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Karrieresprung: Wendepunkte (3) Zimtzucker statt Zahlen

 ·  15 lange Jahre war Karl-Heinz Jalufka Geschäftsführer einer Import-Export-Firma. Dann machte er sein Hobby zum Beruf: Aus Karl-Heinz Jalufka wurde „Kalle der Crepesbäcker“, der seither auf Jahrmärkten süße Pfannkuchen verkauft. Dritter Teil unserer Serie über berufliche Neuanfänge.

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Der Duft von frisch Gebackenem und Zimtzucker weht jedem in die Nase, der sich dem Stand von Karl-Heinz Jalufka nähert. Geschickt streicht er eine Portion Teig auf der runden, heißen Herdplatte glatt, Dampfschwaden steigen auf. Mit Schwung wendet er den dünnen Pfannkuchen und bestreicht die fertige Seite locker aus dem Handgelenk heraus mit flüssiger Schokolade. Dabei plaudert er fröhlich mit seinen Kunden, grüßt laut rufend Bekannte, die an seiner Bude vorbeigehen.

Was die meisten nicht wissen: Zimtzucker und Teig gehören zu Jalufkas zweitem Leben. Sein erstes Leben bestand aus Zahlen und Fakten, aus Chefdasein, Buchhalterei und Kalkulation. Denn 15 Jahre lang arbeitete er als Geschäftsführer in einem Import-Export-Unternehmen. „Ich habe nie gedacht, dass es mal anders werden würde“, erzählt der Crepes-Bäcker heute.

„Solange ich stehen kann, werde ich Crepes backen“

In Miltenberg, einem 10.000-Seelen-Städtchen am fränkischen Untermain, kennt jeder „Kalle“, den Crepesbäcker. Geschickt faltet er den fertigen Crepes zusammen, insgesamt dreimal, immer mittig. Jeder Handgriff sitzt. Seit 12 Jahren backt Jalufka hauptberuflich die französischen Pfannkuchen, viele Tausend Stück hat er in seinem Leben schon zubereitet. Er fühlt sich wohl mit Kochschürze und Pfannenwender, zwischen Mehl und Nutella. „Solange ich stehen kann, werde ich Crepes backen“ - davon ist er fest überzeugt.

„Dass das einmal zu meinem Beruf werden würde, mit dem ich mich und meine Tochter ernähre, hätte ich mir damals nicht träumen lassen“, sagt der studierte Volkswirt und Soziologe. Damals - damit meint er die siebziger Jahre. Als Student lernte er in den Ferien in Frankreich, wie man Crepes backt. Für diese Köstlichkeit, die den meisten Deutschen zu der Zeit noch weitgehend unbekannt war, findet er bald viele Abnehmer und baut sein Können zu einem lukrativen Nebenjob aus. Nach dem Studium in Hamburg und Frankfurt verschlägt es den gebürtigen Westfalen als Manager zuerst in ein Unternehmen nach Aschaffenburg, dann in das beschauliche Miltenberg.

Irgendwie muss es weitergehen

Dort war er Geschäftsführer der Polymag GmbH & Co. KG, die Export und Import mit osteuropäischen Ländern, hauptsächlich mit Polen, betrieb. 370 Mitarbeiter hat Jalufka in Deutschland und Polen unter sich, Verantwortung und Stress waren beachtlich. „Zeit für meine Familie hatte ich wenig“ erinnert er sich. „Mal einen Roman lesen oder länger in den Urlaub fahren war nicht drin.“ Jalufka ging auf in seinem Job, arbeitete 12 bis 15 Stunden am Tag, plante, kalkulierte, managte - bis der Firma auf einmal die Aufträge wegbrechen.

Mit einem Schlag macht sich die Liberalisierung des osteuropäischen Marktes bemerkbar, die Menschen haben Zugang zu Waren aus ganz Europa und der Welt. Seine Firma geht bankrott, von heute auf morgen ist kein Platz mehr für Jalufka. 51 war er damals - und todunglücklich. „Von heute auf morgen war ich arbeitslos“, erinnert er sich. „Ein ganz schöner Schock.“ Doch irgendwie muss es weitergehen, muss er den Lebensunterhalt für sich und seine damals erst vier Jahre alte Tochter Anna verdienen.

„Reich wird man nicht“

Da erweist sich sein Hobby als Rettung in der Not: Statt wie bisher nur ab und zu auf Kirmes, Dorfweihfest oder Weihnachtsmarkt seine Crepes zu verkaufen, zieht er fortan an 30 Wochenenden im Jahr mit seinem Stand durch den Landkreis. Immer beliebter werden seine Pfannkuchen. Um mobiler zu sein, baut er eigenhändig neben seinem Verkaufsstand auch einen Wagen. Bald reicht seine eigene Arbeitskraft nicht mehr aus. Um dem wachsenden Andrang Herr zu werden, weiht Jalufka Aushilfen in die Kunst des Crepes-Backens ein. Von seinem neuen Job überleben kann er recht schnell.

„Reich wird man in diesem Metier nicht“, das gibt er ehrlich zu, dafür hat die neue Arbeit andere Qualitäten. „Heute bin ich mein eigener Herr, habe mehr Freizeit, um ins Ballett oder die Oper zu gehen“, freut er sich. Nebenbei frischt er derzeit sogar sein Studium der Sozialpsychologie wieder auf und möchte künftig Partner- und Lebensberatung anbieten. Was ihm vor 12 Jahren noch als dramatische Entwicklung in seiner Karriere erschien, hält er heute für ein großes Glück.

63 Jahre alt ist „Kalle“ inzwischen, an Ruhestand denkt er nicht ansatzweise. „Ich bin froh, dass mein Leben damals diese Wendung genommen hat“, sagt er. „Sonst hätte ich womöglich nie erfahren, dass mein damaliger Beruf nur ein Beruf, aber nicht meine wahre Berufung war.“

Will ich beruflich auch die nächsten Jahre noch das machen, was ich jetzt mache? Viele kennen diese Zweifel. Wir stellen in einer Serie Menschen vor, die sich in der Mitte ihres Karrierewegs um 180 Grad gedreht haben haben. Lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle: Freie Bahn für Forscherdrang - frühkindliche Bildung statt Unternehmensberatung.

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