10.06.2009 · „Das Warenhaus lebt“ heißt es auf Postern der Karstadt-Mitarbeiter. Oder ist das Geschäftmodell Warenhaus am Ende? Wenn Karstadt stirbt, ist das ein schwerer Schlag für die Innenstädte.
Von Brigitte KochOhne Karstadt stirbt die Innenstadt, ist seit Tagen auf den Plakaten zu lesen, die die Mitarbeiter des insolventen Warenhaus-Unternehmens bei ihren Demonstrationen den Fotografen entgegenhalten. „Karstadt ist ein Stück Deutschland“ heißt es auf anderen Spruchbändern, die die vielen von jahrelangem Missmanagement getroffenen Verkäuferinnen und Verkäufer nun einrollen müssen. Schon seit dem Wochenende sind in vielen großen Innenstadtfilialen die Schaufenster mit Packpapier verklebt. So sieht es aus, wenn das Aus kommt, sollte diese Aktion schon einmal einen Vorgeschmack auf eine weitere Verödung der Innenstädte liefern. Nun ist nach langem aussichtslosen Ringen das Aus für diese mehr als 120 Jahre alte Traditionsmarke da.
„Das Warenhaus lebt“ heißt es auf weiteren Postern der Karstadt-Mitarbeiter. Tut es das wirklich? Oder markiert die Karstadt-Insolvenz zugleich das Ende für das Geschäftmodell Warenhaus? Wenn es weiter (über)lebt, dann sicherlich mit deutlich geringeren Kapazitäten und besseren Konzepten, an deren Blaupausen wohl noch gearbeitet werden muss. Andernfalls wird sein Marktanteil irgendwann gegen null tendieren. Denn waren es in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts noch stolze 15 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes, die in den Kassen der Kaufhausfilialen landeten, sind es heute noch etwa drei Prozent. Nicht von ungefähr ist in den letzten fünfzehn Jahren ein traditioneller Warenhausname nach dem anderen untergegangen. Und von dem einst starken Quartett Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten bleibt jetzt wohl nur noch eine Deutsche Warenhaus AG unter Federführung des Kaufhofs.
Schnieke Liftboys noch in jeder Etage
In Wirtschaftswunderzeiten, als schnieke Liftboys noch in jeder Etage die Sortimente ausriefen und die Bistros noch Erfrischungsraum hießen, lockten die alten Konsumtempel ganze Familien zum Einkaufserlebnis. Doch der seinerzeit vom Kaufhof geprägte Leitspruch „Alles unter einem Dach“ zieht schon lange nicht mehr. Viele Kunden nehmen das Erscheinungsbild der Durchschnittskaufhäuser heute eher als ein „alles und nichts“ mit einem diffusen Warenangebot und wenig profilierten Sortimenten wahr. Andere Handelsformate erscheinen aus Sicht junger preisbewusster Familien oder eines stets nach neuen Trends suchenden Publikums attraktiver. Gewinner sind dabei die Vertikalen wie Zara oder Hennes & Mauritz oder auch das deutsche Modeunternehmen Gerry Weber. Sie kontrollieren den gesamten Prozess vom Design über die Produktion bis hin zur Ladentheke. Sie sind flexibler und erfahren schneller als Stabsstellen in einer Warenhauszentrale, was der Kunde vor Ort will. Damit können sie ständig neue Themen vor allem für die junge Klientel bieten, die die Klamottenabteilungen der Warenhäuser nicht mehr übermäßig cool und sexy findet. Zu den Gewinnern zählen aber auch die Discounter wie Kik oder die Aldi-Gruppe, die längst zu den größten Textilhändlern Deutschlands gehört. Und wer Haushalts- und Unterhaltungselektronik sucht, geht lieber gleich in den tief und breit sortierten Fachmarkt, als das Bügeleisen oder den CD-Player irgendwo im vierten Stockwerk hinter Spielzeug und Bettwaren zu suchen.
In puncto Einkaufserlebnis, Ambiente und Freizeitgestaltung haben zudem so manche innerstädtische Einkaufszentren den alten Magneten der Innenstädte den Rang abgelaufen. Vorausgesetzt, sie sind professionell gemanagt, interpretieren sie das alte Thema „unter einem Dach“ neu. Nicht zuletzt das Internet ist zur bequemen Einkaufsquelle geworden. Je selbstverständlicher der Umgang mit dem heimischen Computer auch für die älteren Generationen wird, desto schneller und stärker gewinnt der Online-Handel an Marktanteile.
Letzte Chance für das vermeintliche Auslaufmodell
Die von Metro angestoßene Warenhausallianz könnte eine letzte Chance für das vermeintliche Auslaufmodell Warenhaus sein. Zumindest beseitigt sie mit der Schließung von einigen Dutzend unrentablen Häusern die Überkapazitäten. Viel mehr als die Kapitalkosten verdient Kaufhof zwar nicht, aber vielleicht schafft das Unternehmen mit seinen offenbar besseren Konzepten auch in den auf der Übernahmeliste stehenden Häusern die Wende. Das Problem Karstadt ist nämlich nicht nur ein Problem des Handelsformates. Jahrelanges Missmanagement hat das Unternehmen in den Ruin getrieben. Ein ständig wechselndes Management übte sich im strategischen Hü und Hott. Viel Geld wurde in defizitären Edelkaufhäusern verbrannt, während das Gros der Filialen ausblutete.
Wenn Karstadt stirbt, ist das in der Tat ein weiterer schwerer Schlag für die Innenstädte. Doch auch Vermieter und Stadtväter sollten sich bei aller Larmoyanz an die eigenen Nasen fassen. Wer sich selbst in schwierigen Zeiten zu unflexibel zeigt, darf anschließend nicht über Leerstände und kahle Immobilien klagen. Und wer es versäumt, für ausreichend günstigen Parkraum und einen attraktiven Nahverkehr zu sorgen, und stattdessen Einkaufszentren auf der grünen Wiese fördert, Innenstädte verlottern lässt und Fußgängerzonen vor allem am Abend zu Tode beruhigt, darf sich auch nicht wundern.
auf den punkt
johann hermann (aufgeklaerter)
- 10.06.2009, 11:17 Uhr
@Haehnlein
Rene Meyer (matrix1329)
- 10.06.2009, 12:42 Uhr
Die Innenstädte veröden?
Christian Becker (cjb-78)
- 10.06.2009, 13:19 Uhr
Liebe Frau Koch,
Jürgen Kühner (J-M-K)
- 10.06.2009, 13:57 Uhr
Käse zum Whine?
Markus Kralle (Kajetanus)
- 10.06.2009, 14:01 Uhr
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