu haben.

Mehr zum Thema

Der Bank-Seite bleibt derweil rätselhaft, wie aus einem vor zehn Jahren gescheiterten Verkauf von 70 Millionen Aktien von Pro Sieben Sat 1 eine Schadenshöhe ermittelt werden kann. Kirch sei vorher schon pleite gewesen. Noch dazu, sagt einer der Anwälte in einer Verhandlungspause, seien Kirchs Aktien an der Sendergruppe verpfändet gewesen. Für die Deutsche Bank kann die Beweisaufnahme nicht abgeschlossen sein, ohne vorher Vertreter von Disney als Zeugen gehört zu haben. So aber müssen ihre Rechtsvertreter mit anhören, wie Hahn seine Sicht der Dinge schildert. Der 51 Jahre alte Kaufmann kam 1993 zu Kirchs Mediengruppe, erst als Geschäftsführer des Senders DSF, dann als Vizechef des Konzerns. Heute ist er Anteilseigner von KF 15, jener Gesellschaft in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15, die den Feldzug gegen die Deutsche Bank führt.

Hahn ist zutiefst überzeugt, dass der Kirch-Gruppe durch Breuers Verhalten schwerer Schaden zugefügt wurde. Schon eine Fusion der Kirch Media mit Pro Sieben Sat 1 sei Mitte Februar 2002, also wenige Tage nach Breuers Interview, nicht mehr in Frage gekommen. Die letzte Rettung wäre ein Deal mit Disney gewesen. „Am Donnerstag nach Ostern erhielten wir die Nachricht, dass Eisner seine Unterschrift nicht leisten wolle“, sagt Hahn. Am 8. April meldete Kirch Insolvenz an. Es war eine der größten Unternehmenspleiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und doch erwiesen sich einige Tochtergesellschaften des Konzerns später als rentabel, wie eben jene Sendergruppe Pro Sieben Sat 1. Sie wurde 2003 vom Insolvenzverwalter für 500 Millionen Euro an den Investor Haim Saban verkauft.

Richter Kotschy wird die Deutsche Bank wohl verurteilen. Im vergangenen Jahr hatte er vorgeschlagen, die Bank solle 775 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Auf Drängen von Breuers Nachfolger Josef Ackermann sollte es Mitte Februar zu einem Vergleich in ähnlicher Höhe kommen, doch konnten sich Ackermanns Vorstandskollegen dazu nicht durchringen. Viel Zeit bleibt der Deutschen Bank für ein neues Vergleichsangebot nicht mehr. Zum letzten Verhandlungstag am 16. November hat Kotschy aber vorsorglich den Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, und den Kirch-Geschäftsführer Hans Erl einbestellt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Unterhaltungskonzern Star Wars beschert Disney einen Rekordgewinn

Disney landet an der Kinokasse einen Megahit nach dem anderen und verdient so viel Geld wie nie. Die Anleger an der Börse finden das nicht so gut. Mehr

10.02.2016, 05:11 Uhr | Wirtschaft
Western Union Umstrittenes Milliarden-Geschäft mit Flüchtlingen

Zehntausende Flüchtlinge bewegen sich derzeit quer durch Europa. Für Finanzdienstleister wie Western Union ein gewaltiger Markt. Der Konzern ist weltweit der größte Anbieter für Bargeldtransfer. Und um an Bargeld zu kommen bleibt gerade Flüchtlingen oft nichts anderes übrig als den Marktführer zu nutzen – und das zum Teil zu horrenden Gebühren. Mehr

10.02.2016, 18:01 Uhr | Wirtschaft
Studie Star Wars macht Disney zu stärksten Marke der Welt

Der Erfolg der Sternenkrieger strahlt auch auf Disney ab. Film und Merchandise füllen die Kassen und steigern den Markenwert. Doch an der Börse bleiben die Anleger skeptisch. Mehr

07.02.2016, 10:59 Uhr | Wirtschaft
Guter Geschmack Bio-Gewürze sind gefragt

Der gute Geschmack bringt der deutschen Gewürzbranche einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro 2014. Die Kundschaft – vom Lebensmittelhersteller bis zum Hobby-Koch – verbraucht etwa 70.000 Tonnen Gewürze im Jahr. Mehr

10.02.2016, 16:40 Uhr | Stil
Schlechte Bilanz Deutsche-Bank-Vorstände bekommen keine Boni

Der Rekordverlust der Deutschen Bank hat Konsequenzen für die Bezahlung des Top-Managements. Auch die Belegschaft muss sich auf spürbare Einschnitte bei den Boni einstellen. Mehr

28.01.2016, 12:14 Uhr | Wirtschaft

Kein Vertrauen in die Porsches und Piëchs

Von Carsten Knop

Im Strafverfahren gegen Wendelin Wiedeking und Holger Härter stehen die Zeichen wohl auf Freispruch. Doch Gerichtsurteile sagen nicht alles: Die Familien haben mit Porsche und VW ihren Ruf verzockt. Mehr 2 14


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Misstrauische Europäer

Vertrauen Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber, steigt die Arbeitsmoral. In China, Indien und Mittelamerika ist das Vertrauen hoch. In Europa und Ostasien sieht es anders aus. Mehr 0