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Karrieresprung Zu gut fürs Altenteil

13.08.2004 ·  Jahrelang einen Top-Job geleistet und dann bleibt nur der Kleingarten? Alternativ dazu bieten gemeinnützige Organisationen Projekteinsätze als Senior Experte in kleinen und mittleren Unternehmen.

Von Birgit Obermeier
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Peter Michael Lange war schon ein Jahr im Ruhestand, als er noch mal seinen Laborkittel anzog. Sechs Wochen lang unterstützte der promovierte Chemiker eine mittelständische Firma in der chinesischen Provinz Henang bei der Herstellung von Ionenaustauschern. Unter erschwerten Bedingungen: Die für die Experimente notwendigen Geräte ließen sich nicht abdichten, der einzige Abzug funktionierte nicht und der Laborleiter sabotierte so manche Anweisung. Mit viel Improvisationstalent gelang es Lange und seinem Team vor Ort schließlich, die benötigten stabilen Perlpolimerisaten zu erzeugen. „Das sind Lebenserfahrungen, die man sonst nirgends macht“, resümiert der langjährige Bayer-Mitarbeiter.

Organisiert hat den Einsatz der Senior Experten Service (SES), eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Bonn. Seit 1983 hat sie über 13.000 pensionierte Fach- und Führungskräfte projektweise an kleine und mittelständische Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen vermittelt, vorwiegend in Schwellen- und Entwicklungsländer sowie nach Osteuropa. Dort qualifizieren sie im Sinne der Wirtschaftsförderung lokale Mitarbeiter oder helfen bei der Erschließung von Märkten. Träger der Organisation sind die Industrie- und Handwerksverbände BDA, BDI, DIHK und ZDH.

Top-Job für ein Taschengeld

In der Datenbank des SES sind gegenwärtig knapp 6.300 Experten sämtlicher Branchen gelistet. Als Voraussetzung gelten aktuelles Fachwissen, Fremdsprachenkenntnisse und Auslandserfahrung. In der Praxis gefragt sind häufig sehr spezifische Qualifikationen - etwa für die Herstellung von geschmiedeten Messing-Kugelhähnen oder zur Vermittlung von Lebensmittelrichtlinien und Hygienestandards. Um einen Experten bewerben kann sich grundsätzlich jedes Unternehmen, die Bereiche Rüstung, Hightech und Highchem ausgeschlossen. Der Auftraggeber übernimmt die Kosten für Unterkunft, Transport und Verpflegung sowie eine Projektgebühr von 3.200 Euro für einen bis zu dreimonatigen Einsatz. Die Senior Experten selbst erhalten nur ein Taschengeld.

Für Lange liegt der Reiz seines ehrenamtlichen Engagements insbesondere darin, fremde Länder, Kulturen und Arbeitsweisen kennen zu lernen. Aber auch in der Möglichkeit, seine vielfältigen Erfahrungen als Chemiker weiter zu geben: „Man wird sich dadurch erst bewußt, wie viel man im Laufe seines Lebens gelernt hat. Das ist ein befriedigendes Gefühl.“ Im September bricht er zu seinem dritten Einsatz auf, wieder geht es nach China.

Hilfe zur Selbsthilfe

Während viele Unternehmen noch dem Jugendkult frönen und ältere Mitarbeiter in den Vorruhestand komplimentieren, beschwören Politiker das wirtschaftliche Potential des Alters. Die Alterspyramide wird im Zuge der demographischen Entwicklung schon bald kippen, die Lebenserwartung liegt heute bereits bei 81 Jahren für Frauen und 75 Jahren bei Männern. „Das ist ein Geschenk, das die Menschen nutzen wollen“, sagt Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und fordert ein neues, sachgerechtes Bild über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten für ältere Menschen.

Die Möglichkeiten werden genutzt: 2003 vermittelte der SES mit 1.174 Einsätzen so viele Experten wie in keinem Jahr zuvor. Nun will er seine Aktivitäten in Deutschland ausweiten. Projekt- oder auch tageweise können sich kleine und mittelständische Unternehmen für rund 150 Euro pro Tag einen Profi mit Silberschläfen ins Haus holen. In Konkurrenz zu klassischen Unternehmensberatern trete man damit nicht, sagt SES-Projektleiterin Judith Böhm: „Unsere Experten machen keine Konzepte, sie leisten Hilfe zur Selbsthilfe.“

Das Spezialdruck-Unternehmen Schreiner Coburg hat gleich zwei Senior Experten geheuert. Sie sollen helfen, dem schnell gewachsenen Betrieb eine computergestützte Organisation und professionelle Vertriebsstrukturen zu verpassen. Über ein Jahr arbeiten die ehemaligen Siemens- und Dupont-Manager vor Ort mit. Geschäftsführer Udo Wahl beschreibt sie als äußerst kompetent und „wohltuend unaufgeregt“. Wenngleich es auch manchmal hart zur Sache ginge: „Wir bewegen uns vom hemdsärmeligen Betrieb zu industriellen Strukturen, das ist nicht immer leicht.“

Erfahrung ist gefragt

Erfahrene Coaches vermitteln auch eine Reihe regionaler Vereinigungen, die bundesweit unter dem Dach „Die Wirtschaftssenioren“ auftreten. Dort haben sich Unternehmer und Führungskräfte im Ruhestand zusammengeschlossen, um insbesondere Existenzgründer und Jungunternehmer ehrenamtlich bei Aufbau und Sicherung ihres Betriebs zu unterstützen.

Senioren, die ihr Know-how lieber für das Gemeinwesen einsetzen, können sich über das Bundes-Modellprogramm „Erfahrungswissen für Initiativen“ (EFI) zum Senior-Trainer ausbilden lassen, um anschließend gemeinwohlorientierte Projekte aufzubauen oder zu leiten. Zu tun gibt es also auch im Alter genug.

Weiterführende Links:

www.ses-bonn.de

www.diewirtschaftssenioren.de/

www.seniortrainer.de

Quelle: @rwi
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