Home
http://www.faz.net/-gqe-73khd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Risikoabsicherung

Kirch-Prozess Für die Deutsche Bank kann es teuer werden

1,3 Milliarden Euro sind Leo Kirch einst entgangen, weil er die Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 nicht an Walt Disney verkaufen konnte. Kirchs Erben fordern Schadenersatz von der Deutschen Bank.

© Setzer, Claus Vergrößern Düstere Aussicht: Im Rechtsstreit mit Kirchs Erben droht der Deutschen Bank eine Niederlage.

Vielleicht hätte die hochverschuldete Kirch-Gruppe die Insolvenz noch abwenden können, damals in den Oster-Feiertagen des Jahres 2002. Groß waren die Chancen dazu nicht mehr, hatte doch schon die Bayerische Landesbank als einer der Hauptgläubiger den Konzern aufgefordert, einen Vor-Insolvenzberater einzuschalten. Aber immerhin gab es noch Verhandlungen mit dem amerikanischen Disney-Konzern, der Interesse an Kirchs Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 hatte. „Wir wussten, wir benötigen Geld und schnell veräußerbar war nur Pro Sieben Sat 1“, erzählt der Zeuge vor dem Münchner Oberlandesgericht.

Henning Peitsmeier Folgen:

Es ist Dieter Hahn, fast zwei Jahrzehnte lang engster Vertrauter des inzwischen verstorbenen Filmrechtehändlers Leo Kirch. Ausführlich schildert er „den enormen Zeitdruck“, unter dem die dreitägigen Gespräche mit „einem hochkarätigen Team“ von Disney-Managern geführt wurden, wie man 2 Milliarden Euro gefordert und beinahe 1,3 Milliarden Euro bekommen hätte, wenn der damalige Disney-Chef Michael Eisner doch nur die Absichtserklärung unterschrieben hätte. Hahn verzichtet auch nicht auf den Hinweis, warum die Lage in Kirchs Medienimperium so prekär war: „Unser Zeitdruck war Disney bekannt, nach dem Breuer-Interview. Wir haben gar nicht erst versucht so zu tun, als hätten wir keine Probleme.“

Rueckschlag fuer Deutsche Bank im Kirch-Prozess © dapd Vergrößern Rolf Breuer

Wenige Wochen zuvor hatte der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, Kirchs Kreditwürdigkeit öffentlich bezweifelt. Mit diesem einen Interview habe Breuer den Münchner Film- und Fernsehkonzern bewusst in die Enge getrieben, um einen lukrativen Auftrag bei der Sanierung des maroden Konzerns zu erhalten, behaupten Kirchs Erben und klagen in dem Zivilprozess auf rund 2 Milliarden Euro Schadensersatz.

Dem Vorsitzenden Richter Guido Kotschy geht es an diesem Verhandlungstag nur noch darum, die genaue Höhe des Schadens zu ermitteln. Dass er die Bank dem Grunde nach für schadenersatzpflichtig hält, hatte er in einem am Montag bekannt gewordenen Senatsbeschluss vom 3. September erkennen lassen (F.A.Z. vom 9. Oktober). Danach habe Breuers Interview Kirchs wirtschaftlichen Bewegungsraum im Kampf gegen die „bereits gegebene oder noch eintretende Insolvenz“ weiter eingeengt, urteilte der Senat. In einem Beschluss vom Freitag hält Kotschy einem Anwalt der Deutschen Bank sogar vor, sich in Widersprüche verstrickt zu haben.

Mehr zum Thema

Der Bank-Seite bleibt derweil rätselhaft, wie aus einem vor zehn Jahren gescheiterten Verkauf von 70 Millionen Aktien von Pro Sieben Sat 1 eine Schadenshöhe ermittelt werden kann. Kirch sei vorher schon pleite gewesen. Noch dazu, sagt einer der Anwälte in einer Verhandlungspause, seien Kirchs Aktien an der Sendergruppe verpfändet gewesen. Für die Deutsche Bank kann die Beweisaufnahme nicht abgeschlossen sein, ohne vorher Vertreter von Disney als Zeugen gehört zu haben. So aber müssen ihre Rechtsvertreter mit anhören, wie Hahn seine Sicht der Dinge schildert. Der 51 Jahre alte Kaufmann kam 1993 zu Kirchs Mediengruppe, erst als Geschäftsführer des Senders DSF, dann als Vizechef des Konzerns. Heute ist er Anteilseigner von KF 15, jener Gesellschaft in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15, die den Feldzug gegen die Deutsche Bank führt.

