15.08.2008 · Mit einem neuen Gesetzentwurf will die Regierung Arbeitszeitkonten attraktiver machen. Doch wie funktionieren solche Regelungen überhaupt? Warum sind sie zuweilen unbeliebt? Was sagen die Mitarbeiter? Martin Dieckmann hat sich in einem Unternehmen und bei Fachleuten umgehört.
Von Martin DieckmannEinmal schon hat sich Matthias Brunschede eine siebenwöchige Auszeit vom Job genommen. Urlaubstage und Jahresurlaub staute der Informatiker an, bis er sich seinen Traum von einer Australienreise erfüllen konnte. Bei seiner Reiseplanung war Brunschede allerdings auf die Gnade seines Vorgesetzten angewiesen. Der hätte ihm durchaus seine Zustimmung zu einem so langen Urlaub verweigern können.
Wenn Brunschede das nächste Mal über den üblichen Jahresurlaub hinaus seinem Unternehmen, der Software Design & Management AG (SD & M) mit Hauptsitz in München, fern bleiben will, ist das anders: „Mit Einführung des Zeitwertkontos muss ich die Auszeit zwar auch mit meinem Vorgesetzten absprechen, aber ich habe grundsätzlich einen Anspruch darauf.“ Denn inzwischen hat SD & M das so genannte Zeitwertkonto eingeführt. Mit ihm können Mitarbeiter über den gesetzlich vorgeschriebenen Mindesturlaub hinaus gehende Auszeiten, Sabbatjahre, eine Frühverrentung oder Teilzeitphasen zusammensparen.
Regierung will Konten mit Neuregelung attraktiver machen
Bisher sind solche Modelle vor allem in größeren Konzernen üblich. Bei kleineren deutschen Unternehmen verbreitet sich das Konzept eher langsam. Die Bundesregierung reagiert nun und hat Mitte dieser Woche einen neuen Gesetzentwurf verabschiedet, der das Abschließen von Arbeitszeitkonten attraktiver machen soll. Das Regelwerk mit dem sperrigen Namen „Gesetz zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Absicherung flexibler Arbeitszeitregelungen“ soll Arbeitnehmer davor schützen, angesammelte Arbeitsstunden im Fall einer Unternehmensinsolvenz zu verlieren. Außerdem soll die Mitnahme der Konten bei einem Wechsel des Arbeitgebers leichter werden (siehe dazu auch: Regierung will Arbeitszeitkonten vor Pleiten schützen).
Dass Arbeitszeitkonten noch relativ selten sind und - wo es sie gibt - längst nicht immer genutzt werden, hat aber auch psychologische Gründe. Nach Einschätzung der Sozialwissenschaftlerin Barbara Siemers liegt die Zurückhaltung der Arbeitnehmer auch daran, dass die Zeitwertkonten nicht immer Teil der Unternehmenskultur sind: „Es gibt Unsicherheiten. Zum Beispiel: Wie kommt das bei den Kollegen an?“ Wo Freigestellte als Weichlinge gälten, nähme kaum jemand ein Modell wie das Zeitwertkonto in Anspruch.
Wer heute schon flexible Arbeitszeitmodelle praktiziert, verfolgt meist das Ziel, die Zufriedenheit der Arbeitnehmer zu erhöhen und Ausbrennen und Frustration vorzubeugen. Wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass Arbeitszeitkonten tatsächlich die gewünschten Effekte bringen: „Sabbaticals als ein zeitlich befristeter Ausstieg aus der Erwerbsarbeit versprechen besondere Chancen, aus engen Zeitkorsetts auszubrechen und den Traum vom Zeitwohlstand wahr zu machen,“ heißt es in einer im Jahr 2005 veröffentlichten Untersuchung von Sozialwissenschaftlerin Siemers. Sie hat 100 Sabbatjahr-Erfahrene befragt. Ihre Interviews deuten darauf hin, dass sich durch die Einführung von Arbeitszeitkonten das Betriebsklima verbessert.
