09.01.2009 · Wo geht die Sonne abends hin? Und der Mond am Morgen? Heike Schettler und Sonja Stuchtey haben ihre Jobs als Unternehmensberaterinnen an den Nagel gehängt und widmen sich nun hauptberuflich dem Forscherdrang von Kindern. Vierter Teil unserer Serie über berufliche Neuanfänge.
Von Birgit ObermeierWarum brennt die Kerze nach oben? Wo geht die Sonne abends hin? Und der Mond am Morgen? Es waren neugierige Fragen wie diese, die Heike Schettler und Sonja Stuchtey dazu bewegten, ihren Job als Unternehmensberaterinnen an den Nagel zu hängen und sich nicht nur als Mütter, sondern auch beruflich dem Forscherdrang von Kindern zu widmen. Im Jahr 2002 gründeten sie in Starnberg bei München die private Bildungsinitiative Science Lab, mit der sie in Experimentierkursen bundesweit auf spielerische Weise naturwissenschaftliche Inhalte vermittelten.
Kennen gelernt hatten sich die promovierte Chemikerin und die Diplom-Kauffrau beim Kinderturnen. Schnell waren sie sich einig: Ihre Sprößlinge beobachten ihre Umwelt aufmerksam und verlangen nach Erklärungen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen - die sie im Kindergarten aber oft nicht in befriedigender Form erhalten. Schettler und Stuchtey trafen sich zum gemeinsamen Experimentieren, bald darauf luden sie auch Kinder aus der Nachbarschaft ein. Deren Begeisterung war groß, die beiden Frauen erkannten: Hier gibt es viel zu bewegen. Dass die frühkindliche Bildung in Deutschland stärker gefördert werden muss, darüber herrscht mittlerweile auch in Wissenschaft und Politik Konsens.
Professionell von Anfang an
Den beiden Beraterinnen war von vornherein klar: „Wenn wir uns in dem Bereich weiter engagieren, dann so professionell, wie wir bislang gearbeitet haben“, erzählt Schettler. Nach ihrer Promotion am Tübinger Max-Planck-Institut hatte sie in die Wirtschaft gewechselt - eine Rückkehr zu ihren naturwissenschaftlichen Wurzeln schien ihr reizvoll. Auch wenn damit der Abschied von einem guten Gehalt verbunden war. Die Ehemänner hegten zunächst Zweifel. „Meiner hat mich ausgelacht“, erinnert sich Stuchtey. Rückendeckung gaben sie ihren Frauen dennoch.
Schettler und Stuchtey erarbeiteten ein spiralförmig aufgebautes Curriculum, das Kindern zwischen vier und zehn Jahren einen altersgerechten Zugang zu Fragen aus Biologie, Chemie, Physik, Astronomie und Geologie bietet. Während die Vierjährigen etwa die Beschaffenheit verschiedener Flüssigkeiten untersuchen, experimentieren die Grundschüler mit Luftdruck und -strömung. In punkto Didaktik setzt Science Lab auf die Methode des untersuchenden („inquiry based“) Lernens. „Die Kinder sollen nicht Wissen inhalieren und ausspucken, sondern fragen und forschen“, erläutert Stuchtey und vermittelt dabei eine Begeisterung, die anstecken kann.
Fachliche Unterstützung - und zugleich Reputation - holten sich die beiden Frauen bei namhaften Wissenschaftlern: Schettler überzeugte ihren Doktorvater, den Kieler Werkstoffwissenschaftler Werner Weppner, sowie den Physikprofessor Gisbert zu Putlitz von ihrem Vorhaben. Die wiederum gewannen renommierte Kollegen für den wissenschaftlichen Beirat von Science Lab. Schirmherr der Initiative ist seit kurzem Erwin Neher, der Nobelpreisträger für Medizin aus dem Jahr 1991.
