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Katja Kipping im Gespräch „40.000 Euro im Monat sind genug“

Die Linken-Chefin Katja Kipping will hohe Gehälter zu hundert Prozent besteuern, jedem ein auskömmliches Grundeinkommen garantieren und die Bionade-Bohème verführen.

© dapd Vergrößern 40.000 monatlich, und keinen Cent mehr: Katja Kipping will Spitzeneinkommen deckeln

Frau Kipping, haben Sie in der Euro-Krise eigentlich Angst um Ihr Geld?

Angst ist nicht das richtige Wort. Sagen wir es so: Ich war schon immer ein Fan des soliden Festzins-Sparens.

Dass das Geld weg sein kann, weil die Währung zusammenbricht oder die Inflation galoppiert – das treibt Sie gar nicht um?

Im Moment treibt mich mehr um, was in Ländern wie Griechenland geschieht. Wenn zum Beispiel Zuckerkranke kein Insulin mehr bekommen oder wenn eine schwangere Frau nur noch gegen Vorkasse in den Kreißsaal kommt.

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Wie wichtig ist denn überhaupt das Geld im Leben?

Das ist die klassische Frage nach ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Wenn Sie schon so grundsätzlich fragen: Marx’ historischen Materialismus muss man ins Verhältnis setzen zu Gramscis kultureller Hegemonie.

Und was heißt das in der Praxis?

Glücksforscher sind sich einig, dass ein wachsendes Einkommen ab einem bestimmten Level nicht mehr zu wachsender Lebenszufriedenheit führt. Unterhalb dieser Grenze schon. Ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe muss deshalb garantiert werden.

Deshalb befürworten Sie, gegen Widerstand in der eigenen Partei, ein staatliches Grundeinkommen für alle. Dürfen Sie das überhaupt noch fordern, seit Sie Vorsitzende sind?

Na klar. Unsere Beschlusslage besagt, dass wir das Thema weiter kontrovers diskutieren. Es ist kein Geheimnis, dass ich eher für die Pro-Argumente zuständig bin, mein Ko-Vorsitzender für die Gegenposition.

Warum stößt die Idee in Ihrer Partei auf so großen Widerstand?

Insbesondere die Gewerkschafter haben Angst, dass es die Kampfeskraft der Beschäftigten schwächt. Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Gerade durch Hartz IV ist die Bereitschaft gestiegen, schlechte Löhne und ungesunde Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen. Mit dem Grundeinkommen können wir diese Logik umkehren.

Ist es nicht eine alte Idee des Sozialismus, dass sich jeder durch Arbeit nützlich machen soll – statt auf der faulen Haut zu liegen wie ein Bourgeois?

Zum Sozialismus gehören ganz unterschiedliche Traditionen, auch anarchistische oder utopische. Der Streit geht doch heute um die Frage, in welcher Form ich mich sinnstiftend einbringen kann. In unserer Gesellschaft wird niemand dafür sanktioniert, dass er keine Kinder großzieht oder sich nicht politisch engagiert. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, wie er sich in die Gesellschaft einbringt.

Heute steht die Arbeit nicht mehr im Zentrum?

Es kommt darauf an, welche Art von Arbeit Sie meinen. Für mich gibt es vier gleichberechtigte Bereiche, in den der Mensch tätig ist. Neben der Erwerbsarbeit sind das Familie und Fürsorge, politisches Engagement – und die Arbeit an sich selbst, ob es nun Weiterbildung ist oder Muße.

Schön und gut. Aber wenn jeder sein Auskommen hat, wer macht dann noch die unangenehmen Arbeiten – und sortiert zum Beispiel unseren Müll?

Das ist ein gutes Beispiel. Diese Arbeit kann man heute vollständig automatisieren. Es gibt nur einen einzigen Grund, sie manuell zu erledigen – weil es aufgrund von Dumpinglöhnen billiger ist.

In der Altenpflege werden Sie mit Automaten nicht weit kommen.

Deshalb muss man dort für bessere Gehälter sorgen, aber auch für kürzere Arbeitszeiten. Wenn man sich vier bis sechs Stunden pro Tag um alte Menschen kümmert, kann das sehr sinnstiftend sein. Wenn man es zehn oder zwölf Stunden lang tun muss, sieht es anders aus. Heute fühlt sich die Hälfte der Beschäftigten auf der Arbeit gehetzt oder gestresst, bei Frauen sogar mehr. Andere finden keinen Job. Deshalb müssen wir die vorhandene Erwerbsarbeit besser verteilen.

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