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Karrieresprung Zwischen allen Stühlen

30.01.2009 ·  Gerade jetzt in der Krise gewinnen die Betriebsräte wieder an Bedeutung - sei es, weil sie beim Senken der Personalkosten mitreden dürfen oder sei es, weil sie selbst unkündbar sind. Doch lohnt sich der „Karriereweg Betriebsrat“ unterm Strich?

Von Herta Paulus
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Von wegen Auslaufmodell. Die Arbeit der Betriebsräte steht wieder hoch im Kurs, wie die gestiegene Wahlbeteiligung bei den letzten Betriebsratswahlen in 2006 zeigt. Lag diese in 1998 bei 74,9 Prozent, betrug sie zuletzt - wohl auch aufgrund der zunehmenden Angst um den eigenen Arbeitsplatz - knapp 81 Prozent.

Selbst bei Autoren der Generation Neon werden Stimmen laut, ob man sich nicht besser mal schlau machen sollte, „was der Chef verlangen darf und was nicht“ und vielleicht mal einen Termin vereinbaren bei „diesem gemütlichen Typen vom Betriebsrat, den man bisher nur kannte, weil er sich gegen das Glutamat im Kantinenessen auflehnte.“

Job mit kritischer Aura

Die Aufforderung, selbst anzutreten bei den Betriebsratswahlen, die turnusgemäß im nächsten Jahr wieder anstehen, bleibt freilich aus. Trotz aller Sympathie überwiegt die Distanz. Wer will schon „gemütlich“ sein, noch dazu, wo gängige Betriebsrats-Klischees noch ganz andere Töne anschlagen. Der „dicke, faule, Zigarrenraucher am Schreibtisch“ gehört in dieses Repertoire ebenso wie der Bremser und Blockierer, der in jeder Suppe ein Haar findet oder der korrupte Nassauer, der sich ungeniert auf Arbeitgeberkosten fortbildet, bevorzugt auf Luxusjachten oder in Nobelskiorten, mit Schampus, Shrimps und Kaviar. Motivierend klingt das alles nicht.

Auch die unterschiedlichen Loyalitätsforderungen von Belegschaft, Management und Gewerkschaften haben ihre Tücken und Widersprüche. Wer beim Vorstand ein und aus geht, gerät schnell in die Schusslinie der Kollegen und selbst wenn das alte Feindbild des Klassenkämpfers nur noch selten bemüht wird, der freigestellte Betriebsrat offiziell gar als „Co-Manager“ fungiert, „sind die Vorurteile auf Seiten des Managements doch relativ recht groß“, weiß Arbeitsforscher Erhard Tietel von der Akademie für Arbeit und Politik an der Universität Bremen. „Die kritische Aura kriegt der Betriebsrat ganz schwer los.“ In einem Bewerbungsschreiben würde er die Tätigkeit als Betriebsrat denn auch schlichtweg nicht anführen: „Ich glaube nicht, dass Betriebsrat gewesen zu sein, eine Karriereempfehlung ist.“

Karrierebremse oder Chance?

Darauf eine einfache Antwort zu finden, fällt auch Peer Müller* schwer, der seinen wirklichen Namen lieber nicht genannt wissen will. In seinem Fall hat er geklappt, der Aufstieg vom Laboranten zum Betriebsratsvorsitzenden einer großen Konsumgüterkonzern-Tochter. Seit sieben Jahren übt er dieses Amt aus, hat natürlich seine „Wünsche und Vorstellungen“ darüber, wie es bei ihm weitergehen soll. Doch Wahl ist Wahl und auch ein guter Job noch lange keine Garantie für eine weitere Amtszeit oder den erhofften Karriereschritt. „Man darf diesen Job nicht mit der Idee anfangen, darauf eine Karriere aufzubauen. Als Betriebsrat muss man immer damit rechnen und sich damit wohl fühlen können, dass man wieder auf seinen alten Job landet,“ sagt Müller.

Für das Gros seiner Betriebsratkollegen trifft dies sowieso zu. Das Privileg Freistellung genießen die wenigsten, rund 80 Prozent arbeiten „normal“ in ihrem eigentlichen Job weiter. Zwar gilt für sie der Grundsatz, dass die Betriebsratsarbeit vorgeht und sie in begründeten Fällen ihre Arbeit ruhen lassen können, in der Praxis kann dies aber schlicht und einfach Mehrarbeit bei demselben Gehalt bedeuten. Der formal einzige Lohn für ihr zusätzliches Engagement ist der Kündigungsschutz, den sie bis ein Jahr nach Ablauf ihrer vierjährigen Amtszeit genießen, was in den derzeit rauen Zeiten durchaus ein gewichtiger Aspekt sein kann, wie Tietel feststellt. „Je bedrohter der eigene Arbeitsplatz desto mehr ist das wieder eine Motivation sich zu bewerben. Hier sollte man aber die Mitarbeiter nicht unterschätzen. Meist wissen sie schon, wer es aus Engagement macht und bei wem Selbstzweck im Vordergrund steht.“

Ein Platz zwischen allen Stühlen

Relativ neu ist der Typ des Teilzeit-Betriebsrats, eine Lösung, für die sich vor allem hoch qualifizierte Angestellte entscheiden, um auch beruflich weiter am Ball zu bleiben. Müller ist hier jedoch skeptisch. „Zwei Herren gleichzeitig zu dienen, geht schwer. Hier muss man aufpassen, dass tatsächlich genügend Freiräume vorhanden sind und nicht angefangen wird, zu sanktionieren und schlechte Stimmung zu machen“, meint er. Denn auf große Unterstützung kann gerade innerhalb von Angestelltenbelegschaften nicht gezählt werden.