Arbeitszeitkonten sollen Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen
Bei SD & M haben Personaler und Betriebsrat gemeinsam mit externen Beratern das Zeitwertkonto gestaltet. „Am Anfang stand die Diskussion: Was können wir an attraktiven Lohnnebenleistungen anbieten?“ erinnert sich Personalleiter Christoph Reuther an den Beginn des Projekts vor knapp zwei Jahren. „Es ist sehr, sehr wichtig, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.“
Als Beratungsunternehmen ist SD & M auf hoch qualifizierte IT- und Wirtschaftsfachleute angewiesen. Die Konkurrenz um pfiffige Softwareentwickler ist groß. Seit Juni 2008 können sie als Mitarbeiter von SD & M freiwillig ein Zeitwertkonto eröffnen, das heißt, sich ein Sabbatjahr oder auch eine frühere Verrentung ersparen. Das Zeitwert-Guthaben ist frei einsetzbar. Das ist ein Grund dafür, dass auch der an der Entwicklung beteiligte Betriebsrat mit dem Ergebnis zufrieden ist: „Wir haben ein schönes, flexibles Modell gestaltet,“ sagt Michael Friedrich, Senior-Berater und Betriebsratmitglied.
Geld und Überstunden für die Freistellung sparen
Um später ein Sabbatjahr oder auch kürzere Freistellungen in Anspruch zu nehmen, können die Nutzer unter anderem alle Urlaubstage auf ihr Konto einzahlen, die über den gesetzlich vorgeschriebenen Mindesturlaub hinausgehen. Die Arbeitsstunden werden in Euro umgerechnet und als Kapital in einem von drei unterschiedlich risikoreichen Anlagemodellen angelegt. So werfen die gesparten Urlaubstage - transformiert in eine Kapitalanlage - Zinsen ab.
Informatiker Brunschede hat sich für die am geringsten verzinste, aber risikoärmste Anlageform entschieden: „Ich wollte die Sicherheit.“ Er habe bisher keinen Haken am Konzept entdeckt: „Da habe ich nichts gefunden, bei dem ich skeptisch geworden bin.“ Betriebsrat Friedrich wünscht sich allerdings, dass künftig nicht allein Urlaubstage, Überstunden und bestimmte Lohnanteile auf das Zeitwertkonto eingezahlt werden können. „Mitarbeiter sollten auch das 13. Monatsgehalt übertragen können. Die Finanzierung eines Vorruhestands ist besser möglich mit mehreren Einzahlungsmöglichkeiten.“
Kein Zusatzurlaub
Arbeitszeitkonten schenken ihren Besitzern keinen Zusatzurlaub. So müssen SD & M-Mitarbeiter schon etwas Geduld haben, ehe sie nach Australien aufbrechen können: Eröffnet eine Mitarbeiterin jetzt gleich nach dem Start des Projekts ein Zeitwertkonto und zahlt zehn Jahre lang je 7,5 Tage zu je acht Arbeitsstunden ein, kann sie nach zehn Jahren für ein halbes Jahr eine Auszeit nehmen. In dieser Sabbatzeit bekommt die Beispielmitarbeiterin 70 Prozent ihres Gehalts - aus dem Guthaben ihres Zeitwertkontos.
Die genaue Ausgestaltung der flexiblen Arbeitszeitregelungen variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Nach den Vorstellungen der Bundesregierung sollen sie aber alle demnächst von Seiten des Arbeitnehmers kündbar sein, falls sie nicht gegen Zahlungsunfähigkeit abgesichert sind. Zumindest für so genannte Langzeitkonten soll dies laut dem aktuellen Entwurf gelten. Wenn der Arbeitgeber die Konten nicht gegen Insolvenz versichert, sollen die Arbeitszeit-Sparer künftig sogar Schadenersatz fordern können.
Die Weltreise im Sabbatjahr ist eine Ausnahme
Wenn in einigen Jahren die ersten Zeitwertkonto-Inhaber bei SD & M ins Sabbatjahr gehen, wird wahrscheinlich nur eine Minderheit von ihnen die Weltreise gebucht oder den Verleger für das zu schreibende Buch schon angerufen haben. Denn die meisten Auszeitnehmer nutzen ihre Freistellung, um dem Burn-Out-Syndrom vorzubeugen, um mehr Zeit für die Familie oder eine Fortbildung zu haben, oder um sich um ihr Eigenheim zu kümmern. Zu diesem Ergebnis kam Barbara Siemers in ihrer wissenschaftlichen Arbeit: „Die Idee, im Sabbatjahr noch mal ganz neu anzufangen, fasziniert Viele. Doch in der Praxis ist es das meistens nicht.“
Auch Matthias Brunschede spart nicht für eine weitere Reise. Sein Wunsch: „Wenn ich einmal Kinder habe, könnte ich mein Guthaben für eine Teilzeitphase nutzen.“