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Karstadt-Quelle Ausverkauf in Essen

29.09.2004 ·  Bei Karstadt-Quelle bleibt nichts, wie es war. Am Ende der Roßkur wird Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern auf ein signifikant kleineres Format gestutzt sein. Aber nur auf dieser neuen Basis kann überhaupt an Aufbau und Zukunft gedacht werden - FAZ.NET-Spezial.

Von Brigitte Koch
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Der Essener Karstadt-Quelle-Konzern steht am Scheideweg. Wollen die beiden neuen Hoffnungsträger, Christoph Achenbach als Vorstandsvorsitzender und Thomas Middelhoff als Chefaufseher, noch die Wende schaffen, sind bis tief ins Mark gehende Einschnitte nötig, und das schnell.

Die Opfer werden bei allen Beteiligten groß sein, von den um ihren Arbeitsplatz bangenden Mitarbeitern über das Management, die stillhaltenden Banken bis hin zu den Aktionären, die zu einer Kapitalerhöhung aufgefordert, aber in den nächsten beiden Jahren dividendenlos bleiben werden. Am Ende der Roßkur wird Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern auf ein signifikant kleineres Format gestutzt sein. Aber nur auf dieser neuen Basis kann überhaupt an Aufbau und Zukunft gedacht werden.

Die falschen Weichen gestellt

Ein Rückblick in die Historie zeigt, daß der Essener Konzern in der Vergangenheit an vielen Stellen die falschen Weichen gestellt und zuwenig Investitionen in wirklich zukunftsweisende Kanäle gelenkt hat. Es begann mit Neckermann, einem Sanierungsfall, wie sich schnell herausstellte. Mit der späteren Fusion mit dem damals Branchendritten Hertie handelte sich der Vorstand mit einem Sammelsurium an heterogenen Standorten den nächsten Problemfall ein.

Schließlich hat sich das für die Reiseaktivitäten mit der Lufthansa gegründete Gemeinschaftsunternehmen im Reiseboom zu teuren Akquisitionen hinreißen lassen. Sodann folgte die Fusion mit der Fürther Quelle-Gruppe, mit der der damalige Vorstandschef Walter Deuss nicht nur die Aktionärsstruktur, sondern auch seine eigene Position stabilisieren wollte. Die deutsche Einzelhandelskonjunktur war zu diesem Zeitpunkt längst gekippt, überzeugende Synergieeffekte stellten sich nie ein.

Beliebige Einkaufstour

Damit nicht genug. Die Einkaufstour ging unter dem im Sommer geschaßten Nachfolger Wolfgang Urban beliebig weiter. Neben spießigen, nicht einmal die Kapitalkosten verdienenden Textilfilialisten à la Sinn Leffers oder Wehmeyer kamen exotische Beteiligungen wie die an Fitness-Studios, am Sportsender DSF oder an der Kaffeehaus-Kette Starbucks hinzu. Während sich andere Handelskonzerne längst wieder auf ihre eigentlichen Stärken besonnen haben, hat sich das Karstadt-Quelle-Management weiter verzettelt und die knappen Mittel nach dem Gießkannenprinzip verteilt.

Der Konzern leidet heute auf der ganzen Linie unter der schwachen deutschen Einzelhandelskonjunktur, der hierzulande ausgeprägten Konsumunlust und Schnäppchenmentalität. Denn im Rahmen der Expansionsstrategien wurde überdies sträflich versäumt, frühzeitig ein tragfähiges Geschäftsmodell aufzubauen, das sich zur Internationalisierung eignet und heute einen gewissen Ausgleich bringen könnte. All diese strategischen Fehler rächen sich. Im gesamten Beteiligungsportfolio bringen heute einzig die Spezialversender und der Auslandsversand befriedigende Ergebnisse. Doch deren Gewicht ist zu gering.

Der vermeintliche Marktführer

Auch im Heimatland, wo der Handelskonzern als vermeintlicher Marktführer im Warenhausgeschäft mit geballter Marketingkraft auftreten müßte, gibt der Karstadt-Quelle-Konzern bisher ein im Quervergleich erschreckend schlechtes Bild ab. Während sich die Handelskrise bis September in der Gesamtbranche in einem Umsatzrückgang von etwas mehr als einem Prozent spiegelt, quält sich der im Umsatzgefüge stark textillastige Konzern im selben Zeitraum mit einem Minus von über sechs Prozent.

Zugegeben: Mit seinen Fachgeschäften und Innenstadtwarenhäusern leidet Karstadt-Quelle unter dem Zug der Kunden zu den Discountern und Fachmärkten auf die grüne Wiese und der vielfach nachlassenden Attraktivität der Innenstädte. Doch warum gelingt es den zum Metro-Konzern gehörenden Kaufhof-Filialen, ihre Umsatzverluste in engeren Grenzen zu halten? Warum schaffen es Händler wie Zara oder H & M, auch in diesen Zeiten kaufbegeisterte Kunden in die Innenstadtläden zu holen? Offensichtlich ist das Filialnetz der Karstädter, dessen Facetten bisher vom Weltstadthaus Kadewe in Berlin bis zum 1000-Quadratmeter-Haus in Niebüll reichen, profilloser, sind Sortimente und Präsentation ideenloser und verstaubter als bei der Konkurrenz. Dem Konzern fehlt es mittlerweile klar an Einzelhandelsexpertise.

Versprechungen nicht eingelöst

Karstadt-Quelle-Aktionären sind in den vergangenen Jahren vielfach vollmundige Versprechungen gemacht worden. Eingelöst wurden sie nicht. Im Verschmelzungsbericht von Karstadt-Quelle wurden Ergebnisziele aus dem Märchenreich genannt. Das von Urban im Jahr 2000 angestoßene "10-Punkte-Wertsteigerungsprogramm", das unter anderem eine Vervierfachung der Zielrendite im Warenhausgeschäft bis 2003 versprach, läßt sich rückblickend nur noch als unverfroren bezeichnen. Tatsächlich entwickelt sich das operative Geschäft seit Jahren negativ. Während die Umsätze weiter erodiert sind, blieb das Kostengerüst trotz der vielen Sparprogramme zu groß. Unterdessen haben die (niedrige) Eigenkapitalquote und die (hohe) Verschuldung bedrohliche Ausmaße angenommen. Nur dank außerordentlicher Erträge konnten zuletzt unter dem Strich noch nennenswerte Ergebnisse gezeigt werden.

Die Schuld am Niedergang des einst stolzen Handelskonzerns einzig den glücklosen Vorgängern an der Unternehmensspitze in die Schuhe zu schieben wäre zu billig. Der Großteil des amtierenden Vorstands hat alle Entscheidungen mitgetroffen. Der Aufsichtsrat, darunter die Vertreter der Hauptaktionäre Schickedanz und Allianz/Dresdner Bank, haben die Strategien abgenickt und der Wertevernichtung zugeschaut. Um so mehr müssen sie jetzt mit ganzer Kraft beweisen, daß sie zum völligen Neuanfang fähig sind. Dieses Mal muß geliefert werden, was angekündigt wird. Sonst könnte das meist im Anonymen bleibende Insolvenzgeschehen mit in diesem Jahr rund 4000 Handelspleiten bald ein prominentes Gesicht erhalten.

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Jahrgang 1955, Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

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