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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Kernenergie für Italien Unterstützung für Atomstrom aus unerwarteter Richtung

 ·  Aus dieser Richtung war eigentlich keine Unterstützung zu erwarten: In Italien bekennen sich der ehemals oberste Naturschützer und der bekannteste Krebsforscher zur Kernenergie. Die Atomkraftgegner sind wenig begeistert.

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Während in Deutschland immer noch über den mehr oder weniger schnellen Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Atomkraft gestritten wird, hat in Italien die Diskussion über die Wiedereinführung begonnen. Bis 2013 wollte die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi eigentlich in Italien mit dem Neubau des ersten von 8 bis 10 neuen Kernkraftwerken beginnen. Allerdings ist der Minister, der diese Pläne einst verkündet hatte, wegen eines Skandals beim privaten Wohnungskauf zurückgetreten und die Regierung insgesamt in Bedrängnis. Dennoch versuchte gerade der Staatssekretär im Industrieministerium, Stefano Saglia, die Kernenergiepläne tapfer zu verteidigen. Bis zum Oktober könne die italienische Regierung die Rechtsgrundlage für die Konzession zum Bau von neuen Atomkraftwerken vergeben. Dazu gehört auch die Einrichtung einer neuen Atomaufsichtsbehörde. Großer Streit wird allerdings erst erwartet, wenn es danach um Standortfragen geht.

Die Pläne für die Rückkehr zur Kernenergie haben indessen unerwartete Unterstützung aus zwei Lagern erhalten, die in Deutschland klar zu den Atomkraftgegnern gerechnet werden. Kandidat für das Amt des Präsidenten ist ausgerechnet Italien bekanntester Krebsforscher Umberto Veronesi, der in Mailand ein Forschungsinstitut und eine Stiftung gegründet hat und heute noch vielen Schwerkranken als letzte Hoffnung gilt. Veronesi war von 2000 bis 2001 Gesundheitsminister und wurde 2008 auf der Liste der oppositionellen Demokratischen Partei in den italienischen Senat gewählt. Inzwischen 84 Jahre alt, sucht er immer noch aktiv Zeichen zu setzen mit Spendenaktionen und in der Gesundheitspolitik.

Zudem hat er öffentlich sein Interesse für das Präsidentenamt der künftigen Atomaufsichtsbehörde bekundet. Dies hat er verbunden mit einem klaren Bekenntnis zur Kernenergie: Er beschäftige sich ein Leben lang mit Gesundheitsrisiken und Vorbeugung, schrieb Veronesi in einem Brief an den „Corriere della Sera“. Seine Unterstützung für die Kernenergie habe als Grund eine Entscheidung „für das Wohl des Landes“, bekräftigt Veronesi. „Als Energiequelle ist die Kernenergie am wenigsten giftig für den Menschen: Die Risiken, die mit ihrer Nutzung verbunden sind, hängen alleine zusammen mit der Gefahr eines Unfalls in einem Kernkraftwerk, und dessen Wahrscheinlichkeit wird auf der Welt heute nahe Null gesehen“. Kernkraft sei eine brauchbare Alternative zum Öl, „das in hohem Maß Verschmutzungen hervorruft, den Grund für blutige Konflikte darstellt und Katastrophen für Umwelt und Gesundheit verursacht, wie wir gerade in Amerika mit BP erlebt haben.“

Im Oppositionslager ist man wenig begeistert

Die Fraktionskollegen im Oppositionslager sind zum Teil wenig begeistert über die Einstellung von Veronesi, können aber nicht umhin, ihn mit Respekt zu behandeln. Kritischen, manchmal sogar aggressiven Stimmen sieht sich dagegen der zweite große Abtrünnige aus dem Lager der Atomkraftgegner gegenüber, der 58 Jahre alte Norditaliener Chicco Testa, der seine Berufskarriere als Generalsekretär und dann als Vorsitzender der Lega Ambiente, dem italienischen Gegenstück des Bund Naturschutz, begonnen hat. Chicco Testa war später Präsident des Stromversorgers Enel und kümmerte sich dort um den Ausbau der Stromerzeugung aus alternativen Energiequellen.

Nun stellt sich Testa aus Gründen des Klimaschutzes hinter den Ausbau der Kernenergie und wurde gerade Vorsitzender des neugegründeten italienischen Atomforums. Testa erinnert daran, dass die Entscheidung der Italiener gegen die Kernkraft im Jahr 1987 emotionell beeinflusst war, weil die Volksabstimmung gerade in die Zeit kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl fiel. International sei zwar in den vergangenen Jahren die Zahl der Kernkraftwerke gewachsen, doch nicht so schnell wie die Energieproduktion mit Kohle und Gas, obwohl damit Treibhauseffekte verbunden sind und andere Formen von Umweltverschmutzung.

„Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind diese Effekte jedes Jahr für eine Million Todesfälle verantwortlich, aber interessiert sich jemand dafür?“ heißt es im letzten öffentlichen Bekenntnis von Testa zur Atomenergie. Dabei wird auch auf Amerikas Präsident Barack Obama verwiesen, der die Einsparung an Treibhausgasen durch ein einziges neues Kernkraftwerk gleichsetzt mit der Verringerung des Fahrzeugparks um 3,5 Millionen Autos.

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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

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