Hahn ist zutiefst überzeugt, dass der Kirch-Gruppe durch Breuers Verhalten schwerer Schaden zugefügt wurde. Schon eine Fusion der Kirch Media mit Pro Sieben Sat 1 sei Mitte Februar 2002, also wenige Tage nach Breuers Interview, nicht mehr in Frage gekommen. Die letzte Rettung wäre ein Deal mit Disney gewesen. „Am Donnerstag nach Ostern erhielten wir die Nachricht, dass Eisner seine Unterschrift nicht leisten wolle“, sagt Hahn. Am 8. April meldete Kirch Insolvenz an. Es war eine der größten Unternehmenspleiten in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und doch erwiesen sich einige Tochtergesellschaften des Konzerns später als rentabel, wie eben jene Sendergruppe Pro Sieben Sat 1. Sie wurde 2003 vom Insolvenzverwalter für 500 Millionen Euro an den Investor Haim Saban verkauft.

Richter Kotschy wird die Deutsche Bank wohl verurteilen. Im vergangenen Jahr hatte er vorgeschlagen, die Bank solle 775 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Auf Drängen von Breuers Nachfolger Josef Ackermann sollte es Mitte Februar zu einem Vergleich in ähnlicher Höhe kommen, doch konnten sich Ackermanns Vorstandskollegen dazu nicht durchringen. Viel Zeit bleibt der Deutschen Bank für ein neues Vergleichsangebot nicht mehr. Zum letzten Verhandlungstag am 16. November hat Kotschy aber vorsorglich den Co-Chef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, und den Kirch-Geschäftsführer Hans Erl einbestellt.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor Hauptversammlung Deutsche Bank verliert ihren Privatkundenchef

Bei der Deutschen Bank geht ein wichtiger Topmanager von Bord: Privatkundenvorstand Rainer Neske will das Institut verlassen. Monatelang hatte er zuvor mit Ko-Bankchef Anshu Jain um die Strategie des Geldhauses gerungen. Mehr Von Gerald Braunberger und Joachim Jahn

18.05.2015, 21:47 Uhr | Wirtschaft
Ölkatastrophen Shell zahlt Schadenersatz an Nigeria

Der Shell-Konzern zahlt umgerechnet 70 Millionen Euro Schadenersatz für zwei Ölkatastrophen in Nigeria. 2008 waren 16 Millionen Liter Rohöl aus einer maroden Pipeline ausgetreten. Mehr

07.01.2015, 10:15 Uhr | Wirtschaft
Deutsche-Banker vor Gericht Fitschen: Habe zu keinem Zeitpunkt gelogen

Im Strafprozess gegen Manager der Deutschen Bank musste der heutige Ko-Chef der Bank bisher meist schweigen. Am Montag hatten er und die anderen Angeklagten das Wort. Mehr Von Joachim Jahn, München

18.05.2015, 17:36 Uhr | Wirtschaft
Quiz Kennen Sie Volkswagen?

Volkswagen ist eine Klasse für sich: 600 000 Mitarbeiter, 200 Milliarden Euro Umsatz, 13 Milliarden Gewinn – und Spitzengagen für den Chef. Was wissen Sie über Deutschlands wichtigsten Konzern? Ein Quiz, nicht nur für Leute mit Benzin im Blut. Mehr Von Georg Meck

28.03.2015, 11:52 Uhr | Wirtschaft
Mittelstandsanleihen-Ticker MS Deutschland wird doch kein ägyptisches Wohnschiff

Die MS Deutschland ist mit unbekannter Verwendungsabsicht in die Hände amerikanischer Betreiber übergegangen. Großaktionär Unister will Travel24-Aufsichtsratschef Kirchhof absetzen. Mehr

19.05.2015, 12:19 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.10.2012, 17:06 Uhr

Auf Verdacht bloßgestellt

Von Maximilian Weingartner

Die Schweiz hat Namen ausländischer Bankkunden ins Internet gestellt, für die sich deren heimische Finanzbehörden interessieren. Das wird zurecht scharf kritisiert. Manche Kritiker spielen sich jetzt aber scheinheilig als Beschützer der Bürgerrechte auf. Mehr 2 2


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden

Grafik des Tages Teurere Flughäfen sind gar nichts

Der neue Hauptstadtflughafen und die Elbphilharmonie erhitzen die Gemüter, weil ihr Bau teurer wurde und länger dauerte als gedacht. Bauprojekte insgesamt schneiden in einem bitteren Vergleich jedoch nicht schlecht ab. Mehr 1