Undank ist der Welten Lohn heißt ein Sprichwort, und dieses Lied singen auch die von Tietel im Rahmen eines Forschungsprojekts über das subjektive Erleben ihrer Rolle befragten Betriebsräte zuhauf. „Du kannst machen, was du willst, du bist immer der Dumme“, sagte etwa ein Arbeitnehmervertreter im Interview. Eine positive Rückmeldung ist eher selten, im Angestelltenbereich dominiert Desinteresse, so das generelle Fazit. „Ab und an hat man schon den Gedanken, dass der Job auf der anderen Seite einfacher wäre. Als Personaler ist die Linie klar, wenn zehn Prozent der Belegschaft entlassen werden soll. Als Betriebsrat sitzt man zwischen allen Stühlen,“ verdeutlicht Müller.

Hohe Gehälter sind die Ausnahme

Und das nicht nur emotional. Auch in punkto Bezahlung gilt für den freigestellten Betriebsrat: Nicht Fisch nicht Fleisch. Laut Betriebsverfassungsgesetz übt er sein Amt als Ehrenamt aus, darf beim Gehalt nicht schlechter aber auch nicht besser gestellt werden als vergleichbare Arbeitnehmer mit betriebsüblicher beruflicher Entwicklung.

Von den Spitzengehältern, die in regelmäßigen Abständen durch die Medien geistern, ist das Gros der Betriebsräte denn auch weit entfernt. So verdienten von den 53 Betriebsratsmitgliedern des Chemiekonzerns BASF, der Ende 2007 als erstes Dax-Unternehmen die Vergütungen des Betriebsrats anonymisiert offen legte, knapp die Hälfte zwischen 40.000 und 60.000 Euro im Jahr, knapp zwanzig erhielten zwischen 60.000 und 80.000 Euro und eine halbes Dutzend 100.000 bis 150.000 Euro. „Wenn man sieht, wie sich die Arbeitszeiten, die Kompetenzanforderungen und die Verantwortlichkeiten ändern, ist es natürlich ein Managementjob und unterbezahlt. Aber die Diskussion wird nicht geführt, weil damit alle als geldgierig eingestuft werden“, sagt Müller.

Was kommt danach?

Kaum geführt wird auch die Diskussion: Wie geht es weiter nach der Betriebsratstätigkeit, nach vierjähriger oder noch längerer Freistellung? „Wenn jemand eine Weile Betriebsratsvorsitzender war und damit oft auch mächtiger als der Vorgesetzte in seinem Job, kehrt der nicht mehr zurück, sondern sucht sich einen adäquaten Folgejob,“ sagt Tietel. Ob die Suche erfolgreich ist, hängt jedoch nicht zuletzt von der Unternehmensgröße ab. „In einem mittelständischen Unternehmen kann es schwierig sein, freigestellte Betriebsräte, die etwas anderes machen wollen, wieder zu integrieren,“ sagt Siegfried Baumeister, Personalleiter beim Automobilzulieferer Voss.

Anders in großen Industriebetrieben. Hier fand sich bislang immer eine Lösung, sei es die „große Karriere“ in strategische Spitzenpositionen oder die Variante der „angemessenen Unterbringung“, wie Herrmann Kotthoff, Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt in seiner Studie „Aufstiegsqualifizierung für Betriebsräte“ feststellt. Bislang, so Kotthof, „gab es kaum eine andere Gruppe von Arbeitnehmern, deren berufliche Entwicklungsrisiken so gut abgesichert waren wie die der Betriebsratsmitglieder in industriellen Großbetrieben mit gefestigten gewerkschaftlichen Strukturen.“ In Dienstleistungsunternehmen, wo eine zeitlich begrenzte Betriebsratstätigkeit für wachsende Teile der hoch Qualifizierten attraktiv sei, stelle sich die Situation jedoch anders dar. „Hier ist die Konkurrenz unter ehemaligen Freigestellten um gute Positionen größer geworden.“

Der Schritt vom Betriebsrat ins Management mag schwieriger werden, lohnend ist die Erfahrung allemal, meint Müller. „Es ist ein Job, bei dem man Einfluss nehmen und etwas für Menschen tun kann.“ Vorausgesetzt die Unternehmenskultur stimmt. Finger weg, wenn das Klima zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat gestört ist, lautet sein Rat für Interessenten. „Wenn das destruktiv ist, ist das nur schwer zu ertragen.“

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: FAZ.NET
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