Frau Kipping, haben Sie in der Euro-Krise eigentlich Angst um Ihr Geld?
Angst ist nicht das richtige Wort. Sagen wir es so: Ich war schon immer ein Fan des soliden Festzins-Sparens.
Dass das Geld weg sein kann, weil die Währung zusammenbricht oder die Inflation galoppiert – das treibt Sie gar nicht um?
Im Moment treibt mich mehr um, was in Ländern wie Griechenland geschieht. Wenn zum Beispiel Zuckerkranke kein Insulin mehr bekommen oder wenn eine schwangere Frau nur noch gegen Vorkasse in den Kreißsaal kommt.
Wie wichtig ist denn überhaupt das Geld im Leben?
Das ist die klassische Frage nach ökonomischer Basis und ideologischem Überbau. Wenn Sie schon so grundsätzlich fragen: Marx’ historischen Materialismus muss man ins Verhältnis setzen zu Gramscis kultureller Hegemonie.
Und was heißt das in der Praxis?
Glücksforscher sind sich einig, dass ein wachsendes Einkommen ab einem bestimmten Level nicht mehr zu wachsender Lebenszufriedenheit führt. Unterhalb dieser Grenze schon. Ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe muss deshalb garantiert werden.
Deshalb befürworten Sie, gegen Widerstand in der eigenen Partei, ein staatliches Grundeinkommen für alle. Dürfen Sie das überhaupt noch fordern, seit Sie Vorsitzende sind?
Na klar. Unsere Beschlusslage besagt, dass wir das Thema weiter kontrovers diskutieren. Es ist kein Geheimnis, dass ich eher für die Pro-Argumente zuständig bin, mein Ko-Vorsitzender für die Gegenposition.
Warum stößt die Idee in Ihrer Partei auf so großen Widerstand?
Insbesondere die Gewerkschafter haben Angst, dass es die Kampfeskraft der Beschäftigten schwächt. Das glaube ich nicht, im Gegenteil. Gerade durch Hartz IV ist die Bereitschaft gestiegen, schlechte Löhne und ungesunde Arbeitsbedingungen in Kauf zu nehmen. Mit dem Grundeinkommen können wir diese Logik umkehren.
Ist es nicht eine alte Idee des Sozialismus, dass sich jeder durch Arbeit nützlich machen soll – statt auf der faulen Haut zu liegen wie ein Bourgeois?
Zum Sozialismus gehören ganz unterschiedliche Traditionen, auch anarchistische oder utopische. Der Streit geht doch heute um die Frage, in welcher Form ich mich sinnstiftend einbringen kann. In unserer Gesellschaft wird niemand dafür sanktioniert, dass er keine Kinder großzieht oder sich nicht politisch engagiert. Letztlich muss jeder selbst entscheiden, wie er sich in die Gesellschaft einbringt.
Heute steht die Arbeit nicht mehr im Zentrum?
Es kommt darauf an, welche Art von Arbeit Sie meinen. Für mich gibt es vier gleichberechtigte Bereiche, in den der Mensch tätig ist. Neben der Erwerbsarbeit sind das Familie und Fürsorge, politisches Engagement – und die Arbeit an sich selbst, ob es nun Weiterbildung ist oder Muße.
Schön und gut. Aber wenn jeder sein Auskommen hat, wer macht dann noch die unangenehmen Arbeiten – und sortiert zum Beispiel unseren Müll?
Das ist ein gutes Beispiel. Diese Arbeit kann man heute vollständig automatisieren. Es gibt nur einen einzigen Grund, sie manuell zu erledigen – weil es aufgrund von Dumpinglöhnen billiger ist.
In der Altenpflege werden Sie mit Automaten nicht weit kommen.
Deshalb muss man dort für bessere Gehälter sorgen, aber auch für kürzere Arbeitszeiten. Wenn man sich vier bis sechs Stunden pro Tag um alte Menschen kümmert, kann das sehr sinnstiftend sein. Wenn man es zehn oder zwölf Stunden lang tun muss, sieht es anders aus. Heute fühlt sich die Hälfte der Beschäftigten auf der Arbeit gehetzt oder gestresst, bei Frauen sogar mehr. Andere finden keinen Job. Deshalb müssen wir die vorhandene Erwerbsarbeit besser verteilen.
Das klingt nach den Debatten aus den achtziger Jahren, als man vom Ende der Arbeitsgesellschaft sprach. Heute reden wir von demographischem Wandel, globaler Konkurrenz und Fachkräftemangel.
Man sieht, wohin diese Konkurrenzkultur führt. Wir haben eine extreme Zunahme stressbedingter Krankheiten. Das ist nicht nur für die Betroffenen ein Problem, sondern auch für die Volkswirtschaft.