Überzeugungstäter für die Bildung
70 geschulte Leiter halten die Kurse, an denen bundesweit bereits 12.000 Kinder teilgenommen haben. Die meisten haben einen akademischen Hintergrund, zumindest aber ein Faible für Naturwissenschaften und Erfahrung im Umgang mit Kindern. Als Lizenznehmer leiten sie die Kurse in Eigenregie, meist in Kindergärten oder Gemeindezentren. Reich werden sie damit nicht: Die Teilnahmekosten von rund zehn Euro pro Kind und Stunde schließen auch Raummiete und Material ein. „Die meisten Kursleiter sind Überzeugungstäter“, sagt Stuchtey.
Um auch Kinder aus bildungsfernen Haushalten zu erreichen, richtet sich Science Lab auch an Bildungseinrichtungen. Rund 5000 Pädagogen wurden bereits im Umgang mit den eigens für Kindergärten und Schulen entwickelten Experimentierkästen geschult. Dabei fielen oft Sätze wie: „So hätte ich Naturwissenschaften auch verstanden“, erzählt Schettler. Eine naturwissenschaftliche Fortbildung muss qualitativ gut sein“, weiß die Chemikerin. „Andernfalls ist der Boden für diese Themen im Kindergarten endgültig verbrannt.“
Gesponsert, aber unabhängig
Die Fortbildungen werden teils von den Ländern bezuschusst, meist aber von regionalen Unternehmen gesponsert. Als Partner für die Ausstattung der Experimentierkästen ist Siemens im Boot. Einfluss auf die Kursinhalte nähmen die Firmen nicht, versichert Stuchtey: „Wir sind völlig unabhängig.“ Anders als unternehmerische Bildungsinitiativen, die oft stark auf kommunikative Wirkung bedacht sind, hat Science Lab keinen Druck, möglichst schnell zu wachsen. „Mit manchem denkbaren Partner wäre unser Konzept vielleicht eher skalierbar, dafür müssten wir aber Qualitätskontrolle abgeben“, sagt Stuchtey. Das wollen die beiden Frauen nicht.
Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen Kinder und das Bestreben, Begeisterung für naturwissenschaftliche Inhalte zu wecken. Warum es dazu private Initiativen braucht? „Wir sind offen für moderne pädagogische Ansätze, die von Wissenschaftlern längst gefordert, in der Bildungspraxis aber nicht umgesetzt werden“, erläutert Stuchtey.
Auszeichnung zum Social Entrepreneur
Von der Wirkung her betrachtet, ist der berufliche Kurswechsel der beiden Frauen - die nebenbei zwei beziehungsweise fünf Kinder zwischen einem und zehn Jahren groß ziehen - zweifellos eine Erfolgsgeschichte: Science Lab beschäftigt mittlerweile 14 Teilzeitkräfte, hat bundesweit mehrere Tausend Kinder und Pädagogen geschult und gibt darüber hinaus über öffentliche Vorträge Impulse für die naturwissenschaftliche Grundbildung in Deutschland. Allein das Unternehmerinnengehalt ist weiterhin bescheiden.
Für ihr Engagement wurden Schettler und Stuchtey vor zwei Jahren von Ashoka ausgezeichnet. Die internationale Initiative unterstützt Unternehmer, die nicht primär ihren Gewinn maximieren, sondern einen Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel leisten wollen. Der Austausch mit anderen so genannten Social Entrepreneurs sei hilfreich, sagt Schettler, „allein für das eigene Selbstverständnis“.
Was sich die beiden Überzeugungstäterinnen für die Zukunft von Science Lab wünschen? „Unsere Mitarbeiter adäquat bezahlen können“, sagt Schettler spontan. Und nach kurzem Nachdenken: „Schön wäre auch, davon leben zu können.“
Will ich beruflich auch die nächsten Jahre noch das machen, was ich jetzt mache? Viele kennen diese Zweifel. Wir stellen in einer Serie Menschen vor, die sich in der Mitte ihres Karrierewegs um 180 Grad gedreht haben haben. Lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle: Von der Frisörin zur Elfenbeinschnitzerin.