05.06.2010 · Ein Jahr nach der Insolvenz gibt es drei Interessenten für Karstadt - ein Hoffnungsschimmer für den Konzern. Auch bei Kaufhof geht der Verkaufsprozess in die heiße Phase. Nicht nur deshalb ist zu überlegen, ob beide Prozesse nicht synchronisiert werden können. Eine gemeinsame Lösung für beide Unternehmen wäre nicht das Schlechteste.
Von Brigitte KochWer hätte das für möglich gehalten? Am Ende streiten sich gleich mehrere Interessenten um das marode Kaufhausunternehmen Karstadt. Mutiert der Handelskonzern plötzlich vom Ladenhüter zum attraktiven Sonderangebot? Immerhin liegen drei detaillierte bindende Kaufgebote vor. Noch gilt es sehr kritische offene Fragen zwischen dem Gläubigerausschuss und den einzelnen Bietern zu klären. Stichwörter dazu sind Mietnachlässe und Lohnzugeständnisse. Sollte sich bis Montag aus dem Interessentenkreis aber tatsächlich ein Käufer herausschälen, mit dem es dann umgehend zum Notar ginge, wäre Karstadt zum Jahrestag der Insolvenz gerettet, vorerst zumindest. Und bis dahin bleiben noch einige Tage Zitterpartie.
Alle drei Bieter, der deutsch-skandinavische Finanzinvestor Triton ebenso wie der Privatinvestor Nicolas Berggruen und das Vermieterkonsortium Highstreet, haben mit ihren Geboten eines zum Ausdruck gebracht: Trotz aller Zugeständnisse, die der Insolvenzverwalter den Karstadt-Mitarbeitern und den Vermietern Highstreet oder den Oppenheim-Esch-Fonds abgerungen hat, arbeitet der seit Jahren angeschlagene Warenhauskonzern offenbar noch immer nicht auf einem wettbewerbsfähigen Kostenniveau. Denn es soll entweder an der einen oder an der anderen Stellschraube nochmals kräftig nachjustiert werden.
Doch was hieße es, wenn es einem der Investoren gelänge, seine Forderungen durchzusetzen? Zwar würde die Gewinnschwelle weiter abgesenkt, was dem Unternehmen gewisse Luft zum Atmen verschaffte. Über die Kosten allein ist die verstaubte Handelsgruppe aber noch immer nicht zu retten. Karstadt braucht eine Menge frisches Geld. Karstadt braucht endlich eine Strategie, die das operative Geschäft weiterbringt. Und Karstadt braucht eine Wachstumsgeschichte, die die Urteile widerlegt, das Warenhaus sei ein Auslaufmodell.
Wenig Debatten über den „Kunden“
Übermäßig befriedigende Antworten hierzu sind aus den Verhandlungskreisen bisher noch nicht nach außen gedrungen. Das magische Wort „Kunde“ beispielsweise war im bisherigen Bieterwettbewerb allenfalls schwach zu vernehmen. Mögen sich Verkäuferinnen oder Vermieter künftig flexibler zeigen als bisher. Dadurch kommt noch kein zusätzlicher Käufer in die Läden, um großzügig das Portemonnaie zu zücken. Gegenüber seinem Hauptwettbewerber Kaufhof hatte Karstadt bis zur Insolvenz einen klaren Kostennachteil vor allem hinsichtlich der Mieten. Denn unter der Ägide Middelhoffs wurde das Gros des Immobilienbesitzes an die Highstreet-Fonds verkauft - und mit Blick auf einen ordentlichen Kaufpreismultiplikator - zu einem hohen Mietzins zurückgemietet. Doch während sich in Essen die Manager die Klinken in die Hand gegeben, ständig neue Ideen entwickelt, sich an zahlreichen Nebenschauplätzen aufgehalten und dabei viel Zeit verloren haben, sind die Kölner derweil auch strategisch deutlich weitergekommen. So hat die Metro-Tochtergesellschaft beispielsweise eine Fülle margenschwacher Sortimente und Geschäftsfelder aufgegeben, sogenannte B- und C-Marken aus den Regalen verbannt, die Lieferantenzahl halbiert und die Systeme optimiert.
Soll Karstadt auf Dauer überleben, müssen die künftigen Hausherren also Argumente liefern, warum die Kunden nicht bei der direkten Konkurrenz oder den vielen bestens aufgestellten internationalen Spezialisten kaufen sollen. Skepsis ist angebracht. Von den drei Bietern hat niemand Erfahrungen im deutschen Einzelhandel, schon gar nicht im schwierigen deutschen Warenhausgeschäft. Was die erforderliche Einzelhandelsexpertise anbelangt, ist bei Triton bisher noch kein Partner genannt. Bei diesem Konzept ist unter anderem von der Ausgliederung defizitärer Bereiche in Partnerschaft mit Dritten die Rede, was darauf hinauslaufen könnte, dass der Investor in den Häusern verstärkt die Rolle des Hoteliers, also des Vermieters von Flächen übernimmt.
Gemeinsame Lösung für beide Unternehmen?
Berggruen hat den Designer und Mode-Ketten-Betreiber Max Azria als Partner im Boot. Aber bringt ein hierzulande weitgehend unbekannter Spezialist für ziemlich flippige Mode einen kompletten Kaufhaus-Konzern in Schwung? Das Highstreet-Konsortium mit Goldman Sachs als Mehrheitspartner tritt mit Maurizio Borletti an. Dessen Familie hat immerhin Erfahrungen mit Edelkaufhäusern wie Printemps oder La Rinascente. Dazu nur so viel: Deutschland hat im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien traditionell keine ausgeprägte Edelkaufhauskultur. Hierzulande sprechen Warenhäuser eher die bürgerliche Mitte an. In Berlin mag das Karstadt-Flaggschiff Kadewe dank der vielen Touristen gut laufen, beim Oberpollinger in München ist dies schon nicht mehr der Fall. Zudem hat Karstadt 120 Filialen, an deren Erhalt die Bieter angeblich festhalten wollen. Niemand wird ernsthaft annehmen, quer über Deutschland auch in weniger attraktiven Einkaufsstädten eine Kette von Nobelhäusern betreiben zu können.
Auch bei Kaufhof geht der laufende Verkaufsprozess jetzt in die heiße Phase. Bleibt die große Frage, ob beide Prozesse nicht doch noch in irgendeiner Form synchronisiert werden können. Eine gemeinsame Lösung wäre für beide Unternehmen wohl nicht die schlechteste.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,64 | +1,30% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2517 | −0,19% |
| Rohöl Brent Crude | 107,59 $ | +0,31% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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