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Kirch-Insolvenz „Erschossen hat mich der Rolf“

 ·  Im Februar 2002 gibt der damalige Chef der Deutschen Bank in New York ein Interview, das Leo Kirch in den Ruin begleitet. Der Filmmogul überzieht Rolf Breuer und die Bank fortan mit Prozessen. Es ist auch ein Lehrstück für Lehrlinge.

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Das durfte Leo Kirch nicht mehr erleben: Die Deutsche Bank wird ganz offensichtlich einem Vergleich in dem jahrelangen Rechtsstreit zustimmen, den der frühere Filmmogul gegen das Frankfurter Finanzinstitut geführt hat. Sie wird dafür rund 800 Millionen Euro zahlen. Kirch aber ist im Juli vergangenen Jahres gestorben. Und seine Lebensgeschichte, die damals noch einmal überall erzählt und niedergeschrieben worden ist, hatte am Ende vor allem mit der Deutschen Bank zu tun.

Ideen, aber kein Geld

Diese Auseinandersetzung um den geschäftlichen Niedergang überlagerte völlig die Erfolgsgeschichte: wie der Sohn eines fränkischen Spenglers Filmrechtehändler wurde, mit der Sirius-Film GmbH seine erste Firma gründete, einen Filmstock von bis zu 12.000 Titeln aufbaute, Material für mindestens 50.000 Sendestunden. Kirchs letzter großer öffentlicher Auftritt fand folgerichtig vor Gericht statt. Damals räumt er freimütig ein: "Das Problem mit der Geldbeschaffung war im Prinzip immer dasselbe." Kirch hatte Ideen, aber kein Geld. Vor Gericht sagt er aus, mit seinem "guten Freund Alfred Herrhausen" eine Absprache getroffen zu haben, wonach sich die Deutsche Bank aus dem Kirch-Konzern heraushalten werde. Herrhausens Nachfolger seien diesem Ansinnen nachgekommen - bis auf einen eben.

Gemeint ist Rolf Breuer, der einstige Chef der Deutschen Bank, der an jenem Tag auf der Anklagebank saß, keine zwei Meter von Kirchs Rollstuhl entfernt. Breuer wurde von Kirch für den Untergang seines Konzerns verantwortlich gemacht. "Erschossen hat mich der Rolf", hatte Kirch schon Jahre zuvor gesagt. Insgesamt zehn Jahre haben sich die Bank, Kirch und seine Vertreter deshalb vor Gericht gestritten. Die Rede ist von insgesamt mehr als drei Dutzend Verfahren. Allein die Kosten hierfür werden auf einen niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag geschätzt.

Die Altlasten sollen weg

Nach Kirchs Tod hat die Familie den Kampf gegen das Geldhaus fortgesetzt. Vor Gericht haben beide Parteien immer wieder Siege errungen und Niederlagen eingesteckt. Vor einem Jahr schlug der zuständige Richter Guido Kotschy schließlich eine Vergleichssumme von 775 Millionen Euro vor, worauf die Bank damals noch nicht einging. Jetzt aber steht der Breuer-Nachfolger Josef Ackermann vor dem Ende seiner Karriere in dem Institut, was auf Drängen der künftigen Führungsriege zu Gesprächsbereitschaft geführt hat. Die Altlasten sollen weg - und Breuer hat nun die Gewissheit, das mit Abstand teuerste Interview in der Geschichte der Deutschen Bank geführt zu haben.

Denn begonnen hatte die im Verlauf sehr unübersichtliche Auseinandersetzung im Februar 2002 in New York. Damals stellte Breuer in jenem inzwischen berühmt gewordenen Interview mit Bloomberg TV höchst öffentlich und ganz und gar nicht im Gleichklang mit den Gepflogenheiten des Bankgeheimnisses die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe in Frage.

„Relativ fraglich“

Hier die entscheidende Stelle des Interviews: "Kirch hat sehr, sehr viele Schulden, sehr hohe Schulden. Wie exponiert ist die Deutsche Bank?" Darauf Breuer: "Relativ komfortabel, würde ich mal sagen, denn - das ist bekannt und da begehe ich keine Indiskretion, wenn ich das erzähle - der Kredit, den wir haben, ist zahlenmäßig nicht einer der größten, sondern relativ im mittleren Bereich und voll gesichert durch ein Pfandrecht auf Kirchs Aktien am Springer-Verlag. Uns kann also eigentlich nichts passieren, wir fühlen uns gut abgesichert. Es ist nie schön, wenn ein Schuldner in Schwierigkeiten kommt, und ich hoffe, das ist nicht der Fall. Aber wenn das so käme, wir bräuchten keine Sorgen zu haben."

Darauf die Nachfrage: "Die Frage ist ja, ob man ihm hilft, weiterzumachen." Und Breuer gibt die problematische Antwort: "Das halte ich für relativ fraglich. Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen. Es können also nur Dritte sein, die sich gegebenenfalls für eine, wie Sie gesagt haben, Stützung interessieren."

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