Ihre Stellvertreterin Sahra Wagenknecht wirbt für eine Rückkehr in die schöne heile Welt von Ludwig Erhards Sozialer Marktwirtschaft, in die Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre.
Ich bin mit Sahra Wagenknecht sicher nicht in allen Details einer Meinung, aber hier muss ich sie in Schutz nehmen: So hat sie das nicht formuliert. Natürlich möchte sie nicht in die Zeit von Ludwig Erhard zurück, ich auch nicht und die Linke schon gar nicht. Die Idee, dass die Ehefrau allenfalls ein bisschen Geld hinzuverdient, entspricht nicht meinem Bild einer gleichberechtigten Partnerschaft.
Haben Sie nicht bei dem einen oder anderen Ihrer westdeutschen Parteifreunde den Eindruck, er will zurück in die Zeit vor 1989?
Jeder und jede erinnert sich gern an die eigene Jugend. Das finde ich nicht verwerflich. Das wird mir mit fünfzig wohl genauso ergehen. Ich glaube aber nicht, dass das ein politisches Programm ist.
Lange Zeit haben Sie in einer Wohngemeinschaft gelebt, in Berlin-Kreuzberg und in Dresden in der Nähe des Szeneviertels Neustadt. Das klingt eher nach grünem Milieu als nach Linkspartei. Wie kamen Sie zur PDS?
Ich habe mir beide Parteien angeschaut. Damals, zur Zeit des Kosovo-Kriegs, gab der klare antimilitaristische Kurs PDS den Ausschlag. Heute bin ich froh, dass ich mich so entschieden habe. Als ich am vorigen Mittwoch zu den Gesprächen über den Fiskalpakt bei Frau Merkel saß, konnte ich beobachten, wie flexibel die Grünen da agierten.
Und trotzdem sagen Sie: Die Linke muss sich mehr ums urbane Milieu kümmern, um Latte Macchiato und Bionade-Biedermeier?
Die Linke braucht eine Doppelstrategie. Einerseits den Linkspopulismus. Nicht in dem Sinne, dass man Ressentiments bedient. Sondern als zugespitzte Ansprache der Armen und Entrechteten, aber auch der durchschnittlichen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegen „die da oben“. Andererseits müssen wir das kreativ-alternative Milieu ansprechen.
Dieses Milieu denkt doch eher postmaterialistisch?
Am Ende des Tages muss sich auch der Künstler seine Spaghetti kaufen können. Selbst wenn er sagt, der BMW und die Villa im Grunewald sind mir schnuppe, braucht er eine materielle Basis.
Sie sagten einmal, niemand müsse mehr als 40.000 Euro im Monat verdienen. Ist das ein praktisches politisches Ziel?
Ja, es gibt da gute Vorbilder. Der französische Linkskandidat Mélenchon hat für Jahreseinkommen von mehr als 360.000 Euro einen Steuersatz von 100 Prozent gefordert. Er war damit sehr erfolgreich. Ich sage: ab 40.000 Euro im Monat gibt es kein Mehr an Lebensgenuss. Wenn es dann noch Einkommenszuwächse gibt, fließen sie in die Beeinflussung von politischen Entscheidungen durch Bestechung – oder in zerstörerische Finanzspekulationen.
Also 100 Prozent Reichensteuer auch bei uns?
Das ist keine Neiddebatte, sondern eine demokratietheoretische Frage. Es muss ein Mindestmaß an Sicherheit für alle geben. Wir sagen: Mindestsicherung und Mindestrente von 1050 Euro. Aber kein Mensch braucht mehr als das Vierzigfache des Mindesteinkommens. Alles was darüber liegt, kann man getrost mit 100 Prozent besteuern.
Sind Sie gegen Luxus?
Das ist nicht die Frage. Für mich entscheidet sich das Linkssein nicht daran, ob jemand einen großzügigen Lebensstil hat. Entscheidend ist: Zahlt er oder sie genügend Steuern, um auch anderen ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen?
kindisch
martin fehlig (master25b)
- 20.06.2012, 08:34 Uhr
Der Schuss geht nach hinten los
Florian Grögler (Flomalchio)
- 19.06.2012, 23:28 Uhr
Jetzt geht es mit der "LINKEN" bergauf ??
Klaus Hundertmark (KlausHundertmark)
- 19.06.2012, 16:17 Uhr
Recht hat sie. Wir hätten keine Euro-Krise , ....
bernd ullrich (demokrat2)
- 19.06.2012, 16:10 Uhr
wer
Phillip Stolze (philze)
- 19.06.2012, 13:12 Uhr